• Tanja

Nur JA! heißt ja von Shaina Joy Machlus

Mein Name ist Tanja, ich bin 26 und seit knapp fünf Jahren in einer exklusiven Beziehung mit meinem Freund. Wir gehören zu den etwas nervigen Paaren, die noch immer kitschig verliebt und sich unheimlich nahe sind. Bis vor wenigen Tagen hätte ich auf die Frage, ob mein Freund und ich einvernehmlichen Sex haben, ohne mit der Wimper zu zucken mit "ja" geantwortet. Natürlich! Dann habe ich Shaina Joy Machlus' "Anleitung zu sexuellem Konsens" gelesen und wenn du mich heute danach fragst, erkläre ich dir ein Konzept, das vielleicht auch deine Sichtweisen und Glaubenssätze auf den Kopf stellt.


Tell me more!


"Bevor dieses Buch zum Buch wurde, war es ein Fanzine und davor ein Artikel." (S. 13) So eröffnet die in New Jersey geborene und in Barcelona lebende Schriftsteller*in Shaina Joy Machlus ihr Buch "Nur JA! heißt ja", das als erste Ausarbeitung zum Thema sexueller Konsens 2019 in Spanien erschien. "Konsens" bedeutet eigentlich nichts anderes als Einvernehmlichkeit, also dass alle Beteiligten (in diesem Fall an Sex, aber auch an anderen, alltäglichen Handlungen) Lust dazu haben und ihre Zustimmung geben. Diese Basis, die in einer idealen Welt eine Selbstverständlichkeit wäre, wird leider von vielen Menschen ignoriert, nicht ernstgenommen, aus Scham oder Angst vor Ablehnung nicht hinterfragt oder aus Gewohnheit nicht besprochen.


TRIGGERWARNUNG SEXUALISIERTE GEWALT


Machlus' wichtige Ausführungen blieben anfangs ungehört. Man schenkte ihnen so wenig Aufmerksamkeit wie dem ganzen Themenkomplex generell. Wie so oft wird der öffentliche Blick erst dann auf diese vermeintlich privaten Schauplätze gelenkt, wenn ein Unglück passiert oder im sexuellen Fall eine Straftat verübt wird. Im Zuge eines Gerichtsprozesses zu einer Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen im spanischen Pamplona stieg plötzlich das Interesse an Fragen des sexuellen Konsens - und so auch am Buch, das im spanischen Original "La palabra mas sexy es... Sí" heißt, also: "Das sexyeste Wort ist... Ja".


Der traurige Grund für die plötzliche Aufmerksamkeit: Im oben genannten Fall wurde geurteilt, dass die Frau der oralen, vaginalen und analen Penetration durch gleich mehrere Männer, die sich "Das Rudel" nannten, zugestimmt habe - da sie geschwiegen und nicht "nein" gesagt habe. Diese vollkommen abstruse, demütigende und den Weg für weitere Gewalt öffnende Sichtweise könnte übrigens auch in Deutschland angewandt werden. Denn das 2016 beschlossene Gesetz im Sexualstrafrecht heißt umgangssprachlich eben nur "Nein heißt nein" und leider nicht "Nur ja heißt ja".


ENDE DER TRIGGERWARNUNG



Das Konzept des sexuellen Konsens nach Machlus


Soviel zum Ausgangspunkt, an dem Machlus ihre Ausführungen beginnt. Sie stört sich daran, dass wir für jede Handlung, die an oder mit unserem Körper vorgenommen wird, ein "nein" äußern müssen, wenn wir diese nicht wollen. Im Umkehrschluss gehen wir also davon aus, dass die Antwort immer erst mal "ja" lautet, bis etwas anderes kommuniziert wird. Stattdessen sollten wir aber das Einverständnis unseres Gegenübers einholen, wann immer wir etwas tun möchten, was ihn*sie betrifft. Denn manchmal ist es einer Person nicht möglich klar "nein" zu sagen, sei es weil sie in der aktuellen Situation unterlegen oder in Gefahr ist, weil sie negative Folgen befürchtet, weil sie sich nicht traut, weil sie vor Ohnmacht gerade sprachlos ist oder auch weil sie nie gelernt hat ihre Bedürfnisse mit einem "nein" vor die Bedürfnisse anderer zu stellen.


Dieses Konzept des ausdrücklich erfragten und erteilten Einvernehmens gilt dabei nicht nur für sexuelle Handlungen. Machlus bringt alltägliche Beispiele an, die uns allen bestens bekannt sind: Die Großeltern, die ein kleines Kind dazu drängen sie beim Abschied zu küssen - auch wenn das Kind offensichtlich keine Lust dazu hat. Der*die Arbeitskolleg*in, dem*der man Hilfe bei einem Projekt zugesagt hat, der*die aber auch danach weiterhin Arbeit abwälzt, ohne zu fragen ob das nach Abschluss des Projekts noch in Ordnung ist. Vielleicht fallen dir ja noch andere Beispiele ein: Manche Leute wollen womöglich deine Haare anfassen, ohne dich zuvor zu fragen ob das für dich in Ordnung ist. Oder dein*e Chef*in oder ein*e entfernte*r Verwandte*r begrüßt dich immer mit Küsschen, obwohl dir das unangenehm ist. Wenn wir anfangen darüber nachzudenken, können wir die Liste ganz schön lange fortschreiben.


Wie können wir diese Situation ändern?


Der erste und vermutlich einfachste Schritt, um diesen Status quo zu verbessern, ist Kommunikation. Im gerade genannten Beispiel mit dem Kind wäre das zum Beispiel das Ermöglichen einer freien Wahl, um auch den Kleinsten schon zu vermitteln: "Du darfst selbst über dich bestimmen, auch wenn das manchmal bedeutet die Wünsche anderer abzulehnen". Alternativ könnte das Kind also gefragt werden, ob es denn zum Abschied jemanden unter den anwesenden Personen umarmen, küssen oder mit ihnen abklatschen möchte, so Machlus. Klingt einfach, oder?


Diese Wahlfreiheit müssen wir unbedingt auch in den Bereich der Sexualität übertragen. Denn eben dort haben falsche Annahmen und Schweigen oft drastische Folgen. Dabei geht es um mehr als die Frage, ob das Gegenüber Lust hat miteinander zu schlafen. Shaina Joy Machlus fordert uns viel mehr dazu auf, das Einvernehmen so klar wie möglich abzustimmen, um Missverständnisse zu vermeiden. Dabei gilt: Bei jeder Veränderung der Situation, muss neues Einverständnis eingeholt werden. Ihr habt euch darauf geeinigt nach einer Party noch einen gemeinsamen Absacker Zuhause zu trinken? Auch wenn gemeinhin davon ausgegangen wird, man wüsste ja schon was das bedeutet, solltest du nicht einfach darauf schließen, dass aus einem Getränk direkt Sex wird. Ihr seid gerade intensiv am Rumknutschen und du hast Lust einen Schritt weiterzugehen? Ihr seid schon beim Sex und du möchtest die Stellung wechseln oder etwas ausprobieren, das du gerne magst? Frag vorher nach!


Das geäußerte Einverständnis kann außerdem jederzeit widerrufen werden. Denn es ist nichts Absonderliches, einer Idee zuzustimmen und während der Umsetzung zu merken, dass es doch nicht so schön ist wie angenommen oder dass man schon nach kurzer Zeit keine Lust mehr dazu hat. Ganz wichtig: Wir müssen dieses Konzept so verinnerlichen, dass ein "nein" keinen unangenehmen Moment hervorruft, sondern eine Antwort ist, die den gleichen Wert besitzt wie ein "ja". Diese Rückmeldung, die man erhält, ist unumstößlich anzunehmen. Es geht nicht darum, jemanden zu überreden, nach einem geäußerten "nein" immer wieder aufs Neue zu fragen oder unklare Antworten einfach als "ja" zu interpretieren, weil man selbst gerade so viel Lust dazu hat. Es geht um gegenseitigen Respekt. Und wie der spanische Titel bereits verrät: Respektvoller Sex, bei dem man sich zu jeder Zeit sicher sein kann, das die andere*n Person*en gerade genauso viel Spaß daran haben wie man selbst, ist so viel sexyer als "einfach mal machen".


Was genau ist daran jetzt neu?


Als ich mich mit verschiedenen Personen über die Inhalte des Buches unterhalten habe, war die erste Reaktion bei vielen sehr ähnlich: "Soll man wirklich bei jeder Veränderung der Situation neu nachfragen?" und "Aber ich kenne meine*n Partner*in so gut, dass wir uns auch ohne Worte verstehen" bis hin zu "Ich finde es nicht so sexy, alles zu besprechen".


Leider sind diese Auffassungen in unserer Gesellschaft normal geworden. Es ist nicht nur die "knallharte" Rape Culture, in der suggeriert wird Menschen (meist cis Männer ¹) dürften sich jederzeit ihr Sexobjekt aussuchen, es belästigen oder zur Befriedigung ihrer Lust benutzen. Rape Culture beginnt schon früher, ganz unterschwellig und für viele nicht mal klar erkennbar. Zum Beispiel wenn in einer romantischen Komödie der Protagonist am Ende dafür belohnt wird, dass er bei der Frau, die ihn eigentlich nicht wollte, hartnäckig geblieben ist und sie weiter umworben hat. Oder wenn davon ausgegangen wird, dass Frauen aus Anstand und zum Schutz ihres Rufes ohnehin erst Mal "nein" sagen würden, tatsächlich aber doch "ja" meinen und man nur dranbleiben muss. Was für ein Bild entsteht dabei? Entweder wissen FLINTA* ² einfach nicht was gut für sie ist und müssen erst davon überzeugt werden, dass sie bei ihrem "nein" falsch lagen oder sie dürfen ihre tatsächliche Meinung gar nicht preisgeben, um den gesellschaftlichen Standards zu entsprechen und Verehrer müssen daher davon ausgehen, dass sie doch begehrt werden - egal was die Person selbst sagt. Gibt es eigentlich eine toxischere Sichtweise als diese?!


TRIGGERWARNUNG SEXUALISIERTE GEWALT


Ich erinnere mich an den Spruch, der in meiner Schulzeit oft auftauchte: "Besser danach um Entschuldigung bitten als davor um Erlaubnis." Eine Frage wie "Darf ich dich küssen?" galt als Stimmungskiller. Doch warum? Selbst wenn wir unser Gegenüber richtig gut kennen, können wir doch nicht wissen, was gerade in ihm*ihr vorgeht. Es gibt Situationen, in denen ich nicht von meinem Freund geküsst werden will - auch wenn wir das schon seit fünf Jahren sehr, sehr oft tun, ich es gerne mag und ihm zu 100% vertraue. Vielleicht bin ich gerade wütend oder ich habe einen Beitrag zu einem aufwühlenden Thema gelesen, vielleicht den Bericht über ein Gerichtsurteil, das Gruppenvergewaltiger freispricht, weil das Opfer nicht klar genug "nein" gesagt hätte. Kann er wissen, wie ich mich deshalb fühle, wenn wir nicht darüber sprechen? Nein.


ENDE DER TRIGGERWARNUNG



Alle Bilder aus "Nur JA! heißt ja", Illustrationen von Janice Mantwill & Marie Michael


Fazit zum Leseerlebnis


Auf rund 240 Seiten erklärt Shaina Joy Machlus ihren Ansatz, der - wie sie auch selbst betont - keine Neuerfindung des Rades ist. Viele Menschen haben die gleiche Ansicht bereits vor ihr mitgeteilt, besonders in der queeren Community werde sie auch häufig genau so praktiziert. Und doch war mir persönlich dieser Ansatz in seinen Facetten (ständiges Erneuern des Konsens, Zustimmung kann selbst im Nachhinein noch widerrufen werden, Sex unter Alkoholeinfluss ist nie eine gute Idee, etc.) noch neu. An manchen Stellen hatte ich zwar das Gefühl, dass Machlus sich ein wenig wiederholt. Doch mal ehrlich: Wie oft wurden uns schon die toxischen Glaubenssätze vor Augen geführt, die alles andere als Einvernehmlichkeit propagieren? Wollen wir Konsens verinnerlichen, reicht es nicht aus ein Mal davon gehört zu haben. Außerdem werden die Grundlagen immer wieder in verschiedene Kontexte eingebettet. Thematisiert werden u.a. Sexualität in all ihren Facetten, Pornografie aber auch Familie und schulische Bildung.


Bildung ist übrigens ein gutes Stichwort: Machlus geht bei ihren Ausführungen nicht von einem binären Geschlechtersystem oder der oft vorausgesetzten Heterosexualität sowie dem aus. Da sie sich selbst in der queeren Community verortet, ist es ihr wichtig verschiedene Konzepte von Geschlechtsidentität, Sexualität, Lust und Begehren aufzugreifen und z.B. einen kurzen Exkurs für Menschen mit Behinderung einzuführen, die ihre Zustimmung nicht verbal äußern können. Das ganze fließt wie selbstverständlich in das Buch mit ein, wird für Einsteiger*innen aber auch nachvollziehbar erklärt: einerseits durch eine kurze Einführung in die Begrifflichkeiten (von schwul und lesbisch bis hin zu pan- oder demisexuell, von Mann und Frau bis nonbinary, inter und questioning), andererseits durch ein Glossar am Ende des Buches.


Dort finden sich für alle, die das Konzept zwar toll finden, mit der Umsetzung aber doch überfragt sind, Gesprächsbeispiele, in denen Einvernehmlichkeit vorbildblich praktiziert wird. Für die eigenen Gedanken gibt es außerdem Platz für Notizen - Raum zum Innehalten und Nachdenken. Die aussagekräftigen, aber nicht zu expliziten Illustrationen von Janice Mantwill und Marie Michael lockern die Seiten auf. Machlus hat außerdem an eine Triggerwarnung gedacht, was leider in vielen Büchern noch immer selten der Fall ist.


Wer sollte dieses Buch lesen?


Der einzige Punkt, an dem ich leider etwas skeptisch bin, ist die gewählte Zielgruppe. Damit möchte ich gar nicht die Überlegungen anzweifeln, die Shaina Joy Machlus zu ihrem Entschluss gebracht haben, aber die Umsetzung ist mir noch etwas rätselhaft: Natürlich ist es für alle Menschen wichtig zu verinnerlichen, dass sie jederzeit "nein" sagen dürfen. Wir müssen aber genauso die Menschen erreichen, die den aktiven Part übernehmen, die bisher eher nicht fragen, sondern einfach machen. Denen beigebracht wurde, dass es cool ist, den Vorstoß zu wagen und ein Abturner, sensibel zu sein. Kurzum: Wir brauchen für dieses Projekt ganz dringend auch heterosexuelle cis Männer und zwar diejenigen, die sich noch nicht kritisch mit Machtstrukturen, Sexualität und toxischer Männlichkeit und Geschlechterkonstrukten beschäftigen.


Machlus schreibt in ihrer Einleitung: "Je mehr Vorträge ich über Konsens hielt, die vornehmlich von Frauen mit ähnlichen Gedanken und Lebensgewohnheiten besucht wurden, desto bewusster wurde mir, dass ich mit meiner Botschaft eigentlich vor allem jene Menschen erreichen will, die anders denken als ich. Ich versuchte also, dieses Buch auf eine Weise zu verfassen, dass sich so viele Menschen wie möglich damit auseinandersetzen könnten - auch wenn sie vielleicht nicht allem zustimmten." (S. 16) So optimistisch ich auch sein will und so motiviert ich auch bin, sexuellen Konsens gesellschaftsfähig und an-, sowie aussprechbar zu machen, so sehr zweifle ich leider auch daran, dass diese Menschen mit dem Buch erreicht werden können. Aber hey, überzeugt mich vom Gegenteil! Verleiht oder verschenkt das Buch, empfehlt es weiter, sprecht darüber - besonders mit / an junge*n Menschen. Das Buch ist auch für sie verständlich und gewinnbringend.


An vielen Stellen wünschte ich mir, dass ich das Buch schon früher gelesen hätte, als Teenagerin, die oft unsicher war ob es denn okay wäre gerade "nein" zu sagen und ob man dann nicht untendurch wäre. Und auch heute noch werde ich sicherlich nicht von jetzt auf gleich all meine Gewohnheiten ändern, die ich über Jahre hinweg verinnerlicht habe. Aber ich denke auf eine neue Weise über meine Handlungen nach, frage Menschen öfter nach ihrem Einverständnis - auch wenn es nicht um Sex geht. Und das ist ein ziemlich guter Output dieses Buches, wie ich finde.


Anmerkungen:


¹ "cis" oder "cisgender" beschreibt Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. Ein cis Mann ist demnach eine Person, die bei der Geburt als Junge und sich mit dieser Zuordnung wohlfühlt - also nicht als transgender, non-binary oder genderfluide lebt.


² FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Menschen, nicht-binäre Menschen, trans Personen und Asexuelle.


"Nur JA! heißt ja" wurde zwei unserer Buchclub-Mitglieder als Rezensionsexemplar vom Orlanda Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Meinung unserer Autorin Tanja wurde dadurch nicht beeinflusst.

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