• Tanja

Philosophinnen von Rebecca Buxton und Lisa Whiting

"An all die jungen Frauen, die sich im Philosophie-Unterricht fragen, wo die Philosophinnen bleiben: Dies ist euer Buch." So bewirbt der mairisch Verlag den Sammelband "Philosophinnen", der im September 2020 als Original in englischer Sprache ("The Philosopher Queens") erschien. Pünktlich zum feministischen Kampftag am 8. März 2021 folgte die deutsche Ausgabe, die wir uns näher anschauen durften.


Darüber freue ich mich ganz besonders, denn im Rahmen meines Studiums der Kulturwissenschaften habe ich selbst mehrere Philosophiekurse besucht und dort tatsächlich in erster Linie von alten weißen Männern gehört und gelesen. Höchste Zeit also meinen Horizont zu erweitern. Und das geht dank dieses Buches auch ohne Philosophie-Studium sehr gut.


Die Hände lesen mit


Bevor ich zum Inhalt komme, möchte ich ein paar Worte zur Optik und Haptik des Buches verlieren: Alle Bibliophile werden schon vor dem Lesen ihren Spaß mit diesem aufwändig gestalteten Stück haben: Das grafische Cover mit den kräftigen Farben dient schon mal als Blickfang. Doch neben dem Offensichtlichen gibt es auch einige liebevolle Details zu entdecken: Der geprägte Titel und das textil anmutende Cover sorgen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand geben will. Der Innenteil ist stellenweise farbig gestaltet. Passend zum Äußeren zieht sich der Lila-Ton durch die Paratext-Teile wie Seitenzahlen, Überschriften und Autor*inneninfos. Ganz unabhängig vom Inhalt also schon mal ein wirklich schönes Buch.


Eine Zeitreise durch die weibliche Philosophiegeschichte


Fangen wir mal ganz einfach an: Welche großen Philosoph*innen kennst du schon oder von wem hast du zumindest schon einmal gehört? Und lass uns direkt zum Punkt kommen: Wie viele davon sind keine Männer? Wenn einer*einem überhaupt jemand einfällt (vielleicht Hannah Arendt), entsteht der Eindruck, es hätte in der archetypischen Disziplin des Denkens nur sehr wenige Frauen gegeben.


Generell ist dieser Gedanke auch gar nicht so falsch, hatten Frauen es doch viele Jahrhunderte über sehr schwer überhaupt Zugang zu (höherer) Bildung zu erhalten und in männlichen Disziplinen wahr- und ernstgenommen zu werden. Nichtsdestotrotz gab es zu jeder Zeit Philosophinnen, die deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Während sie in zahlreichen Überblickswerken viel zu kurz kommen oder im schlimmsten Fall komplett ignoriert werden, haben die Herausgeberinnen Rebecca Buxton und Lisa Whiting sie in den Vordergrund gerückt und einfach mal auf die altbekannten männlichen Zeitgenossen verzichtet. Ihr Philosophie-Begriff ist dabei sehr weit gefasst, sodass auch Autorinnen und vormals als "gebildete Damen" bezeichnete kluge Frauen berücksichtig werden.


"Wenn wir uns die Welt der antiken Philosophie vorstellen, dann denken die meisten sicher an eine Gruppe alter, bärtiger Männer in Togen. Eine Frau jedoch, die auf öffentlichen Plätzen Vorträge hält, umgeben von großen Menschenmengen, die von weit her angereist sind, um ihr zuzuhören, kommt in dieser Vorstellung wahrscheinlich eher nicht vor. Und genau das ist einer der vielen Gründe, warum Hypatia von Alexandria eine solch faszinierende Persönlichkeit ist." (Lisa Whiting in "Philosophinnen", S. 30).

Das Buch ist chronologisch aufgebaut, beginnt 400 v. Chr. und endet mit Anita L. Allen, die Anfang der 1950er geboren wurde und noch immer als Philosophin wirkt. Dabei können die Kapitel nacheinander gelesen werden, Freigeister können aber auch von Philosophin zu Philosophin springen ohne einen wichtigen Zusammenhang zu verpassen. Die einzelnen Portraits sind recht kurz gefasst und lassen sich so auch mal auf dem Nachhauseweg in der Bahn, in der Mittagspause oder beim Warten auf den Essenslieferservice lesen. Wir empfehlen allerdings unbedingt ein paar Post-its oder Stifte zur Hand zu haben, denn es gibt jede Menge Inspiration, um noch weiter zu recherchieren.


Es ist natürlich naheliegend, die Personen - von vielen davon hatte ich tatsächlich noch nie gehört - erst mal zu googeln. Doch wer Lust hat noch mehr zu erfahren, findet am Ende eines jeden Kapitels eine Literaturliste mit den genannten Werken sowie einen kurzen Abschnitt mit Vorschlägen zur weiterführenden Lektüre. Die meisten davon sind allerdings in englischer Sprache - was in der Philosophie so üblich ist.



Wert auf Diversität


Bemüht man sich einen expliziten Blick auf große Frauen der Geschichte zu werfen - zum Beispiel in der Literatur oder der Kunst - so geschieht es leicht, dass man trotz einer guten Intention wieder nur eine homogene Gruppe abbildet: weiße Frauen der gehobenen Mittel- oder Oberschicht. Buxton und Whiting haben es geschafft, diesen Fallstrick gekonnt zu übersteigen. "[Sie] haben in 'Philosophinnen' zwanzig Portraits einflussreicher Denkerinnen zusammengetragen, von der Antike bis in die Gegenwart, über alle Kulturkreise und Religionen hinweg, verfasst von zwanzig jungen, gegenwärtigen Philosophinnen", so kündigt der Verlag an. Den Begriff "alle" halte ich zwar für zu ambitioniert, aber dass eine ordentliche Bandbreite an Sichtweisen und Realitäten abgebildet wird, hat sich beim Lesen bestätigt.


Da gibt es Ban Zhao, die während der chinesischen Han-Dynastie lebte und später von Frauenrechtlerinnen für ihr Werk "Gebote für Frauen" kritisiert wurde. Wir lernen Lalla kennen, die sich im 14. Jahrhundert im Kaschmir mit ihren Werken dafür einsetzte, dass Freiheit für jede*n erreichbar sei - unabhängig von Kaste, Glauben oder Geschlecht. Vorgestellt wird auch Sophie Bosede Oluwole, die 1935 im kolonialisierten Nigeria geboren wurde und sich mit ihrer Philosophie an die Yoruba anlehnte. Und das sind nur drei von insgesamt zwanzig interessanten Persönlichkeiten.


"In der heutigen Zeit ist es fast unmöglich, etwas über islamische Jurisprudenz, also die Theorie und Philosophie des islamischen Rechts, zu lesen, ohne darin auch die derzeitigen weltpolitischen Streitfragen zu erwähnen, die zu einem angespannten und gespaltenen Diskurs geführt haben. [...] Schon viele Gelehrte haben versucht, diesem dabei notwenigen facettenreichen und nuancierten Ansatz gerecht zu werden, und in diesem Kapitel soll es um eine von ihnen gehen: Azizah Y. al-Hibri - eine der großen islamischen Philosophinnen unserer Zeit." (Nima Dahir in "Philosophinnen", S. 167 f.)

Glücklicherweise bleibt bei den Erzählungen, die auch für Einsteiger*innen gut lesbar und verständlich sind, der "Male Gaze" gänzlich aus: Neben den beiden Herausgeberinnen sind auch die anderen Autorinnen durchgehend weibliche Philosophinnen mit verschiedenen Backgrounds. Hier lohnt sich ebenfalls eine weitere Recherche, besonders für (werdende) Fachkolleg*innen, die finden, dass das Denken und Argumentieren über unser Sein und Werden nicht nur von männlichen Stimmen geprägt werden sollte.


Unser Fazit


Eine tolle Quelle der Inspiration und ein Anstoß, mehr erfahren zu wollen. Außerdem wird man gleich selbst zur*zum Philosoph*in wenn man beginnt sich zu fragen, wie viel wir überhaupt wissen über die Welt, in der wir leben. Denn uns werden doch nur die immer gleichen Ausschnitte daraus gezeigt* - was Schule und Universität angeht also überwiegend männliche, weiße Perspektiven. Also trau dich, dich selbst zu informieren, Menschen zuzuhören, die bisher noch nicht genug Aufmerksamkeit erhalten haben und auf Basis dieser vielseitigen Ansätze abseits des Mainstreams selbst weiterzudenken.

Wir freuen uns, dass wir durch "Philosophinnen" so viel neuen Input erhalten haben. Das Buch ist also nicht nur ein Blickfang, sondern auch ein wirklich empfehlenswerter Zuwachs für die heimische Sachbuchsammlung - und den eigenen Horizont. Wir hoffen, dass es außerdem als Einstiegswerk Einzug in Schul- und Universitätsbibliotheken hält und sich die eine oder andere Lehrkraft so inspirieren lässt, wie wir es getan haben.




Zum Verlag:


Der mairisch Verlag ist ein Independent Verlag aus Hamburg. Vielleicht kennst du ihn ja schon als Initiator des Indiebookdays, der seit 2013 jährlich stattfindet um kleinen, unabhängigen Verlagen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Im Verlagsprogramm findest du viele junge Autor*innen aus den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Musik, Graphic Novel, Illustration und - wie im Falle von "Philosophinnen" - auch modern gestaltete Sachbücher.


Zu den Herausgeberinnen:


Rebecca Buxton und Lisa Whiting sind zwei junge, britische Philosophinnen, die sich vorrangig der politischen Philosophie widmen. Buxtons Schwerpunkt als PhD (Philosophiae Doctor) an der Oxford University liegt im Bereich der Migrationsethik, Whiting macht ihren Masterabschluss in "Government, Policy and Politics" an der Birbeck, University of London.


Anmerkungen:


* Und damit sind wir direkt bei einer der größten Fragen der Erkenntnistheorie, nämlich "Was kann ich wissen?". Ein schönes und für den Alltag taugliches Gedankenexperiment zu diesem Themenfeld ist Platons Höhlengleichnis. Gerne mal googeln (oder in nicht mal fünf Minuten via YouTube erklären lassen) und auf die männlich geprägte Menschheitsgeschichte anwenden.


"Philosophinnen" wurde drei unserer Buchclub-Mitglieder als Rezensionsexemplar vom mairisch Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Meinung unserer Autorin Tanja wurde dadurch nicht beeinflusst.

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