• Tanja

Wozu ein feministischer Buchclub?

Aktualisiert: 3. Okt 2020

Was hat Lesen und Schreiben eigentlich mit Feminismus zu tun und welchen Sinn verfolgt ein feministischer Buchclub?



Willkommen zu unserem ersten Blogpost! Bevor wir dir in den kommenden Wochen unsere Leseliste vorstellen, wollen wir heute über unsere Idee des feministischen Buchclubs sprechen.

Wie unser feministischer Buchclub entstand


Lesen ist eine Leidenschaft. Das gilt für uns wie für viele andere Menschen - und wenn du auf unserem Blog gelandet bist, vermutlich auch für dich. Dabei haben wir uns untereinander schon oft über tolle oder weniger gelungene Bücher ausgetauscht, Leseempfehlungen ausgesprochen und das eine oder andere Lieblingsstück verliehen oder verschenkt. Besonders gut funktioniert das, wenn man eine Buchhändlerin persönlich kennt, die eine Brücke zwischen den eigenen Vorlieben und dem Buchmarkt baut und bei interessanten Neuerscheinungen direkt Alarm schlägt. Von diesen Fachfrauen befinden sich gleich zwei in unserem Buchclub - der ursprünglich gar keinen besonderen Themenschwerpunkt haben sollte.


Als wir allerdings darüber nachgedacht haben, welche Bücher wir gerne gemeinsam lesen und diskutieren würden, hat sich schnell herausgestellt, dass Bücher von und über Frauen an erster Stelle stehen. In unserem Alltag - und bei einigen von uns auch im Rahmen des Studiums - spielen feministische Themen eine wichtige Rolle. Der Konsens war demnach schnell gefunden: Unser Buchclub sollte ein feministischer Buchclub werden.


Was bedeutet Feminismus?


Falls du dich bisher noch nicht eingehender mit Feminismus beschäftigt hast, kommt hier eine ganz kurze Definition für dich: Als Feministinnen treten wir dafür ein, dass jeder Mensch unabhängig seines Geschlechts und seiner sexuellen Vorlieben die gleichen Rechte und den gleichen Wert besitzt und sein Leben so gestalten darf, wie sie*er das möchte. Dabei geht es auch um das biologische Geschlecht, viel mehr aber um soziale Konstrukte und Erwartungen, denen man als Frau oder Mann im Alltag begegnet - und erst recht, wenn man sich in keine dieser beiden Kategorien einordnen (lassen) möchte.


Was hat Feminismus mit Literatur zu tun?


Das Schreiben ist, wie du als Buchliebhaber*in selbst weißt, mehr als nur ein Beruf oder eine Fähigkeit, die wir in der Schule erlernt haben. Es geht viel mehr darum, die eigenen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, sie zu gestalten, zu teilen und damit an einem öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Dieser hat mit Macht zu tun, denn er bildet Meinungen, formt unseren Horizont und möglicherweise auch unsere Zukunft. Über viele Jahrhunderte wurde dieser Austausch aber nicht von einem repräsentativen Querschnitt unserer Gesellschaft geführt, sondern vor allem von reichen (und damit gebildeteren), gesellschaftlich anerkannten, weißen Männern.


Beim feministischen Lesen ist es also wichtig, gezielt die Stimmen von Frauen wahrzunehmen, ihre Literatur zu lesen und zu diskutieren. Dabei können wir hinterfragen welche Erfahrungen, die ein Mann seltener oder gar nicht macht, das Werk prägen, welche Sichtweisen wichtig sind und in welchem Verhältnis sie zu unserer Realität stehen. Ganz im Sinne des modernen, intersektionellen Feminismus wollen wir uns dabei auch mit Menschen auseinandersetzen, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen oder diese Kategorien fluide nutzen, die ihr Geschlecht gewechselt haben, die homo- oder bisexuell leben und lieben oder die nicht weiß sind und deren Stimmen daher in unserer Gesellschaft noch seltener gefragt sind und gehört werden.


Brauchen wir heute noch Feminismus in der Literaturbranche?


Nun könnte man denken: Es mag es ja sein, dass in der Vergangenheit Autorinnen eine deutlich schwierigere Stellung hatten als ihre männlichen Kollegen. Aber ist das im 21. Jahrhundert nicht längst Geschichte? Immerhin scheinen in Buchhandlungen nahezu gleich viele Werke von Männern und Frauen zu stehen und jede*r kann doch zum Buchmarkt beitragen. Oder? Ganz so einfach ist es leider nicht.


Ein Beispiel dafür ist der sogenannte "Kanon". Dieser Begriff beschreibt eine Reihe von Werken, die als kulturell besonders wertvoll angesehen werden. Die Auswahl erstreckt sich über mehrere Epochen und Genres und umfasst somit die Romane, Erzählungen, Gedichte, etc., die man "gelesen haben sollte". Sie sind zum Beispiel unumgänglich, wenn du Literatur studieren möchtest und sie tauchen auch schon während der Schulzeit im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht auf. Dieser Kanon ist voll mit Werken weißer Männer. Schau dir zum Beispiel die Leseliste für Student*innen der Neueren Germanistik der Freien Universität Berlin an und zähl doch einfach mal durch, wie viele Frauen darauf vorkommen.


Auch der Blick in die Buchbranche - also nicht die wissenschaftliche Beschäftigung mit, sondern der Wirtschaftszweig rund um Literatur - macht nicht mehr Hoffnung. Das Projekt VIDA Count untersucht die Berichterstattung über neue Bücher in Feuilletons und auf journalistischen Literaturseiten mit Blick auf das Geschlecht ihrer Autor*innen: Zwar unterscheiden sich verschiedene Zeitungen entlang ihrer redaktionellen Linien ein wenig voneinander, grundsätzlich kann aber festgehalten werden: rund 75% der besprochenen Bücher stammen von Männern. Und auch die Rezensent*innen waren meist männlich. Zudem sind Autorinnen im Bereich von Fach- und Sachbüchern deutlich seltener anzutreffen als bspw. bei Romanen. Das zeigte das deutsche Pilotprojekt Frauenzählen in den Jahren 2016 und 2017. Klingt nicht nach Gleichberechtigung.


Schauen wir uns zudem die Bücher an, die von Kritiker*innen hervorgehoben und von Jurys als besonders gelungen eingestuft wurden, so sind auch dort nur wenige Autorinnen* zu finden. Der Literaturnobelpreis ging insgesamt 100 mal an einen Mann und nur 15 mal an eine Frau. Ähnlich schlecht sieht es bei anderen Preisen des Literaturbetriebs aus. Damit einher geht nicht nur mehr Ruhm für Männer, sondern auch mehr Geld durch den Gewinn des Preisgeldes und aufgrund der darauf folgenden Einladungen zu Lesungen, Talkrunden, usw.


Dass Frauen einfach nur schlechter schreiben würden, ist natürlich ein schwaches Gegenargument. Denn lies doch mal ein dir nicht bekanntes Buch bzw. einen Ausschnitt daraus und versuche nur am Inhalt zu erkennen, ob es von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde. Vollkommen unmöglich!


Du siehst also: Es ist noch viel zu tun! Daher wollen wir uns gezielt mit Literatur von Frauen und queeren Menschen auseinandersetzen und bewusst aus der Perspektive von Frauen lesen und diskutieren - über Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten und besonders über feministische Bücher aus dem Bereich der Sach- und Fachliteratur. Los gehts!

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