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  • AutorenbildTanja

Exkurs Film: Breaking the Ice von Clara Stern

Aktualisiert: 2. Feb. 2023

Wenn sich Filme hauptsächlich um Sport drehen, bin ich meistens eher raus. Zum Glück hab ich mich bei "Breaking the Ice" nicht vom Titelbild in der Programmliste des Filmfestival Max Ophüls Preis abschrecken lassen, sondern in die Kurzbeschreibung des Films hineingelesen:


Wenn Mira übers Eis rast, scheint ihre Welt in Ordnung zu sein. Als Kapitänin des Eishockeyteams „Dragons“ kann sie die Sorgen über den dementen Opa und die nicht enden wollende Arbeit am Weingut für eine Weile vergessen. Dem täglichen Druck begegnet sie mit Härte und Disziplin, aber als die neue Spielerin Theresa zum Team stößt, wird ihr starres Weltbild in Frage gestellt. Die Frauen verlieben sich und Mira findet den Mut, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Doch die neue Freiheit hat ihren Preis.

Dieser Teaser enthält irgendwie nur die halbe Wahrheit, spricht gleichzeitig aber schon viele Facetten an, die in diesem Film zum Tragen kommen. Mira lernen wir zuerst auf dem Eis kennen, wo sie zwar sehr hart wirkt, aber eben doch einfach wie eine gewöhnliche junge Frau, die ihrem Hobby nachgeht. Erst in den darauffolgenden Szenen lernen wir sie als Enkelin kennen, als Tochter, die gemeinsam mit ihrer Mutter das Weingut der Familie leitet. Von einer Vaterfigur ist in diesem Film nie die Rede. Der Großvater wird von den beiden Frauen betreut unbezahlte Care Arbeit zusätzlich zum Job und zur Jugend, die an Mira vorbei zu ziehen scheint. Doch da ist noch eine (anfangs) abwesende männliche Rolle: der Bruder, nach dem der Großvater in seiner Demenz immer häufiger fragt, obwohl er schon länger nicht mehr zuhause lebt. Abgehauen. Und niemand weiß wohin.


Während der Bruder im Kurztext nicht mal erwähnt wird, so nimmt er im Film eine tragende Rolle ein. Denn eigentlich ist es nicht die neue Team-Kollegin von Mira, die ihr eng getaktetes, diszipliniertes Leben auf den Kopf stellt, sondern er. Als er plötzlich wieder zuhause auftaucht, hat er keineswegs vor seine Mutter und Schwester im Alltag zu unterstützen. (Dabei handelt es sich übrigens nicht um reinen Egoismus und Gleichgültigkeit gegenüber der Familie, sondern um ein Trauma.) Stattdessen reißt er Mira aus ihrem Alltag, nimmt sie mit ins Nachtleben, in dem er jeden Abend einen anderen spielt. Verkleidungen, Schauspielerei, Lust am Verrückten prägen die Zeit mit ihm. Und an eben diesen Ausflügen nimmt auch Theresa teil, in die Mira sich Schritt für Schritt, fast schleichend, verliebt.



Filmstill aus "Breaking the Ice" © Johannes Hoss, NGF Geyrhalter Filmproduktion


Klischeehafter Coming-out-Film?


Im Programm des Filmfestivals habe ich den Teaser zu einem sehr ähnlichen (und gleichzeitig doch auch wieder ganz anderen) Film gelesen: In "Eismayer" geht es um einen harten und disziplinierten Bundeswehr-Offizier, dessen Weltbild auf den Kopf gestellt wird, als er sich in einen neuen Rekruten verliebt. Dieser Film hat zwei Preise gewonnen. Ich selbst hab ihn nicht gesehen, da ich kein Fan von militärischen Settings bin. Trotzdem dachte ich mir beim ersten Lesen etwas in Richtung "Ziemliche Klischees". Die unerschütterlichen Protagonist*innen, die durch die wahre, gleichgeschlechtliche Liebe erschüttert werden.


Breaking the Ice kommt diesem Vorurteil allerdings nicht nach. Mira schläft bereits vor ihrem Aufeinandertreffen mit Theresa mit einer Frau - vermutlich ein One Night Stand. Es ist also kein großer Coming out Moment, der hier begleitet wird, auch wenn ihre Team-Kolleginnen nichts von ihrer Sexualität zu wissen scheinen. Zudem ist Mira nicht vom einen auf den anderen Moment verändert. Wir begleiten sie auf einem Weg, einer Suche. Relativ zu Beginn des Films sehen wir eine sehr intime Szene, in der sie ihren Körper vor dem Spiegel begutachtet. Dabei deckt sie ihre Brüste mit den Händen ab und versucht zu erkennen, wie ihr Oberkörper ohne sie aussehen würde. Und als sie sich auf die Spielereien ihres Bruders einlässt und sich mit Verkleidungen ins Nachtleben stürzt, ist sie mehr als einmal in männlich gelesenen Outfits unterwegs, mal mit männlichem Decknamen, mal als Dragking mit aufgemaltem Vollbart im Anzug ihres Großvaters.


Was für mich als Aussage hinter diesem Spielen mit Geschlechterrollen steckt, ist ein Loslösen von Kategorien. Fällt Mira nun in die Kategorie "Butch", sieht sie das Verkleiden nur als Spiel, als temporäres Entfliehen aus ihrer Position oder ist das der Beginn einer Transition? Das erfahren wir als Zuschauer*innen nicht - und das müssen wir auch nicht. Es dreht sich nicht alles im Leben um Zuordnungen, Schubladen und Festlegungen. Wir dürfen uns suchen. Wir dürfen uns auch finden, aber wir müssen nicht bei dem bleiben, was wir (glauben) gefunden (zu) haben. Das Leben ist kein "entweder - oder", sondern ein Prozess. Und der wird in "Breaking the Ice" mit viel Gespür für Zwischentöne und das Spannungsfeld zwischen unserem Inneren und den Erwartungen des uns umgebenden Äußeren gezeigt.


Preisträgerinnenfilm beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2023


Breaking the Ice hat beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2023 gleich drei Preise abgeräumt. Das Urteil der Jury will ich dir natürlich nicht vorenthalten:


Der MAX OPHÜLS PREIS: BESTES DREHBUCH (FRITZ-RAFF-DREHBUCHPREIS) 2023 geht an Clara Stern für BREAKING THE ICE.

Begründung: Das ausgezeichnete Drehbuch besticht durch seine elegante Dramaturgie und erzählerische Perfektion. Es entspinnt sich ein mitreißendes Drama um eine junge Frau auf der Suche nach ihrer Rolle: als Tochter, Enkelin, Schwester, Geliebte und Kapitänin. Es gibt die Welt auf dem Eis mit ihren festen Regeln, und es gibt die Welt „da draußen“, wo alles im Fluss ist, und nichts sicher scheint. Souverän arbeitet die Autorin mit Bildern und Motiven und beschenkt uns gleichzeitig mit großen Kinomomenten. Wir fiebern mit, wir feiern mit, wir lachen und wir weinen.

Jurymitglieder: Daniel Blum, Oliver Hottong, Shirin Sojitrawalla



Der MAX OPHÜLS PREIS: PREIS FÜR DEN GESELLSCHAFTLICH RELEVANTEN FILM 2023 geht an Clara Stern für BREAKING THE ICE.

Begründung: Wer soll man sein, wenn man jede sein kann?

Ein Mädchen in einer Rüstung. Ein Bruder als Clown. Rollenbilder werden gewechselt wie Kleider bis die falschen abgelegt werden.

Dieser Heldinnenfilm im Eishockeymilieu lässt uns fühlen, wie schwer es besonderes für junge Menschen ist, in unserer Gesellschaft der unbegrenzten Möglichkeiten eine Identität zu finden.

Das komplexe Gefühlsgeflecht von Familienkonflikt, verwirrenden Liebesbeziehungen und hartem Sport werden in diesem besonderen Werk auf gekonnte Art verbunden. Hier erzählt die Regisseurin mit spürbarer Notwendigkeit.

Jurymitglieder Bella Halben, Henk Handloegten, Lorenz Merz, Viktoria Salcher, Emilia Schüle


Der MAX OPHÜLS PREIS: PREIS DER JUGENDJURY 2023 geht an BREAKING THE ICE von Clara Stern.

Begründung: Wer bin ich? Wer soll ich sein? Wer will ich sein? Der Film zieht uns in das Leben der Hauptfigur, die mit genau diesen Fragen konfrontiert wird. Zwischen Verantwortung und Selbstbestimmung, auf der Suche nach der eigenen Identität, kommen innere und äußere Konflikte auf. Es werden Personen gezeigt, mit denen man sich identifizieren kann; Themen, in denen wir uns wiederfinden. Ein Wechselspiel zwischen Schnelligkeit und Gefühl. Authentisch, intensiv und emotional mitreißend. Nicht nur in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird das Eis gebrochen, der Film macht das auch mit uns.

Jurymitglieder: Diego Baer, Leni Kaurin, Clara Niesporek, Karl Schwab, Mizgin Zerey


Obowohl das Filmfestival offiziell bereis zu Ende ist, kannst du manche der gezeigten Filme noch bis zum 5. Februar im Streaming sehen. "Breaking the Ice" ist dabei! Mehr dazu unter www.ffmop.de.

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