• Tanja

Exkurs Film: Para:dies von Elena Wolff

Aktualisiert: 16. Feb.

Seit ich diesen Film gesehen habe, wollte ich etwas dazu schreiben. Und doch schiebe ich diesen Blogpost jetzt schon eine ganze Weile vor mir her, weil es so viel zu sagen gibt, ich nicht weiß wo ich anfangen soll und die Themen teilweise ganz schön anspruchsvoll sind. I'll try my best...


First things first: Worum gehts?


Lee und Jasmin leben gemeinsam in der ländlichen Umgebung Salzburgs. Wir lernen sie über eine Interview-Sequenz kennen, denn eine Dokumentarfilmerin, durch deren Linse wir als Zuschauer*innen sehen, wird sie in ihrem Alltag begleiten. Und eben den sehen wir zu Beginn des Films, eher unspektakulär, das Haus von Lees Eltern, in dem die beiden wohnen, Lees leise Sehnsucht nach der Stadt, während Jasmin ihre Heimat verlassen hat. Ein Tag am See, Jasmin, die sich schminkt, Lee beim Spielen mit einer Katze. Es scheint weniger um besondere Geschehnisse, als um Charakterportraits zu gehen. Jasmin wird als die Ruhigere, die Bedürftigere, die stärker Liebende präsentiert, Lee als stärkere, temperamentvollere Persönlichkeit. Dies zeigt sich beispielsweise bei einem Ausflug in die Stadt, bei dem das queere Paar von zwei Männern beleidigt wird. Während Lee die Konfrontation sucht, will Jasmin beschwichtigen. Die Dynamik der Beziehung erscheint den Zuschauer*innen eindeutig.


Dieser Eindruck verstärkt sich, als Lee von einer Freundin besucht wird. Jasmin begibt sich dafür in die häusliche Rolle, bietet Getränke an, serviert Essen, wird über den Abend immer ruhiger, je betrunkener Lee und deren Freundin werden. Die beiden beginn in ihrem Rausch sich über die "mütterliche" Jasmin lustig zu machen, sie aus ihrer Verbundenheit an diesem Abend auszugrenzen - bis Jasmin letztlich begleitet von Dokumentarfilmerin Amira weinend auf der Terrasse landet.


Exkurs Psychologie


Im Verlauf des Films scheint die anfangs so harmonische Beziehung immer mehr toxische Züge anzunehmen bzw. zu offenbaren. Lee versucht vor allem sich selbst darzustellen, stellenweise scheint dey mit der Kamera(frau) zu spielen, zu flirten. Regisseur*in Elena Wolff erklärt im Regiekommentar: "Der Film beleuchtet die Dynamik zwischen "narcissist" und "narcissist enabler" und befasst sich mit queerer und lesbischer Selbstfindung und -akzeptanz."


Die Begriffe "narcissist" und "narcissist enabler" stammen aus der Psychologie und beschäftigen sich mit Dynamiken in Beziehungen - oft im familiären Kontext, die aber auch in romantischen Beziehungen entstehen oder aus früheren Erfahrungen weitergeführt werden können. Der*die Narzist*in steht dabei im Mittelpunkt und stellt seine eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle. Nicht selten werden die Gefühle der anderen Personen innerhalb des Beziehungsgeflechts nicht ernstgenommen, Gaslighting ist eine häufige Folge dieser Hierarchie. Der*die Ermöglicher*in ist dabei der Gegenpart. Die Person nimmt nicht nur sich selbst zurück und versucht die Wünsche der*des Narzist*in zu erfüllen, er*sie findet auch Entschuldigungen und aus seiner*ihrer Sicht Erklärungsansätze für das Verhalten der*des Narzist*in und hält damit nach außen die Fassade der glücklichen Beziehung aufrecht.


Diese Dynamik ist im Film deutlich erkennbar und man glaubt die Protagonist*innen sehr klar in dieses Schema einordnen zu können. Durch die Einzelinterviews mit der Dokumentarfilmerin wird außerdem sichtbar, dass Lees familiäre Situation schwierig ist, Jasmin hingegen aus einer intakten Familie kommtt. Während Jasmin lustige Geschichten aus ihrem Familienalltag erzählt und dabei (aus)gelassener wirkt als in den Passagen, in denen die Paarbeziehung im Vordergrund steht, möchte Lee nicht bzw. nur widerwillig über deren familiären Background sprechen. Zudem ist es deren wichtig, dass das Fehlen der Vaterfigur nicht als Pathologisierung ihrer Geschlechtsidentität oder Sexualität genutzt oder in Amiras Filmprojekt als tragische Geschichte inszeniert wird.


Queerness vor und hinter der Kamera


Wie dir beim Lesen sicher schon aufgefallen ist: Lee ist, ebenso wie Regisseur*in und Autorin Elena Wolff, dey die Rolle "Lee" auch selbst spielt, nicht-binär und damit vermutlich der erste nicht-binärer Charakter in der österreichischen Filmlandschaft. Dieser Aspekt wird im Film nicht besonders hervorgehoben, sondern fließt natürlich in die Handlung mit ein, wenn in den Interviews die Pronomen dey/deren benutzt werden. Der Anspruch der authentischen Sichtbarmachung queerer Realitäten bezieht sich dabei nicht nur auf die Handlung: "80 Prozent der Personen vor sowie hinter der Kamera sind weiblich bzw. nicht-binär und/oder queer. Dies ist eine bewusste künstlerische Entscheidung, um dem queeren Narrativ die notwendige Sorgfalt und Lebenserfahrung entgegenzubringen", so Elena Wolff im Regiekommentar.


Inwiefern der Plot mit seinem Fokus auf Beziehungsdynamiken auch mit der Darstellung eines heterosexuellen Paares funktioniert hätte, darüber ließe sich sicher lange sinnieren. Erst in den letzten Minuten des Films wird offenbart, dass auch Dokumentarfilmerin Amira queer ist. Hat sie in bestimmten Sequenzen bereits mit ihrer objektiven und rein beobachtenden Position hinter der Kamera gebrochen (bspw. indem sie beim Tag am See die Pommes probiert, von Lees Freundin angesprochen wurde oder bei besagtem Party-Abend die weinende Jasmin getröstet hat), so gibt sie letztlich auch ihre Unsichtbarkeit auf. Von Lee und Jasmin aufgefordert, tritt sie vor die Kamera und in den direkten Austausch mit beiden.


*Achtung Spoiler*


Provoziert von Lees Fragen, ob Jasmin denn Gefallen an Amira habe, lädt sich die Situation sexuell auf und endet in einem Dreier. Was in scheinbarem Einvernehmen aller Beteiligten begonnen hatte, zeigt erst am nächsten Morgen seine wahren Auswirkungen: Lee scheint sich ausgegrenzt zu fühlen, ist wütend auf Jasmin, unterstellt ihr mehr Gefallen an Amira zu finden als an they selbst. Diese klassisch toxische Situation scheint aus Zuschauer*innen-Perspektive den Höhepunkt der Ungleichgewichts in der Beziehung darzustellen: Dey selbst hatte Jasmin aufgefordert Amira zu küssen und keinerlei Unbehagen über die Situation geäußert. Erst im Nachhinein rückt sie mit deren Beschuldigungen heraus. Erst ganz am Ende wandelt sich der Eindruck der beiden Protagonist*innen, der sich bei den Zuschauenden den ganzen Film über gefestigt hatte. Denn Lees Eifersucht ist begründet: Tatsächlich sind sich Jasmin und Amira parallel zu den Dreharbeiten heimlich näher gekommen, hatten abseits von Lee via Chatnachrichten Kontakt und sich Bilder zugeschickt. Darüber hinaus sei es nicht das erste Mal, dass Jasmin fremdgeht.


Diese überraschende Wendung ließ mich verwirrt zurück. Zum einen passt dieses Verhalten nicht zu dem Bild von Jasmin, das man sich selbst gemacht hatte. Zum anderen begeht Lee einen Vertrauensbruch, indem dey den früheren Betrug anspricht. Denn beide Partner*innen hatten sich im Voraus darüber geeinigt, diesen Aspekt während des Filmprojekts nicht anzusprechen. Außerdem hatte dey Jasmins Handy kontrolliert, um zu deren Erkenntnissen zu gelangen. Genauso hat aber auch Jasmin ihre Partner*in hintergangen. Doch kann ihr auch für den Dreier ein Vorwurf gemacht werden, wenn Lee diesen doch scheinbar auch wollte? Oder war es nur eine Probe für deren Partnerin? War es ein Versuch, Jasmin nicht zu verlieren, indem dey sich selbst in die neu gewachsene Beziehung mit Amira integrieren wollte?


Fragen über Fragen. Fest steht, dass das Aushandeln von Beziehungen oft nicht eindeutig ist und dass Verbindungen, die auf den ersten Blick harmonisch scheinen, in der Tiefe auch verletzlich sein können, alte Wunden bereit sind wieder aufzureißen oder Differenzen brodeln. Ob die Offenbarung am Ende nun die Co-Abhängigkeit des "narcissist enablers" vom "narcissist" aufbricht oder die Dynamik trotzallem bestehen bleibt - der Betrug sogar daran begründet liegt? Ich werde noch lange darüber nachdenken...


Max Ophüls Preis Bester Schauspielnachwuchs


Für ihre Performance als Jasmin erhielt Schauspielerin Julia Windischbauer den Max Ophüls Preis Bester Schauspielnachwuchs. Die Jury begründete ihre Entscheidung wie folgt: "Julia Windischbauer zeigt mit ihrer Figur, wie eng Schmerz und Freude, Scham und Mut innerhalb einer co-abhängigen Beziehung beieinander liegen, und sie setzt diese gegensätzlichen Gefühle scheinbar mühelos frei. Ab der ersten Szene von PARA:DIES werden wir Zeugen, wie fatal sich ein Mensch in einem immer schneller rotierenden Gefühlskarussell verstricken kann. An dieser dramatischen Abwärtsspirale und schlussendlich ihrer Befreiung lässt uns Julia Windischbauer durch ihr unmittelbares Spiel mit verblüffender Leichtigkeit teilhaben." Para:dies ist nicht die erste gemeinsame Arbeit von Elena Wolff und Julia Windischbauer. Seit 2018 arbeiten die beiden gemeinsam an Filmen, deren Themen sich u.a. um Selbstfindung, Identität und Selbstverständnis sowie Schönheit, Beziehung und Trauer drehen. PARA:DIES ist ihr erster Langspielfilm.


Zum Film


Para:dies

Spielfilm | 76 Minuten | FSK 12

Premiere: Österreich 2022

Regie: Elena Wolff

Buch: Elena Wolff

Cast: Julia Windischbauer, Elena Wolff, Selina Graf, Melanie Sidhu


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