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Sushi auf nackten Damen serviert von Gisela Pravda

Sushi auf nackten Damen serviert... mhh. Dieses Bild kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Ich habe ganz klar eine blonde, Weiße Frau im Kopf, die da auf einem Tisch oder sowas in der Art liegt. Es muss also aus einem Film oder einer Serie sein, die ich mal gesehen habe (Ich glaube es ist Sex And The City). Kein Wunder also, dass mich auch der Titel direkt anspringt, wo er sofort eine Assoziation in meinem Kopf auslöst. Das Exemplar meiner Begierde ist also schnell gefunden, auf der Internetseite des Schmetterling Verlags. Obwohl sich dort viele vielversprechende Titel zum Thema Feminismus, Sexismus, Gender etc. finden.


Das Cover spricht mich ebenfalls an. Schlicht, in weiß gehalten, lässt dem provozierenden Titel genug Platz zu wirken. Als das Buch ein paar Tage später bei mir Zuhause im Briefkasten liegt, blättere ich es erst einmal nur durch. Da lese ich nämlich gerade nochmal „Untenrum Frei“, unser März Buch. Das erste was mir auffällt, ist, dass die Zeilen breiter sind, als bei den letzten Büchern, die ich mir vorgenommen hatte. Fußnoten mit Quellenangaben fast auf jeder Seite. Ich habe es hier also mit einem gut recherchierten Sachbuch zu tun.


Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis weist mich darauf hin, dass die 264 Sexismen durch Kategorien gegliedert sind. Es geht mal um die Kindheit, dann um Sexismus in den Medien oder in der Kunst. Insgesamt neun an der Zahl. Abgerundet von einem einleitenden Kapitel und einem kurzen Schlussteil. Zur Autorin selbst, findet sich einzig das Portrait auf der Rückseite des Buches. Gisela Pravda, geboren in Berlin, vor ihrer Pensionierung als Wissenschaftliche Direktorin im Bundesinstitut für Berufsbildung im Arbeitsbereich Fernunterricht und offenes Lernen tätig. Viel zu ihrer akademischen und beruflichen Laufbahn. Wenig zu ihr persönlich, nicht einmal ein Geburtsdatum ist zu finden. Das lässt mich erst einmal stutzig zurück, bis ich anfange das Buch zu lesen.

Hier finden sich nämlich in den Punkten die sie aufzählt, durchaus einige persönliche Erfahrungen aus ihrem Leben. So lernt man sie Schritt für Schritt weiter kennen.


Gerade im Kapitel über sexistische Erfahrungen in der Kindheit, greift sie in die Erinnerungskiste. Sie erzählt vom groß werden in den 40er und 50er Jahren. Sie erzählt davon, wie ihr jüngerer Bruder anders behandelt wurde als sie und ihre ältere Schwester. Aus heutiger Sicht kann man aus dem Wort „anders“ auch gerne „bevorzugt“ machen. Neben diesem persönlichen Touch, bindet sie aber auch immer wieder Studien ein. Eine, welche mir besonders in Erinnerung geblieben ist, aus eben jenem Kapitel, ist die, über die Abtreibungsquote in China. „So hat die Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung seit den 70er-Jahren zur vermehrten Abtreibung weiblicher Föten geführt.“ (S.13) Was zu einer mehrere Millionen starken Differenz von weiblichen und männlichen Babys geführt hat.


Auch im Kapitel über Alltagssexismus, widmet sich Frau Pravda neben Studien und medienwirksamen Ereignissen aus ihrem Leben, wieder persönlichen Erfahrungen. Sie geht da unter anderem auf Debatten ein, die es aus meiner Perspektive mittlerweile in den Mainstream Diskurs geschafft haben. Da geht es zum Beispiel um die Care Arbeit die Frau unbezahlt im eigenen Heim verrichtet. Sie erzählt von einer Beobachtung, die sie ihrem Mann gegenüber gemacht hat:


„Mein allerliebster Herrgemahlsgatte (…) findet offenbar, dass Hausarbeit keine Arbeit ist. Wenn ich am Schreibtisch sitze, fragt er: „Bist du ansprechbar?“ und ist nicht gekränkt, wenn ich sage: „Im Augenblick nicht.“ Aber beim Kochen zum Beispiel brauche ich dieselbe Konzentration wie beim Lesen oder Schreiben. Eigentlich noch mehr. Ein unterbrochener Satz kann jederzeit noch mal gelesen werden. (…) Aber zu viel Salz im Salat (…) das sind Fehler, die sich nicht korrigieren lassen.“ (S. 55)

Eine Situation, die ganz klar aufzeigt wie Care Arbeit als eine Kleinigkeit diskreditiert wird, die man mal schnell nebenbei erledigen kann. Außerdem eine Situation, die ich zwar selbst nicht durchlebt habe, die mir dennoch aus dem eigenen (Groß)Elternhaus bekannt vorkommt.


Prinzipiell konnte ich mich persönlich mit wenigen Beispielen identifizieren, die Frau Pravda aus ihrem Alltag geliefert hat. Was letztendlich wohl aber auch nur logisch ist, da sie mittlerweile über acht Jahrzehnte Lebenserfahrung gesammelt hat. Somit ist Gisela Pravda eine Frau, die miterlebt hat, wie Frauen das Recht zugestanden wurde ohne Erlaubnis des Ehemannes den Führerschein zu machen (1958), sie hat die Einführung der Antibabypille miterlebt (1961) und sie war dabei, als Frauen erstmals ein eigenes Konto einrichten durften (1962). Ihr ist es mit zu verdanken, dass mir Sexismen, die sie in diesem Buch erläutert, fremd sind.


Aus diesem Grund lesen sich einige Punkte aber auch eher als historische Fakten auf dem Weg der Gleichstellung von Mann und Frau und weniger als aktuelle sexistische Erfahrungen. Keine Erwähnung von Cat-Calling, von sexistischem Verhalten auf Social Media Plattformen, keine Anspielungen zu aktuellen Serien und Filmen oder politischen Debatten (#metoo schafft es noch ins Buch). Dafür gibt es einige Beispiele aus den 2000er und frühen 2010er Jahren.


Auch wenn mich die Sexismen aus dem Alltagsleben von Frau Pravda nicht auf einer persönlichen Ebene abgeholt haben, waren dennoch einige extrem spannende Studien dabei. An dieser Stelle will ich jedoch noch anmerken, dass die Ergebnisse, die sie im Buch präsentiert hat, durchaus manchmal 40 Jahre auf dem Buckel haben. Es sind Studien aus den 2010er Jahren dabei, diese sind jedoch eher die Ausnahme. Dies begründet die Autorin damit, dass sie in letzter Zeit keine vergleichbar ausführlichen Ergebnisse gefunden hat, die sich mit den älteren Studien messen könnten.


Als Fazit würde ich gerne eine Leseempfehlung für eine ältere Leser*innenschaft aussprechen (Ich meinerseits bin 22 Jahre). Ich glaube das sich die sogenannte „Boomer“-Generation viel besser mit den 264 genannten Sexismen identifizieren kann. Ganz klar also, eine Geschenkidee für Eltern oder Großeltern, die am Thema Sexismus/Feminismus interessiert sind. Der Schreibstil der Autorin sorgt dafür, dass die Fakten nicht trocken erscheinen. Es wirkt eher so, als würde der Leser*innenschaft ein Mosaik aus Situationen dargestellt werden. Die Sexismen sind mal Fünfzeiler, manchmal erstrecken sie sich über mehrere Seiten. So sind sie auch wunderbar portionierbar. Eine weitere Zielgruppe, sehe ich in Menschen, die sich gerne mal mit Sexismus in einem bestimmten Lebensbereich auseinandersetzen möchten. Gerade die Kapitel über Medizin, Kunst, Genealogie (Ahnenforschung) und über das Göttliche, sind voll von nützlichem Nischenwissen und durch die ausführlichen Fußnoten, findet man dazu reichlich weiterführendes Material.


Anmerkung:


"Sushi auf nackten Damen serviert" wurde unserem Buchclub-Mitglied als Rezensionsexemplar vom Schmetterling Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Meinung unserer Autorin Luca wurde dadurch nicht beeinflusst.



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