• Natalie

Let's Talk About Sex, Habibi von Mohamed Amjahid

„Es liegt auf der Hand, dass Völkerverständigung am besten über Liebe betrieben werden kann: käufliche Liebe, liebevollem Sex, sexuellem Begehren. Indem man in die Schlafzimmer, unter die Schleier, eben in die Liebesleben der Menschen blickt, bekommt man ein wohliges Gefühl für Kulturen, die einem zunächst fern und exotisch erscheinen mögen – davon bin ich überzeugt.“  


Dies sind die von Mohamed Amjahid gewählten Worte, um sein neustes Buch zu beginnen. Ein Buch, auf das er sich freut, auf das er nach eigener Aussage „richtig Bock“ hat. Die ersten beiden Bücher des Autors handelten von der Aufklärung rund um das Thema Rassismus und waren Mohamed Amjahids persönlicher Beitrag zum Abbau kolonialistischer Machtstrukturen, welche noch immer weit verbreitet und allgegenwärtig sind. Dieses Mal will er mehr unterhalten, von den wirklich interessanten Themen sprechen dürfen und den Blick auf die Betten Nordafrikas lenken.


Im Vorwort schreibt der Journalist, Moderator und Autor davon, dass Vorurteile, Desinformation, Fetischisierung und Orientalismus noch heute das deutsche stereotype Bild von Nordafrikaner*innen bestimmen. Auf den Spuren von toxischer Männlichkeit und des feministischen Befreiungskampfes will Mohamed Amjahid einen genaueren Blick werfen auf Themen wie Glaube, Tradition, Sex und Körperlichkeit. Sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und die Benachteiligung von queeren Menschen sind ebenso Teil des Buches wie die Kölner Silvesternacht oder europäischer Sextourismus. Das klingt nach einem ernsten, politischen Sachbuch?

Ja und Nein.


Nach dem Vorwort taucht man als Leser*innenschaft ein in über 40 Kapitel, die erzählerisch unterhaltsam und inhaltlich teilweise sehr intim sind. Über Geschichten aus der Kindheit und Jugend, über Familienangehörige oder Erlebnisse als Journalist erfährt man, wie es ist in nordafrikanischen Apotheken Kondome zu kaufen, warum Donnerstagsabend Sexabend ist und wie hemmungslos das Moussem Festival in Meknes gefeiert wird. Was haben das Bordell von nebenan und die beste Freundin der eigenen Mutter gemein? Wieso lauscht ein kleiner Junge am liebsten bei den Frauengesprächen an Familientreffen? Was hat es mit VCD’s auf sich, die unter den Jungs in der Schule die Runde machten? Wieso nehmen massenhaft Nordafrikaner jeden Morgen einen Löffel Schwarzkümmelöl mit Honig ein?


Mohamed Amjahid nimmt uns mit in den Alltag verschiedenster Menschen und gibt, wie angekündigt, tiefe Einblicke in die Schlafzimmer und unter die Bettdecken individueller Personen. Mit viel Humor, Leichtigkeit und vor allem einer klaren Sprache erzählt er seine eigenen Erfahrungen und berichtet von verschiedenen Zusammenkünften und Erfahrungen – wer bei Themen wie Sex, Masturbation oder Genitalien schnell rot wird, sei hiermit gewarnt: Für Prüderie ist hier kein Platz.


„Let’s Talk About Sex, Habibi“ soll einladen die eigene Bettkante zu verlassen und mit Leichtigkeit und Offenheit in anderer Leute Schlafzimmer zu schauen.


Wie hat uns das Buch also im Allgemeinen gefallen, welche Erwartungen wurden erfüllt, was bleibt offen? Mit diesen Fragen beschäftigen wird uns bei jedem Monatsbuch und waren in unseren Aussagen zu Beginn einig. "Sehr Unterhaltsam, aber ein bisschen zu wenig Input", war nach wenigen Minuten unser Urteil.


Daraufhin fingen wir an uns darüber zu unterhalten, inwiefern wir mit eigenen Vorurteilen konfrontiert wurden und welche Dinge wir nicht vergessen werden, was uns neu war und worin man sich wiedererkannt hat – oder eben nicht. Diese Liste wurde länger und länger, bis uns irgendwann klar wurde, dass wir doch aus fast jedem Kapitel etwas mitgenommen hatten und unser Horizont doch ganz unbemerkt erweitert wurde.


Mohamed Amjahid hat es also geschafft, uns zu täuschen. Durch seine persönliche und erzählende Art reißt er die Lesenden mit, regt dazu an mitzufühlen, mitzulachen und lässt einen vergessen, dass man hier gerade ein Sachbuch vorliegen hat, welches auf seine ganz eigene Art und Weise mit Vorurteilen, Stereotypen und Klischees bricht und Aufklärung leistet. Denn natürlich sind die Sexleben Nordafrikas vielseitig, individuell und gespickt mit eigenen Tücken – wer diese Vielfalt herunterbrechen möchte um so ein festes Bild vom Sex der Nordafrikaner*innen zu schaffen, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Denn spätestens nach der Hälfte des Buches wird einem klar, dass Vielfalt einladend und spannend ist und dass andere Kulturen es wert sind, einen Blick hinein zu werfen. Und mit welchem Thema könnte das spannender und interessanter gestaltet sein als mit Liebe, Sex und Intimität.


*Unsere Buchclubmitglieder haben "Let's Talk about Sex, Habibi" vom Piper Verlag als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt bekommen, was unser Urteil aber nicht beeinflusst hat.

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