• Natalie

Schreie und Flüstern von Lisa Kreißler

Aktualisiert: 23. Okt. 2021

Stadt oder Land. Freund*innen oder Familie. Glückseligkeit oder Trauer. Leben oder Tod. Lisa Kreißler schreibt in ihrem dritten Roman über viele Themen. Gekonnt verknüpft sie große Lebensfragen mit kleinen Alltagsproblemen und erschafft im Ganzen einen Roman, der ein stimmiges und vor allem aber ein stimmungsvolles Bild ergibt.


Triggerwarnung für den Roman und diesen Blogpost: Fehlgeburt


Der Roman handelt von der Schriftstellerin Vera, diezusammen mit ihrem Mann Claus und ihrem Sohn Siggi von Leipzig aufs Land nach Pohle zieht. Dort hat Claus ein Haus geerbt, welches die kleine Familie renovieren und bewohnen kann. Nachdem Vera während der Schwangerschaft ihr ungeborenes zweites Kind verliert und sie die Entscheidung, aufs Land zu ziehen immer mehr bereut, ziehen dunkle Wolken über dem Familienalltag auf. Vera vermisst ihre Freunde, das Kulturangebot der großen Stadt und entfernt sich immer mehr von ihrem Mann. Der Verlust des Kindes bringt die junge Frau an ihre emotionalen Grenzen und stellt alles in Frage. Den einzigen Halt, den sie zu haben scheint, ist ihr Sohn Siggi. Ein kleiner Junge, der seiner Mutter immer wieder große Lebensfragen stellt und sich vor allem für den Tod interessiert.

Die Autorin Lisa Kreißler wurde 1983 geboren, arbeitete bereits als Kellnerin, in einer Anwaltskanzlei und studierte Theaterwissenschaften. Unter anderem lebte sie in Städten wie Berlin, Stockholm und Leipzig. Nachdem das Leben in Leipzig jedoch ins Stocken gerät und neue Ideen und Träume immer öfter auf sich warten lassen, entscheidet das junge Ehepaar aufs Land ins niedersächsischen Pohle zu ziehen. Die erste Zeit gestaltet sich für die junge Autorin nicht immer einfach, eine Schreibblockade und die Frage, ob dies die richtige Entscheidung war, quälen sie. Lisa Kreißler beginnt Tagebuch zu schreiben und setzt so, ganz ungeplant, den ersten Impuls für ihren inzwischen im Mairisch Verlag erschienen Roman Schreie und Flüstern. In ihrem Schreiben verarbeitet die Autorin viele Elemente ihres realen Lebens, wie viel jedoch tatsächlich autobiographisch ist und welche Passagen hinzugedichtet wurden, wird den Lesenden nicht verraten.

Begeistern konnte mich das Werk in erster Linie durch die Dynamik, welche wie ein roter Faden durch das Werk zieht - durch das Schreien und das Flüstern im Buch. Vera, die sich windet, die leidet und schreit. Teilweise Mitleid erregt, an anderen Stellen jedoch auch nervt und unnachvollziehbar handelt. Eine junge Frau, die sowohl die Menschen in ihrem Umfeld, aber scheinbar auch ihr eigenes Glück auf Abstand hält und in ihrem Leid gefangen scheint. Zwischen diesen lauten Kapiteln sind Einzüge, die flüstern. Leise und ruhig, andächtig und fast mystisch wird von einem Winterbaum erzählt, von der Natur, die sich mit den Jahreszeiten ändert und von nicht menschlichen Waldbewohnern. Als Vera im Laufe der Geschichte dann doch noch einmal schwanger wird, verändert sich ihre Sicht auf das Landleben, auf die Dorfleute und auch das Verhältnis zu ihrem Mann. Sie wird offener, sieht auch die schönen Dinge und kann langsam wieder atmen. Die Brücke zwischen Natur und der Schwangerschaft zu ziehen, macht meines Erachtens nach durchaus Sinn und hätte stellenweise gerne noch weiter ausgeführt werden können. Die Tatsache, dass Vera jedoch einzig und allein durch das Mutterwerden schlagartig aus ihrem Tief herausfindet und wieder Lebensfreude entwickelt, war für mich persönlich nicht ganz stimmig. Zu schnell erholt sich Vera von ihrem Leid, nur durch die Gewissheit, schwanger zu sein, ist von einem auf den anderen Moment alles wieder leicht und rosarot. Ob dies von meiner eigenen Lebensrealität zu weit entfernt ist oder meine Vorstellung von Glück davon zu sehr abweicht, sei dahin gestellt.

Trotz dieser kleinen Unebenheit für mich persönlich, möchte ich diesen Roman jedoch gerne weiterempfehlen - an alle, die sich gerne in die Natur flüchten oder das Stadtleben schätzen, die gerne Familien- und Eheromane lesen und für alle, die sich mit dem Scheitern und Wachsen einer jungen Frau auseinandersetzten möchten.

Schreien und Flüstern erschien als gebundene Ausgabe am 30.08.2021 im Mairisch Verlag und umfasst 224 Seiten. Wer gerne mehr über die Autorin und den autobiographischen Zusammenhang erfahren möchte, sollte sich das Gespräch von Katja Weise und Lisa Kreißler im NDR Kultur a la carte, vom 17. September 2021 anhören.

https://www.ndr.de/kultur/sendungen/ndr_kultur_a_la_carte/Lisa-Kreissler-ueber-Schreie-und-Fluestern,sendung1178826.html


Unsere Autorin Natalie hat ein kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten, das ihre Meinung zum Buch aber nicht beeinflusst hat.


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