• Tanja

Exkurs Film: Störenfrieda von Alina Yklymova

Störenfrieda: ein Film aus dem Ruhrpott, der eigentlich genauso gut auch im Saarland spielen könnte, wo er beim Filmfestival Max Ophüls Preis Weltpremiere feierte. Denn hier trifft Vergangenheit auf Zukunft und damit zwei Welten aufeinander: Bergarbeiter und queere Aktivist*innen. Das Kino-Publikum konnte leider nicht so sehr überzeugt werden, dass es "Störenfrieda" den Publikumspreis verliehen hätte. Schade, kann ich da nur sagen, denn ich habe diesen mittellangen Film wirklich sehr geliebt und würde einem Kommentar, den ich bei Instagram gesehen habe, definitiv zustimmen: "Wenn Störenfrieda eine Serie wäre, würde ich mir jede Folge anschauen."


Worum geht's?


Eine FLINTA*-Kneipe im Wohnzimmer eines lesbischen Paares: ein Safe Space, ein Raum für die Community, in der sich alle in der gleichen Bubble bewegen. Und dann kommt Gunter. Unangemeldet klopft er an der Tür seiner Tochter Ava und quartiert sich kurzfristig bei ihr ein. Das wird allerdings nicht nur zum Problem für Ava und Sascha, die von nun an mit Gunter zusammenwohnen, sondern auch für ihre Kneipe Störenfrieda. Denn weiße cishet Männer, die keinerlei Vorwissen oder Sensibilität in Sachen Queerness mitbringen, sind dort nicht gerne gesehen. Tatsächlich vehält sich Gunter, dem man aufgrund seiner unkomplizierten, herzlichen Art nur schwer böse sein kann, wie der Elefant im Porzellanladen. Es sprengt mit seinen unwissenden und unbedachten, diskriminierenden Äußerungen den Safe Space. Ava versucht zu intervenieren, will ihren Vater nicht vor die Tür setzen, kann ihn aber auch nicht einfach Teil ihrer Welt sein lassen, in die er so gar nicht hineinpasst. Die Abstellkammer wird zu seinem Schlafzimmer. Doch warum er sich zurückziehen sollte, wenn doch im Zimmer nebenan abends eine Kneipe mit kühlem Bier öffnet, kann Gunter nicht nachvollziehen.


Wenn Welten aufeinanderprallen


Regisseurin Alina Yklymova und Autorin Lisa Brunke haben mit ihrem Gunter den Antagonisten einer jeden feministischen Bewegung gezeichnet, den alten weißen cis Mann, und es trotzdem geschafft ihn nicht als komplettes Arschloch darzustellen. Als ehemaliger Bergarbeiter hat Gunter durchaus Sinn für Community und sieht sich selbst auch als offenen Typ, der am Abend gerne mit den jungen Leuten etwas trinken würde. In seiner Unreflektiertheit ist er aber ein heftiger Störfaktor in diesem Umfeld.


Interessant ist auch, dass seine Gegenspielerin nicht unbedingt Tochter Ava ist, sondern vor allem deren Partnerin Sascha. Vielleicht kennst du es ja auch selbst: Egal wie viele Diskussionen wir schon mit unseren Eltern geführt haben, egal wie oft wir ihnen erklären, dass bestimmte Aussagen oder Begriffe diskriminierend sind, es gibt auch die Momente, in denen wir mit der eigenen Familie nachsichtiger sind als mit anderen Personen. Ava steht also - obwohl sie ihre klare feministische Positionierung nie aufgibt - zwischen den Fronten. Zum Beispiel wenn es gerade so scheint, als hätten die drei unfreiwilligen Mitbewohner*innen endlich einmal einen gemütlichen gemeinsamen Morgen und die Stimmung würde sich endlich ein wenig lockern. Doch dann kommt Gunter mit einer lustigen Geschichte über einen früheren Kumpel um die Ecke, den er ganz nebenbei ableistisch beleidigt. Während Sascha sofort interveniert und Gunter unsanft auf seinen Fehler und seine fehlende Diskriminierungssensibilität hinweist, hätte Ava in dieser Situation von sich aus vermutlich geschwiegen.


Doch Kampf gegen das Patriarchat und das Patriarchat als Übernachtungsgast auf dem Sofa - das geht nun mal nicht so gut zusammen. Also muss sich Ava entscheiden.


Zusätzliche Pluspunkte


Beim Schauen von Störenfrieda schlägt das rebellische, feministische Herz! Die Hauptstory um Gunter, Ava und Sascha wird - trotz der Kürze des Films - um kleine Einblicken in den Community-Alltag der queeren Aktivist*innen ergänzt. Egal ob nächtliche Spray-Aktionen oder FLINTA*-Partys, der Soundtrack (u.a. mit Rap / Punk von FAULENZA) macht Laune. Auch der Cast mit Katharina Abel als Ava und Massiamy Diaby als Sascha ist enorm gut getroffen. Sie spielen ihre Rollen absolut authentisch, sind beide ursympathisch, auch in ihrer Verschiedenheit. Außerdem ist die intime Szene der beiden ein perfektes Beispiel dafür wie ästhetisch und erotisch Körper sein können, die von der Mainstream-Normschönheit abweichen.


Kurzum: Ganz viel Liebe für Störenfrieda!


Zum Film


Störenfrieda

Mittellanger Film | 26 Minuten

Premiere: Deutschland 2022

Regie: Alina Yklymova

Buch: Lisa Brunke

Cast: Katharina Abel, Massiamy Diaby, Thomas Krutmann


Hier gibts den Trailer zum Film!

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