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  • Tanja

Exkurs Film: Aus meiner Haut von Alex und Dimitrij Schaad

Es ist wieder Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken und das bedeutet, dass unser Buchclub-Mitglied Tanja ihre Bücher einmal Bücher sein lässt und deutlich mehr Zeit im Kino verbringt als sonst. Im Rahmen des jungen Filmfestivals geht es bei zahlreichen Einreichungen aus den Bereichen Spielfilm, Dokumentarfilm, mittellanger Film und Kurzfilm um politische Themen, die für intersektionalen Feminismus von Interesse sind. Daher gibt es diese Woche - wie schon im letzten Jahr - einen kleinen Exkurs in den Bereich Film.


Eröffnungsfilm "Aus meiner Haut"


Für alle, die nicht so häufig im Festival-Bereich unterwegs sind: Der Eröffnungsfilm hat eine ganz besondere Bedeutung, denn beim Opening sind die Kinosäle für gewöhnlich voll und wer Rang und Namen hat lässt sich die Eröffnung nicht entgehen. Die Festivalleitung hat deshalb die große Aufgabe einen Film auszuwählen, der in der Regel häufiger als alle anderen gesehen und auch mehrfach in der Presse besprochen wird.


Bei der 44. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis haben sich Festivalleiterin Svenja Böttger und ihre Programmleiterinnen Theresa Winkler und Carolin Weidner für einen Ausnahmefilm entschieden, der 2022 bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte und dort den "Queer Lion Award" für besonders gelungene Filme mit LGBTQ-Geschichten oder -Charakteren erhielt. Wer sich die Handlung von "Aus meiner Haut" zum ersten Mal durchliest, ist davon vielleicht irritiert. Denn die Fragen sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität werden in diesem Film nicht plakativ von vorne herein angegangen, sondern kommen sachte, über Umwege ins Spiel.


Ok, worum gehts'?


Wir starten in die Handlung mit Leyla (Mala Emde) und Tristan (Jonas Dassler), einem jungen Paar, das gerade aufgebrochen ist zu einer außergewöhnlichen Reise. Über eine Studienfreundin von Leyla haben die beiden von einem Ort erfahren, an dem Menschen selbstbestimmt ihre Körper tauschen können. Leyla, die an Depressionen leidet, setzt große Hoffnungen in dieses Experiment, während Tristan eher seiner Freundin zuliebe mitmacht. Doch schließlich ist ausgerechnet er derjenige, der völlig davon überfordert ist im Körper des großspurigen, proletenhaften Mos (Dimitrij Schaad) aufzuwachen und seine Freundin im Körper von dessen Frau Fabienne (Maryam Zaree) wiederzuerkennen. Tristan bricht das Experiment, das eigentlich für zwei Wochen angesetzt war, nach wenigen Tagen ab. Ganz zum Leidwesen Leylas, die somit auch wieder den getauschten Körper verlassen muss, in dem sie aber eine bessere Heimat und eine temporäre Flucht aus ihrer Depression gefunden hatte. Zurück in ihren eigenen Körpern müssen beide mit den neuen Erfahrungen und der Rückkehr zum Ausgangspunkt umzugehen lernen.





Das Drehbuch- und Regie-Duo Alex und Dimitrij Schaad bezeichnet den Film, der übrigens ihr erster Langfilm ist, als Science Fiction Liebesgeschichte. Dabei geht es nicht um die Liebe, wie sie in klassischen Hollywood-Filmen dargestellt wird à la Mann trifft Frau, Mann verliebt sich in Frau, Mann erobert Frau. Es geht viel mehr um die Liebe zwischen Menschen, die kompliziert ist, die gereift ist, die bereit ist, Zugeständnisse an die*den Andere*n zu machen. Dabei werden aber mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Höchst interessante und brisante Fragen! Was lieben wir eigentlich an Menschen und welche Rolle spielt ein Körper dabei? Könnten wir eine Person, mit der wir bereits zusammen sind, genauso lieben, wenn sie plötzlich einen anderen Körper hätte - mit anderen Geschlechtsmerkmalen, in einem anderen Alter, mit einer anderen Optik?


Wie queer wird's?


Wenn wir den Begriff "queer" in diesem Zusammenhang in seiner ursprünglich Bedeutung verwenden wollen, nämlich als "andersartig", "schräg", dann können wir sagen: Es wird sehr queer. Für die Idee des Films gibt es kaum Vorbilder, schon gar keine, die das Thema Body Swap ernst behandeln und nicht als Komödie oder Horror-Szenario. Nutzen wir "queer" in seiner uns bekannten Bedeutung als Überbegriff für Abweichungen von der angeblichen sexuellen und geschlechtlichen Norm, dann sieht unser Urteil anders aus. Die Protagonist*innen sind vier endo cis Personen in klassischen Hetero-Zweier-Beziehungen. Trotz der Thematik des Körperlichen wird die Binarität der Geschlechter im physischen Sinne nicht gebrochen. Was durch den Tausch des Äußeren allerdings durchaus möglich ist, ist die Erscheinung einer Person mit weiblich gelesenem Namen in einem männlich gelesenen Körper. Und - so viel Spoiler darf sein - Leyla wird nicht nur in den Körper von Fabienne schlüpfen, sondern auch einen als männlich klassifizierten Körper als neues Zuhause ausprobieren. Für Tristan ist das allein kein Grund sich von ihr zu distanzieren, wodurch er von außen betrachtet eine schwule Beziehung eingeht.


Es wird übrigens nie erwähnt, ob Leyla sich in dieser Phase weiterhin als Frau identifiziert oder als Mann - oder aus diesen Zuschreibungen ausbricht. Sie erinnert eher mit den Worten "Ich bin's, Leyla" daran, dass sich an ihrem Charakter, ihrem "Geist" nichts verändert habe, nur an ihrem Äußeren. Geschlecht ist also eine Kategorie, die in diesem Film ohne Frage eine wichtige Rolle spielt. Noch weiter im Vordergrund steht aber Leylas Depression. Dieser kann sie entfliehen, wenn sie sich in einem anderen Körper befindet, der wieder Antrieb, Motivation für und Lust an Unternehmungen und an Bewegung findet. Macht es sich der Film damit zu einfach? An dieser Stelle tritt bei mir Überforderung ein ob der vorgenommenen klaren Trennung von Körper und Geist. Denn durchaus ist Depression etwas Körperliches, medikamentös und damit physisch Behandelbares. Aber es ist nun mal auch eine psychische Erkrankung, die sich auf den Gemütszustand auswirkt. Wäre es denn möglich, die Depression hinter sich zu lassen, wenn man einen Körper verlassen könnte?


Die Art, in der die Depression dargestellt wurde, möchte ich übrigens positiv hervorheben. Es gab keinen Moment der Abwertung, des "Lach doch mal" oder "Mach doch mal". Es war sehr gut nachvollziehbar, wie schlecht es Leyla ging - was übrigens auch die Charaktere feststellen konnten, die mit ihr den Körper tauschten und demnach in ihre Hülle schlüpften. Trotzallem wurde gezeigt, wie schwer nachvollziehbar dieser Zustand für eine*n Partner*in sein kann. So ist Tristan, der eigentlich als feinfühlige, offene und verständnisvolle Figur gezeichnet wird, überrascht davon, wie sehr es Leyla zusetzt nach dem abgebrochenen Körpertausch-Experiment wieder in ihrem ursprünglichen Zustand gefangen zu sein und was zu opfern sie plötzlich bereit wäre.


Weniger sensibel wird leider mit dem Thema Mehrgewichtigkeit und Körperbilder umgegangen. Und damit bin ich bei einem meiner sehr wenigen Kritikpunkte angekommen: Tristan, gespielt vom sehr schlanken Jonas Dassler, erwacht nach der Tauschzeremonie im Körper von Mo, gespielt von Dimitrij Schaad. Und auch dessen Körper ist innerhalb der gesellschaftlichen Norm und durchaus schlank, wenn auch an manchen Stellen etwas weicher als der von Jonas Dassler. Warum ich die Körper überhaupt kommentiere: Um darzustellen wie unwohl sich Tristan mit dem Körpertausch fühlt, wird sein neuer Körper (der von Dimitrij Schaad) immer wieder als träge, faul, unattraktiv und "zugefettet" dargestellt. Dabei handelt es sich ohne Frage um einen normschönen Körper. Das Unwohlsein dieses Tauschs hätte auch ohne diese Aussagen für alle Zusehenden Sinn ergeben. Die Figur Mo hat einen sehr unangenehmen Charakter abbekommen und konnte in Mimik und Gestik sehr gut imitiert werden. Vermutlich hätten die wenigsten Personen aus dem Publikum mit Mo ihren Körper tauschen wollen - egal ob dünn oder mehrgewichtig. Man hätte sich diese internalisierte (und auch noch vollkommen sinnfrei eingesetzte) Dick_Fett-Feindlichkeit also sparen können.


Und zu guter Letzt: Es geht ja nicht nur darum, was im Film gezeigt wird, sondern auch wer Filme macht. Dieser Film kann leider nicht mit einem diversen Team überzeugen. Drehbuch und Regie sind in den Händen der Schaad-Brüder, produziert wurde von Tobias Walker, Philipp Worm (Walker + Worm), die dafür den Hamburger Produzentenpreis erhielten, in Koproduktion mit Richard Lamprecht (Donndorfilm).


Hast du Lust auf ein Gedankenexperiment?


Wenn dich die Handlung des Films neugierig gemacht hat, dich die Kritikpunkte nicht abschrecken und du Lust hast dich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen, habe ich gute Neuigkeiten für dich: "Aus meiner Haut" läuft nicht nur im Rahmen des Filmfestival Max Ophüls Preis (dort nochmal zu sehen am Freitag, 27.1.), sondern kommt bereits Anfang Februar deutschlandweit in die Kinos.


Von mir gibt es eine absolute Empfehlung für diesen cleveren Film. Er hat mich nachhaltig zum Hinterfragen festgelegter Kategorien angeregt und zwar auf eine ganz neue (da realistisch unmögliche) Art, als ich das in unserem aktivistischen Umfeld ohnehin bereits tue. Geh ins Kino (auch weil Kinos wunderbar magische Orte sind, die langsam auszusterben drohen) und schreib uns danach gerne bei Instagram oder per Mail was der Film mit dir gemacht hat. Wir sind gespannt!


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