• Luca

Hure spielen von Melissa Gira Grant

Einleitend zum Lesemonat August, der sich um das Thema „Sex Work“ drehen soll, habe ich beim Nautilus Verlag eine Entdeckung gemacht, die ich euch (und mir) nicht vorenthalten möchte. Es geht um die Flugschrift „Hure spielen“, in der Melissa Gira Grant von eigenen Erfahrungen mit Sexarbeit berichtet, vor allem aber aus ihrer aktivistischen Tätigkeit heraus die Geschichte der Bewegung erläutert und alltägliche Narrative, die von außen produziert werden, dekonstruiert.

Vorne weg schonmal folgende Hinweise zu meinem Leseerlebnis: Mit diesem Buch habe ich mich zum ersten Mal aktiv mit Sex Work auseinandergesetzt, weshalb mein Wissensstand quasi bei 0 war. Ich habe also noch nicht genug fundiertes Wissen um manche Aussagen kritisch zu hinterfragen, wie es mir bei anderen Themen möglich wäre. Wenn ihr also beim Lesen auf Sätze, Abschnitte oder Kapitel stoßt, die ihr problematisch findet, die ich aber nicht erwähne, dann lasst es mich doch wissen. Ihr könnt uns gerne einfach eine Nachricht auf Instagram schreiben oder unter den Beitrag für dieses Buch kommentieren. Zudem habe ich keinen Erfahrungshorizont in der Sex Arbeit, weshalb diese Rezension mit einem Blick von außen geschrieben ist. So, ich glaube, dann habe ich alles erwähnt, was mir wichtig war und wir können anfangen.


Zum Buch


Hure Spielen wird von einem Vorwort von Mithu M. Sanyal eröffnet, in dem sie erklärt, dass sie als Feministin nicht die Position einer Prostitutionsgegnerin einnimmt. Mit dieser Aussage macht sie ein in feministischen Kreisen bekanntes Spannungsfeld auf. Es gibt die Seite, die sich ganz klar von Sex Arbeit distanziert, ihr einen „antifeministisch“ Sticker aufklebt, von Zwangsprostitution, Machtgefällen, der verloren gegangenen Autonomie des eigenen Körpers, der Verfestigung von patriarchal geprägten Bildern der Frau redet. Doch wie können Mithu, Melissa und viele andere sich gegen diese Argumentation stellen?

Genau das wird im Buch beleuchtet. Es wird ein anderer Blickwinkel eröffnet, der in den aktuellen Debatten immer noch zu kurz kommt. Die Stimme von Menschen, die Sex arbeiten und eben nicht nur die, die von außen über die Köpfe der Sexarbeiter:innen hinweg entscheiden. Grants Buch ist dabei clever aufgebaut. Sie beginnt nicht direkt bei den polarisierenden Themen, verweigert den Lesenden persönliche Einblicke ihrer Arbeit, um nicht einfach ein voyeuristisches Interesse zu stillen. Sie beginnt mit den Strukturen, die dafür sorgen, dass Sex Arbeit als etwas Schmutziges angesehen wird. Ihr erstes Kapitel handelt von der Polizei.

Hier zieht sie verschiedene Studien heran, die Polizeigewalt an Sexarbeiter:innen dokumentieren. Dass es diese gibt, überraschte mich erst einmal nicht, dass sie jedoch die Gewalt von Freiern an Prostituierten in manchen Ländern um ein Vielfaches übersteigt, das empfand ich als übelerregend. Auch die Tatsache, dass es für die Polizei möglich ist, vermeintliche Sexarbeitende zu jeder Tages- und Nachtzeit zu verdächtigen, da sie in Polizeilogik immer arbeiten, wusste ich zuvor nicht. Bei diesen Kontrollen werden vermehrt queere Menschen festgenommen, da sie im Raster der Polizei eher verdächtig erscheinen.

An dieser Stelle der Lesehinweis, dass Grant explizit die Schwierigkeiten von queeren und trans Sexarbeitenden sichtbar macht, was für mich ein großes Plus war. Die Mehrfachdiskriminierungen und rassistischen Motive, die für BIPoC vorherrschen, wurden meines Wissens nach jedoch nur im Vorwort von Sanyal erwähnt, was wiederum zu einer unvollständigen Darstellung führte. Spannend war zudem der Vergleich, den die Autorin zwischen der „Wiedereingliederung“ von Inhaftierten und Sexworkenden zieht. Die Kontrollinstanzen sorgen bei beiden Gruppen für eine ähnliche Darstellung von Hilflosig- und Unmündigkeit.


Generell werden Sexarbeiter:innen gerne als unmündig geframed. Mit diesem Mythos wird dank einer statistischen Erhebung aufgeräumt. Die Studie „Beyond Gender: An Examination of Exploitation in Sex Work” geführt von Suzanne Jenkins, befragte eine repräsentative Gruppe von 440 Sexarbeiter:innen in Großbritannien zu ihren Bildungsabschlüssen. Was dabei heraus kam? Die Gruppe entspricht ziemlich genau dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Solche handfesten Beweise sind es, die das Buch für mich sehr lesenswert machen. Die Aussagen sind gut recherchiert, man bekommt als lesende Person Fakten vorgesetzt.


Im nächsten Kapitel dann, erläutert die Autorin, wie die heutige Sexarbeiter:innenbewegung entstanden ist. Sie geht dabei sehr genau auf unterschiedliche Strömungen ein, die zur Entstehung dieser beigetragen haben. Dabei stellt sie heraus, dass die Bewegung auch auf den Stone Wall Riots basiert. Für mich, als Person, die gerade anfängt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, war dieser historische Recap extrem hilfreich. Generell empfinde ich Hure Spielen als gutes „Einstiegsbuch“. Aus den geschichtlichen Fakten heraus, kommt Grant dann auf heutige Organisationen zu sprechen, erklärt, wie diese sich untereinander austauschen und verknüpfen. Ich fühlte mich an gewerkschaftlich organisierte Strukturen erinnert, was mich abermals überraschte. Denn bis jetzt hatte ich Sexarbeitende nie als eine gut verknüpfte Gruppe wahrgenommen, sondern eher als einzelne Personen. Was bestimmt auch an der Art liegt, wie über sie berichtet wird.


Eine Stelle, die besonders meine Aufmerksamkeit weckte, ist die, als es um einen exemplarisch genannten juristischen Kniff von einer Escort Firma geht. In den Verträgen mit den Sex Worker:innen wird hier eine Klausel eingefügt, in der steht, dass sie keinen Sex mit der Kundschaft haben. Somit zieht sich die Agentur nicht nur aus der rechtlichen Verantwortung, die sie auf die einzelnen Mitarbeitenden abwälzt, sondern es entsteht auch eine Unsicherheit anderer Art. Wenn vertraglich festgelegt ist, dass etwas nicht stattfindet, was ganz offensichtlich dennoch passiert, dann werden die benötigten Arbeitsmittel (in diesem Fall zum Beispiel Kondome und Gleitgel) nicht zur Verfügung gestellt und müssen von den Arbeiter:innen selbst organisiert und finanziert werden. Dass sich das in ein riesiges gesundheitliches Risiko verwandeln kann, ist, glaube ich, nur logisch.


Sexarbeit ist Arbeit


Ein Gedanke, der das Buch immer wieder aufbringt und den man aus der heutigen aktivistischen Auseinandersetzung kennt, ist: „Sexarbeit ist Arbeit“. Dabei stellt Melissa Gira Grant wunderbar heraus, wie schwierig es ist, diese simple Aussage in die Köpfe der Dominanzgesellschaft zu bekommen: „Klagen und Beschwerden über Arbeitsbedingungen gehören zu jeder Art von Arbeit und sollten nicht als etwas gänzlich anderes angesehen werden, wenn sie von Sexarbeiter_innen kommen.“ (S.72)

Die Tatsache, dass sich Sexarbeitende nicht über Arbeitsbedingungen beschweren können, ohne dass sich Menschen herausnehmen ihnen die Schuld für diese zuzuschieben, ist ein riesiges Problem. Wenn Menschen sich nicht gehört fühlen und dauerhaft mundtot gemacht werden, dann werden sie irgendwann nicht mehr über ihre Forderungen und Schwierigkeiten sprechen. Somit entsteht ein Wissensdefizit über Sexarbeit, welches zu einem unrealistischen Bild führt, welches nichts mit der tatsächlichen Arbeit zu tun hat. A Myth is born.


Die oben bereits erwähnte (feministische) Berichterstattung konzentriert sich auf ein einseitiges Narrativ, wenn es um Sexarbeit geht. Das ist die männliche Lust als Hauptproblem. Die andere Seite, die Seite auf der die Sexarbeiter:innen stehen, die bleibt dabei vollkommen unerwähnt. Der Fakt, dass sich diese Arbeiter:innen ihren Lebensunterhalt, das heißt ihre Miete, ihre Ausbildung, in Amerika auch ihre Krankenversicherung selbstentschieden verdienen, wird unsichtbar gemacht. Hier eine (finde ich zumindest) sehr treffende Aussage der Autorin:

„Die Frage, wen Männer ficken wollen, beschreibt dann ein deutlich handhabbareres und weniger unbequemes Problem. Im Unterschied zu Armut oder gesellschaftlicher Ungerechtigkeit können Frauen, die sich gegen Prostitution und gegen die Rechte von Sexarbeiter_innen engagieren, bei der Frage des männlichen Begehrens auch problemlos behaupten, sie hätten mit diesem Problem nichts zu tun und profitierten auch nicht von ihm.“ (S.76)

Im hinteren Teil des Buches geht die Autorin dann noch auf die Verknüpfung von Sexarbeit als Dienstleistungsarbeit im kapitalistischen System ein. Sie führt dabei den Begriff „begrenzte Intimität“ ein, welcher von der Soziologin Elizabeth Bernstein begründet wurde. Er beschreibt eine Palette an Dienstleistungen, die von Sexarbeiter:innen durchgeführt werden, die zu einem mehr oder weniger intimen Verhältnis mit ihren Kund:innen führen. Der springende Punkt dabei ist jedoch, dass diese Intimität nur als solche von der Kundschaft wahrgenommen wird. Von den Arbeitenden wird sie begrenzt. Hierbei liegt die Grenze, was Intimität bedeutet individuell bei jeder einzelnen Person.


Zudem vergleicht sie Anforderungen von Arbeitgeber:innen aus Nicht-Sexarbeitsberufen mit jenen von Sexarbeiter:innen und macht die Frage auf, ob es nicht Ähnlichkeiten, wenn nicht sogar Gleichheiten gibt. Als Beispiel wird hier Starbucks genannt und ihre policy, der Kundschaft den Kaffee mit einem Lächeln zu servieren. Hier kann man natürlich anmerken, dass es sich bei einem Lächeln erstmal um eine sehr viel weniger intime Dienstleistung handelt. Dennoch empfand ich den Vergleich als sehr interessant, gerade weil „Lächel doch mal!“ eine Aussage ist, die man sich als weiblich gelesene Person des Öfteren anhören darf.


Fazit


Zusammenfassend lässt sich von mir sagen: Wenn euch das Thema Sexarbeit schon länger interessiert, ihr euch aber unsicher seid, wie ihr am besten einsteigen könnt, dann gönnt euch dieses Buch. Ich habe super viele Impulse mitgenommen und das Gefühl gehabt, dass die Autorin mir den Kopf gerade rückt. Aber auf sehr sanfte Art und Weise. Ihr bekommt hier keinen Erfahrungsbericht, sondern eine Einordnung der Sexarbeit in unseren gesellschaftlichen Kontext.


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