• Natalie

Nachtschwärmerin von Leila Mottley

Triggerwarnung: Gewalt (sexuell, psychisch, physisch), Rassismus, Drogenkonsum



Anmerkung der Autorin aus dem Buch, Seite 410: „2015 war ich ein junger Teenager in Oakland, als ein Artikel Aufsehen erregte, der beschrieb, wie Mitglieder des Oakland Police Department und mehrerer anderer Polizeibehörden in der Bay Area sich an der sexuellen Ausbeutung einer jungen Frau beteiligt und versucht hatten, es zu vertuschen. (…) Kiara ist vollkommen fiktional, aber was ihr zustößt, spiegelt die Arten von Gewalt wider, die Frauen of Color regelmäßig angetan wird: Eine Studie aus dem Jahr 2010 fand heraus, dass durch die Polizei verübte sexuelle Gewalt die am zweithäufigsten gemeldete Form polizeilichen Fehlverhaltens ist und unverhältnismäßig oft Frauen of Color trifft. Als ich an diesem Buch schrieb und dafür recherchierte, ließ ich mich von dem Oaklandfall und anderen ähnlichen inspirieren, da ich eine Geschichte über meine Stadt schreiben, aber auch erkunden wollte, was es bedeutet, wenn dies einer jungen schwarzen Frau zustieße, wenn eine Überlebende die erzählerische Kontrolle über ihren Fall bekäme, wenn es eine Welt hinter den Schlagzeilen gäbe und Leser*innen Zugang zu dieser Welt bekommen könnten. Die Geschichten von Schwarzen Frauen, queeren und tans Personen werden selten repräsentiert in den Narrativen der Gewalt, gegen die protestiert, über die geschrieben und die in den meisten Bewegungen betont wird, aber das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die jene Angst und Gefahr widerspiegelt, die schwarzes Frausein mit sich bringt, sowie die Adultifizierung schwarzer Mädchen zeigt – dass sie unangemessen früh wie Erwachsene behandelt werden -, während sie zugleich anerkennt, dass Kiara – wie so viele von uns, die sich in Umständen wiederfinden, die sich anfühlen, als könnte man sie unmöglich überleben, trotz allem Freude und Liebe empfinden kann.“


Mit dieser Anmerkung der Autorin könnte man den Blogpost eigentlich beenden, denn wie auch in ihrem Roman hat Leila Mottley meiner Meinung nach hier die passenden Worte gefunden und damit ihrer fiktionalen Geschichte noch mehr Bedeutung und Tiefgang verschafft, als sie es sowieso schon hatte. Dieses Buch ist für mich der beste Beweis, wieso es wichtig ist, jungen Autor*innen Vertrauen zu schenken und sich ihnen immer wieder zu widmen: Mit 20 Jahren einen Debütroman zu veröffentlichen, der so nachdrücklich, durchdacht und tiefsinnig mit politischen und gesellschaftskritischen Themen jongliert ist ein wahres Meister*innenwerk. Man merkt vermutlich: Ich bin absolut begeistert.


Zum Inhalt: Kiara ist 17 Jahre alt und lebt zusammen mit ihrem ein Jahr älteren Bruder in einer Wohnung. Die beiden Geschwister sind auf sich alleine gestellt, da ihre Mutter in Haft ist und ihr Vater schon vor einigen Jahren gestorben ist. Kiaras Bruder versucht mit seiner Musik Karriere zu machen und scheint dabei nicht zu merken, dass sie noch nicht einmal genug Geld zur Verfügung haben, um die Miete einer heruntergekommenen Wohnung zu bezahlten. Als sich die Miete zum nächsten Monat sogar nochmals erhöht wird Kiara klar, dass sie sich nicht auf ihren Bruder verlassen kann und selbstständig nach einer Einnahmequelle suchen muss. Ohne Schulabschluss und minderjährig ist dies jedoch kaum möglich, weshalb Kiara – durch einen Zufall – in die Prostitution rutscht. Hier fragt scheinbar niemand nach ihrem Alter und nach wenigen Treffen mit Männern hat sie einiges an Geld verdient – deutlich mehr, als in einem Job im Diner. Wenngleich sie auch nicht wirklich von der Arbeit überzeugt ist, wird ihr relativ schnell klar, dass dies die einzige Chance ist, die Wohnung für sich und ihren Bruder zu behalten. Hinzu kommt der Nachbarsjunge Trevor, der ebenfalls auf sich alleine gestellt ist und um den Kiara sich aufopferungsvoll kümmert. Als sie eines Abends jedoch von der Polizei auf der Straße erwischt wird und sich herausstellt, dass sie noch minderjährig ist, stellen die Polizisten sie vor die Wahl: Entweder sie wird festgenommen und inhaftiert oder sie stellt sich für die Privatpartys der Polizisten zur Verfügung. Kiara entscheidet sich gezwungenermaßen für die zweite Option und gerät in einen Strudel aus Angst, Gewalt und Missbrauch. Als sie Wochen später von einer anderen Polizistin dazu gedrängt wird, in einem internen Untersuchungsverfahren gegen die Polizisten auszusagen, stellt sich die Frage, ob dies ihr Ausweg ist oder sich die Schlinge um ihren Hals nur noch fester zuziehen wird.


Spannend, mitreißend und emotional wird man als Leser*in mitgenommen auf die Straßen von Oakland und bekommt einen kleinen Einblick in die Welt einer jungen Women of Color, die weder von ihrem Umfeld noch von der Gesellschaft Rückhalt und Unterstützung bekommt. Wenn es auch wirklich harte Kost ist, so ist dieser Roman doch unglaublich wichtig, um die Gewalt und die Missstände von sexarbeitenden WoC sichtbar zu machen.

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