• Tanja

Sei kein Mann von JJ Bola

Ein Buch, geschrieben von einem cis-Mann¹, über Männer und in erster Linie für Männer - gelesen von einem feministischen Buchclub? Warum das Sinn macht und wie unsere erste Leseerfahrung zum Thema Männlichkeit(en) war, erfährst du im heutigen Blogpost.


"Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist"


So lautet der Untertitel der deutschen Übersetzung. Im Englischen trägt das Buch den Titel "Mask Off. Masculinity Redefined" und in einer vermeintlich portugiesischen Übersetzung (die Info stammt vom Google Translator und darf gerne korrigiert werden) ganz anders als im Deutschen "Sei ein Mann". Was denn nun? Ein Mann sein, kein Mann sein oder Männlichkeit neu definieren? Wo die Titel Verwirrung schaffen, lässt der Inhalt keine Fragen offen: Mit diesem Buch wendet sich Autor JJ Bola keinesfalls gegen Männer - sondern gegen das patriarchale System und seine stereotype Vorstellung von Männlichkeit. "Erst wenn wir keine stereotypen Männer mehr sein müssen, können wir sein, wer wir möchten.", so der letzte Satz des Buches.


Wer diese Aussage besser verstehen möchte, der*dem sind die vorherigen 140 Seiten wärmstens zu empfehlen. Bola fasst sich kurz, streift in acht Kapiteln durch verschiedenste Themenfelder wie Mythen der Männlichkeit, Gewalt und psychische Gesundheit, Liebe, Sex und Einvernehmlichkeit, Politik, Sport und Social Media. Die Einstiegsbarrieren für Lesende sind aus unserer Sicht niedrig: Die Sprache ist gut verständlich (von einigen Stolpersteinen in der Übersetzung und Versäumnissen des Lektorats abgesehen), Fachbegriffe werden meist erklärt, die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und begriffen.


Bola, der im Kongo geboren wurde und als Kind mit seiner Familie nach London flüchtete, bringt Erzählungen seiner eigenen Erlebnisse mit ein, die Männlichkeit(en) in unterschiedlichen Lebensphasen und kulturellen Kontexten darstellen. Es bleibt jedoch nicht bei der subjektiven Ebene: Statistische Daten belegen die gemachten Erfahrungen und dafür gefundenen Erklärungsansätze und erlauben einen Einstieg in die Masculinity Studies - also die Männlichkeitsforschung von verschiedenen Standpunkten aus.


Wusstest du zum Beispiel, dass Selbstmord die häufigste Todesursache bei Männern unter 35 Jahren ist? (S. 44) Dass Fälle häuslicher Gewalt um 40% ansteigen, wenn die Nationalmannschaft bei einer WM verloren hat? (S. 30 & 129) Oder dass es in der kongolesischen Kultur (und nicht nur dort) nichts Außergewöhnliches ist, wenn heterosexuelle Männer händchenhaltend durch die Straßen spazieren? (S. 12) Den in westlichen Ländern verbreiteten Zusatz "no homo" brauchen sie beim körperlichen Ausdrücken ihrer Zuneigung nicht, denn sie werden nicht in dem Glauben erwachsen, dass Männern nur dann Zärtlichkeit zusteht, wenn sie homosexuell, "feminin" oder mit ihren Partnerinnen im privaten Raum sind.


Was bringt uns dieses Wissen?


Nur wer Missstände sieht, kann etwas dagegen unternehmen. Wer "Sei kein Mann" liest, kann bereits die ersten beiden Schritte in die richtige Richtung vornehmen: Erkennen, welche Nachteile durch das Ausleben des stereotypen männlichen Rollenbildes entstehen und zugleich die Ursachen dafür erkennen, die im Patriarchat begründet liegen.


Jungen profitieren nicht davon, wenn wir ihnen sagen, sie sollen stark sein, sollen sich nicht "mädchenhaft dranstellen", keine "Pussy" sein oder sie aus einer homophoben Sichtweise heraus beleidigend als schwul bezeichnen - wie es im sportlichen Kontext leider noch immer viel zu oft vorkommt. Es hilft ihnen nicht, wenn mit dem Ende ihrer Kindheit der Ausdruck nicht-romantischer Liebe einfach aus ihren familiären oder freundschaftlichen Beziehungen herausgestrichen wird. Und indem wir sie immer wieder darauf programmieren, dass Gefühle etwas typisch Weibliches seien, schaffen wir eine äußerst ungesunde Basis für den Umgang mit Problemen. Wer nicht lernt zu reden, keine Zuneigung oder Hilfe findet, der sucht sich vermutlich eher ein als männlich charakterisiertes Ventil für seine Hilflosigkeit - zum Beispiel Aggressivität (gegen Objekte, andere Menschen oder sich selbst).

  • Wenn Männer nun also erkennen, dass das Annehmen und Reproduzieren dieser gesellschaftlichen Regeln auch ihnen schadet, ...

  • Wenn Familienmitglieder mehr darüber lernen, wie sie ihren Kindern eine gute Basis für deren künftiges Leben bieten können, ...

  • Wenn Menschen frühzeitig merken, dass nicht sie es sind, mit denen etwas nicht stimmt, sondern dass das Problem ein engstirniges System ist, das keine Individualität duldet und nur zwei soziale / charakterliche Kategorien vosieht, ...

...dann könnten wir einer zeitgemäßeren Vorstellung von Persönlichkeit in Bezug auf Gender ein ganzes Stück näher rücken und vielen Menschen eine Menge Leid ersparen.



Männlichkeit(en) - ein Thema für Feminist*innen?


Passt dieses Buch denn nun in einen feministischen Buchclub?


Im Dezember haben wir uns ausführlich mit dem Thema psychische Gesundheit auseinandergesetzt und als Anlaufstelle für Betroffene in einem Posting u.a. das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" genannt. Zu diesem Beitrag erreichten und schon bald mehrere Kommentare einer anhand ihres Namens männlich gelesenen Person. Der erste davon lautete wie folgt: "Warum gibt es sowas nicht für Männer? 75% der Gewalttaten werden an Männern verübt. Warum werden Frauen trotz diesem Fakt so stark bevorzugt? Warum wird nie vom Feminismus auf Häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer aufmerksam gemacht? Jeder Vierte Mann hat schonmal Häusliche Gewalt erlebt. Warum macht ihr Feministen darauf nicht aufmerksam? Einfache Antwort: Matriarchat."²


Aus unserem Blickwinkel enthält dieser Kommentar zwei Seiten. Jemand hat ein tatsächlich bestehendes Problem erkannt, bei dem Männer in manchen Situationen einen Nachteil gegenüber Frauen haben: Gerade bei psychischer oder sexueller Gewalt sind für männliche Opfer die Hemmschwellen höher, die Hilfsangebote seltener oder weniger sichtbar und die gesellschaftliche Akzeptanz geringer. Die genannten Zahlen können wir so allerdings nicht bestätigen.


Mit der Begründung liegt der Kommentator allerdings meilenweit daneben. Widrigkeiten, denen Männer gegenüberstehen, werden nicht zwangsläufig von Frauen verursacht. Dass Frauen und queere Menschen ihre Rechte einfordern, heißt nicht, dass Männer künftig benachteiligt werden sollen. Und ganz nebenbei: In unserer Gesellschaft existiert kein Matriarchat, sondern eben das Gegenteil. Zudem sind es durchaus Feminist*innen, die sich auch mit Männlichkeit(en) beschäftigen, stereotype Rollenbilder in alle Richtungen hinterfragen und aufzeigen, welche Nachteile dadurch entstehen. Falls du unseren ersten Blogeintrag zur Gründung des Buchclubs gelesen hast, kommt dir unsere Definition von Feminismus bereits bekannt vor:


"Als Feministinnen treten wir dafür ein, dass jeder Mensch unabhängig seines Geschlechts und seiner sexuellen Vorlieben die gleichen Rechte und den gleichen Wert besitzt und sein Leben so gestalten darf, wie sie*er das möchte."


Daher haben wir ein Buch eines Mannes über Männlichkeit(en) und für Männer auf unsere Leseliste gesetzt - und es ist nicht das einzige dort aus diesem Themenbereich.


Fazit


Bei unserem Buchclubtreffen zu "Sei kein Mann" waren wir uns alle einig, dass wir dieses Buch sehr gerne gelesen haben und zum nächsten passenden Anlass direkt verleihen oder verschenken werden. Zum einen, weil es unseren Blickwinkel um eine reflektierte, cis-männliche Perspektive auf Gender erweitert hat. Zum anderen, weil Bolas Ansichten wahrhaft feministisch sind. Zwar zeigt er die Probleme auf, denen Männer gegenüberstehen, behält dabei jedoch immer die Ursache im Blick: Ein System, das primär Frauen unterdrückt, aber im Umkehrschluss eben nicht automatisch vorteilhaft für alle Männer ist. Er verweist auf die Situation queerer Menschen, BIPoC, Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen und berücksichtigt all diese Faktoren umsichtig - ohne diskriminierte Gruppen gegeneinander auszuspielen oder ihr Leid aufzuwiegen. Er weist immer wieder auf die Errungenschaften des Feminismus hin - auch für Männer. Auf S. 89 schreibt er: "Wenn ich dann also Kerle sehe, vor allem junge Typen, die den Feminismus angreifen, weißt du, wie das rüberkommt? Als ob die Feuerwehr in eine wirklich abgefuckte Wohnsiedlung geht, um einen Brand zu löschen, sie aber gesteinigt [wird]. Das ist es, was du tust, du steinigst die verdammten Rettungskräfte."


Umso enttäuschter sind wir, dass Bola sich nach eigener Aussage nicht "Feminist" nennen will - aus Bescheidenheit und Gründen der Abgrenzung von anderen. (S.94) Schade, denn genau solche Vorbilder könnten helfen, den feministischen Kreis auch auf heterosexuelle cis-Männer auszuweiten und uns somit einen großen Schritt weiter voranbringen.


¹ "cis" oder "cisgender" beschreibt Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. Ein cis-Mann ist demnach eine Person, die als Junge zur Welt gekommen ist und sich mit dieser Zuordnung wohlfühlt - also nicht als transgender, non-binary oder genderfluide lebt.


² Das Matriachat ist das Gegenteil des Patriarchats, also eine Gesellschaft, die von Frauen dominiert wird, deren Machtpositionen, Gesetze und gesellschaftliche Regeln von Frauen geprägt wurden & werden. Demnach wären Frauen strukturell bevorzugt.

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