• Tanja

Gender Stereotype in Walt Disney Filmen

Im Lesemonat April haben wir "Entstellt" von Amanda Leduc gelesen. In diesem Buch, das eigentlich "nur" hätte ein Essay werden sollen, beschäftigt sich die Autorin mit Behinderung und Märchen, wobei klassische Geschichten der Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen thematisiert werden, aber eben auch ihre moderneren Adaptionen - wie die von Walt Disney. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie mir die Verbindung von Märchen und Behinderung bisher nicht auffallen konnte - vor allem weil ich meine Bachelorarbeit 2016 vor dem Hintergrund einer feministischen Fragestellung zu Walt Disney geschrieben habe. Auch in der Fachliteratur ist mir damals nichts dazu begegnet.


Nachdem ich nun eine neue Perspektive kennenlernen und weiteres diskriminierungssensibles Wissen hinzugewinnen durfte, habe ich meine Bachelorarbeit noch einmal herausgeholt und gelesen. Und mir gedacht: Warum nicht den anderen Buchclubmitgliedern - und allen Leser*innen dieses Blogposts - erzählen, womit ich mich damals beschäftigt habe.


Hier also ein kleiner Einblick dazu, wie feministische Themen in der Forschung Platz finden können; in meinem Fall in der Kultur- und Mediengeschichte.


Was genau hab' ich untersucht?


Die Fragestellung meiner Arbeit lautete folgendermaßen: "Wie unterscheiden sich die Inszenierungen geschlechterspezifischer Rollenbilder im frühen und späten Walt-Disney-Film und durch welche sozio-historischen Kontexte begründen sich die internationalen Erfolge dieser Produktionen?" Um diese Frage zu beantworten, wurden exemplarisch ein früher Disney-Film (Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937) und ein neuerer Disney-Film (Mulan von 1998) ausgewählt und analysiert.


Als wissenschaftliche Grundlage und zur besseren Einordnung wurde in den ersten Kapiteln das Unternehmen Walt Disney knapp vorgestellt, danach die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, sprich "der Zeitgeist", dargelegt. Als bspw. Schneewittchen in deutschen Kinos gespielt wurde (zehn Jahre nach dem eigentlichen Erscheinen 1937), befand sich Deutschland in der Nachkriegszeit und zu großen Teilen unter amerikanischer Besatzung. Warum der Film auch in Deutschland so gut ankam, könnte zum Beispiel so interpretiert werden: "Durch die verlorene, nationale Identität nach dem Zweiten Weltkrieg, sowie die durch den Nationalsozialismus verunreinigte Kultur entstand ein tiefes Bedürfnis nach Ersatz. Heide Fehrenbach sieht in diesem Verhalten sogar eine Art von „Wiedergutmachung des Chauvinismus“ durch neue Offenheit gegenüber anderen Kulturen als Symbol politischer Neuorientierung und Identität. Das kulturelle „Kosmopolitentum“ nach Hitler, stünde als Zeichen des aufgeklärten, „neuen“ Deutschen. Als weitere Erfolgsfaktoren werden ästhetische Qualität und schlichtweg Modernität genannt." (aus der Arbeit zitiert und dort belegt). Aus heutiger Sicht würde ich diese Auslegung etwas kritischer betrachten und eher den Fakt anführen, dass es sich in dieser zwar amerikanischen Verfilmung immer noch um ein europäisches Märchen und eine vielen bekannte Geschichte handelt.


Sexismus & Ageism bei Walt Disneys "Schneewittchen"


First things first! Es scheint offensichtlich, sollte hier aber trotzdem erwähnt werden: "Im klassischen Märchen wird meist eine passive und hilflose, dafür jedoch schöne und junge Frau (später: Prinzessin) dargestellt, die am Ende des Plots für ihre Unterwürfigkeit mit der wahren Liebe ihres männlichen Retters, dem Prinzen, belohnt wird."


Bei Schneewittchen ist dieser Plot mehr als deutlich. Doch zusätzlich ist die spätere Prinzessin trotz ihrer Jungfräulichkeit auch mütterlich (gegenüber den Zwergen und Tieren im Wald) und damit das stereotype Idealbild einer Frau im klassischen Sinne. Tatsächlich müsste man eigentlich von einem Mädchen sprechen, denn Schneewittchen ist im ursprünglichen Märchen gerade einmal 7 Jahre alt. Und um noch ein ganz anderes Thema anzuschneiden: Sie wird - genauso wie Prinzessinnen-Kollegin Dornröschen - ohne Einvernehmlichkeit, nämlich im Zustand der Bewusstlosigkeit, vom Prinzen geküsst, was nicht zu einem scheinbar romantischen Ende der Geschichte führen sollte sondern zu einer Diskussion über Consent. Aber well...


Ich habe mir im Rahmen der Arbeit gezielt die Genderrollen genauer angesehen und dabei gleich zu Beginn des ursprünglichen Märchens und auch der Disney-Version festgestellt: Wie in so vielen Märchen, gibt es auch bei Schneewittchen keine Mutterfigur. Bei den Gebrüdern Grimm ist die Mutter verstorben, Disney schweigt einfach über den Verbleib der Mutter. "Prinzipiell kommen in den 39 Disney-Animationsfilmen lediglich zehn Mutterfiguren vor, wobei Dumbos Mutter beispielsweise eingesperrt wird und Bambis Mutter bereits in der ersten Hälfte des Filmes stirbt. Dies zeigt sehr deutlich Disneys Hang zur Darstellung „destruktive[r] Mutterfiguren“ und Familienverhältnisse auf." Doch ihr "Ersatz" ist zur Stelle und trägt die erste Charaktereigenschaft bereits im Namen: die "böse" Stiefmutter. Und schon ist ein Dualismus hergestellt: die liebe, schöne, junge Frau und die böse, neidische, hässliche, alte Frau. Und ihr Verhältnis dreht sich ausschließlich um - na, wie könnte es anders sein - Schönheit. Ohne jetzt zu tief in die Bildanalyse des Filmes einsteigen zu wollen, kommt hier ein kurzer Eindruck, wie die beiden Figuren im Film eingeführt werden:


Die böse Stiefmutter beschwört, schwarz gekleidet, umgeben von Dunkelheit in einem steinernen, abgeschiedenen Raum "durch Sturm und Nacht" den Geist im Spiegel herauf, dessen Erscheinen von Flammen und Rauch angekündigt wird. Schneewittchen hingegen sitzt im Freien auf einer Treppe, die sie gerade putzt, umgeben von weißen Tauben und mit einem Lied auf den Lippen. (Nachdem ich den Film für meine Arbeit natürlich wieder und wieder schauen musste, waren es tatsächlich die Lieder, die mich gegen Ende auf die Palme gebracht haben. Schneewittchen ängstigt sich im Wald so sehr, dass sie zu Boden stürzt und zusammenbricht. Danach wird sie wach und singt "sei vergnügt, sing ein Lied". Die Zwerge sind auf dem Weg zu ihrer harten körperlichen Arbeit im Bergwerk und singen dabei ein Lied, wobei "vergnügt und froh" schon im Text vorkommt. I mean...). Für die Darstellung der beiden Frauenfiguren (der Vater spielt übrigens auch keine Rolle) gibt es mehrere Ansätze: die Stiefmutter als femme fatale und Schneewittchen als femme fragile oder aber die Bezeichnung "monsterwoman" und "angelwoman", die von Gilbert & Gubar geprägt wurde. Man könnte außerdem sagen: Hier liegt ganz klar geschlechtsspezifischer Ageismus vor, indem alte Frauen prinzipiell als böse dargestellt werden.


Walt Disneys Sidekicks


Nun könnte der Einwand folgen: "Es gibt doch aber auch die gute Fee, die Cinderella in der Kürbis-Kutsche zum Ball fährt." Ja, in der Tat, diese Figur wird weiblich gelesen und ist vermutlich auch schon etwas älter. Sie übernimmt die Rolle der "Godmother". Mit ihrem rundlichen Körper und der lustigen, gut gelaunten Art ist sie zwar kein Bösewicht, aber doch eher ein Sidekick in der Erzählung. Bei Schneewittchen nehmen diese Rolle die Zwerge ein (was natürlich in erster Linie eine ableistische Tatsache ist, aber das war mir damals nun mal noch nicht bewusst).


"Mit Blick auf die Genderkonstruktionen verkörpern die Zwerge trotz ihrer geringen Größe einige als typisch männlich kategorisierte Ideale, darunter beispielsweise die Erwerbstätigkeit. Alle sieben Zwerge, auch Seppel, der durch fehlende Haare und Bart sowie eine sehr unkoordinierte und lustige Handlungsweise recht kindlich erscheint, arbeiten im Bergwerk. Den Haushalt sehen sie weniger als ihre Aufgabe an. Ihr Verhalten wirkt teilweise etwas ungehobelt, so haben Hygiene und Manieren für sie eine geringe Priorität. Schließlich sind sie es aber, die Schneewittchen bei sich aufnehmen, dafür sorgen, dass es ihr gut geht (sie überlassen ihr beispielsweise alle sieben Bettchen) und dass sie in Sicherheit ist. Nach der Intrige der Königin rächen die Zwerge das Mädchen, indem sie die Hexe jagen – bis in ihren Tod. Letztlich sind es also immer die Männer, die die in ein Unglück geratene Frau verteidigen oder retten müssen. Der Prinz und die Zwerge symbolisieren Aktionismus und Tapferkeit und sind der Protagonistin wie auch der Antagonistin und somit beiden weiblichen Figuren deutlich überlegen."


Verschiedenen Quellen zu urteilen sind die Sidekicks bei Disney übrigens generell als asexuell und aromantisch zu betrachten. Sie streben nicht nach romantischer Liebe oder sexueller Erfüllung. Manchen wird kein Geschlecht zugewiesen (so zum Beispiel dem kleinen Drachen Mushu im Film Mulan), einige werden in der Fachliteratur als queer bezeichnet.


Mulan - Genderfragen als Teil der Handlung


Bei Mulan, einer amerikanische Aneignung des chinesischen Sagen-Stoffes der Hua Mulan, wird Geschlecht einige Jahrzehnte später zum direkten Thema eines Disney-Films: Die junge Mulan zieht heimlich an Stelle ihres alten und kranken Vaters mit der all-male Armee in den Krieg gegen die Hunnen, wobei sie sich durchgehend als Mann ausgeben muss, um in diesem Umfeld akzeptiert zu werden. Nach einer Verletzung fliegt der Schwindel jedoch auf und sie wird verstoßen. Als sie auf ihrem Heimweg einen Hinterhalt der Hunnen entdeckt, kehrt sie trotzdem zur Truppe zurück um diese und den Palast des Kaisers vor dem Angriff zu retten. Wohlgemerkt: In der tatsächlichen Sage gibt sich Mulan schon während des Feldzugs als Frau zu erkennen und sorgt damit eben nicht für einen Eklat - dieser Teil stammt von Disney.


Dass sie in das Rollenbild der "guten Tochter" auch vor ihrer Entscheidung in den Krieg zu ziehen nicht wirklich hineinpasst, wird schon in den ersten Minuten des Films deutlich, als sie bei der Heiratsvermittlerin einen äußerst schlechten Eindruck hinterlässt, da "weibliche Tugenden" wie Pünktlichkeit, Ordnung, Zurückhaltung und Eleganz nicht unbedingt ihrem Charakter entsprechen. Mulan gilt als "Raufbold" (tomboy). Besonders interessant sind hierbei die Lieder des Films. Wenn du magst, kannst du dir ja mal "Ich muss Ehre bringen" anhören, ein Lied über das Frauenbild im Film und im Gegenzug dazu "Sei ein Mann", was die Männer in der Armee singen.


Und auch was das Ende des Filmes angeht, wird hier schonmal gespoilert: Obwohl Mulan ihre Truppe und "ganz China" vor den Hunnen rettet, vom Kaiser dafür ausgezeichnet wird und an seinem Hofe als oberste Beraterin dienen könnte, entscheidet sie sich dafür nach Hause zurückzukehren, wo ihr Vater ihr mitteilt "die Rose, die am spätesten blüht werde die schönste von allen sein" (im übertragenen Sinne: nun kannst du ja doch noch eine gute Tochter werden) und sie zu allem Überfluss auch noch die romantische Liebe zum Hauptmann der Truppen findet. Also, Mulan: You do you... Aber was sind das schon wieder für Geschichten, die wir unseren Kindern da vorsetzen? Halten wir wenigstens eine gute Tatsache fest: Mulan rettet Hauptmann Chan das Leben (und später auch dem Kaiser und ganz China) und revanchiert sich so für ihre vorherige Rettung - als Chan allerdings noch dachte sie sei ein Mann und bevor er sie wegen ihres Geschlechts aus der Gruppe verstößt und sie sich selbst überlässt.


Crossdressing bei Walt Disneys Mulan


Eine Szene aus Mulan sei noch hervorgehoben: Als sie im Palast des Kaisers in dessen Zimmer eindringen will, um ihn zu retten, muss sie die davor postierten Hunnen ablenken. Dazu nimmt sie drei männliche Side Characters, die sie in der Armee kennengelernt hat, und verkleidet sie als Frauen, die sich flirtend und kichernd den Wachen nähern. Im Film werden sie nicht nur als "Konkubinen", sondern als "hässliche Konkubinen" bezeichnet - und das obwohl sie die schönen Kleider und das Make-up tragen, das bei Frauen als Schönheitsideal angesehen wird. Crossdressing - und damit das Verstoßen gegen Rollenstereotype - wird also deutlich abgelehnt. In der Fachliteratur wird dabei teilweise Bezug auf Queerness oder Transgender genommen, was hier negativ dargestellt und ins Lächerliche gezogen würde.


Notiz an mich selbst: Liebe Tanja von vor 6 Jahren...


Es ist quasi ein ungeschriebenes Uni-Gesetz, dass man frühere Arbeiten nicht nochmal lesen sollte. Und das hat einen Grund. Ohne zu streng zu mir selbst sein zu wollen (Ich hatte mir dieses Thema aus Interesse ausgesucht, aber nie ein Seminar dazu gehabt), habe ich zahlreiche Kritikpunkte. Das beginnt bei fehlendem Basiswissen: kein Wortüber feministische Filmwissenschaft, über Laura Mulveys Male Gaze Theorie, den Bechdel-Test. Und es geht weiter mit fehlender Intersektionalität. Aus heutiger Sicht müsste zumindest einmal der Begriff "kulturelle Aneignung" erwähnt werden, wenn ein amerikanischer Konzern eine chinesische Sage nimmt und sie nach eigenen Wünschen abändert, damit eine unterhaltungstauglich skandalöse Geschichte dabei herauskommt - mit der dann Unmengen an Geld verdient wird. Auch bin ich (wie anfangs schon erwähnt) nicht auf ableistische Aspekte eingegangen, habe den Begriff "Ageism" nicht verwendet, Körperbilder nicht besonders beleuchtet und die Bezüge zu scheinbar queeren Charakteren und queerfeindlichen Ansätzen nicht weiter verfolgt.


Aus heutiger Sicht muss außerdem noch ergänzt werden, dass für die Realverfilmung von Mulan in Xinjiang gedreht und im Abspann ausdrücklich Dank für diese Kooperation ausgesprochen wurde, obwohl dort brutal gegen die Uiguren vorgegangen wird. Aktivist*innen riefen zum Boykott des Films auf. Das konnte ich 2016 zwar noch nicht wissen, es sei hier aber der Vollständigkeit wegen noch erwähnt.


Gimme more


Für alle, die mehr dazu lesen oder selbst dazu forschen wollen, kommt hier eine unvollständige Literaturliste zum Thema Feminismus & Märchen / Disney:


Lori Baker-Sperry/Liz Grauerholz, The Pervasiveness and Persistence of the Feminine Beauty Ideal in Children’s Fairy Tales, in: Gender and Society 17, H. 5, 2003, S. 711-726.


Elizabeth Bell, Somatexts at the Disney Shop. Constructing the Pentimentos of Womens Animated Bodies, in: Ders./Lynda Haas/Laura Sells, Hg., From Mouse to Mermaid. The Politics of Film, Gender and Culture, Bloomington 2010, S. 51-57.


Allison Craven, Beauty and the Belles. Discourses of Feminism and Femininity in Disneyland, in: European Journal of Women’s Studies 9, H. 2, 2002, S. 123-142.


Amy M. Davis, Good Girls and Wicked Witches. Women in Disney’s Feature Animation, Eastleigh/Bloomington 2010.


Rebecca-Anne C. Do Rozario, The Princess and the Magic Kingdom: Beyond Nostalgia. The Function of the Disney Princess, in: Women’s Studies in Communication 27, H. 1, 2004, S. 34-59.


Sandra M. Gilbert/Susan Gubar, The Queen’s Looking Glass, in: Zipes Jack, Hg., Don’t Bet on the Prince. Contemporary Feminist Fairy Tales in North America and England, Aldershot 1986, S. 201-208.


Sean Griffin, Tinker Belles and Evil Queens. The Walt Disney Company from the Inside Out, New York 2000.


Barrie Gunter, Television and Sex Role Stereotyping, London 1986.


Marcia R. Lieberman, “Some Day My Prince Will Come”. Female Acculturation through the Fairy Tale, in: College English 34, H. 3, 1972, S. 383-395.


Gwendolyn Limbach, “You the Man, Well, Sorta”. Gender Binaries and Liminality in Mulan, in: Cheu Johnson, Hg., Diversity in Disney Films. Critical Essay on Race, Ethnicity, Gender, Sexuality and Disability, Jefferson 2013, S. 115-128.


Sarah Rothschild, The Princess Story. Modeling the Feminine in Twentieth-Century American Fiction and Film, New York 2013.


Mia Adessa Towbin/u.a., Images of Gender, Race, Age and Sexual Orientation in Disney Feature-Length Animated Films, in: Journal of Feminist Family Therapy 15, H. 4, 2004, S. 19-44.


Jack Zipes, Happily Ever After. Fairy Tales, Children, and the Culture Industry, New York 1997.


Jack Zipes, The Enchanted Screen. The Unknown History of Fairy-Tale Films, New York/ u.a. 2011.



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