• Tanja

Miroloi von Karen Köhler

Aktualisiert: 3. Dez. 2021

Zum ersten Mal gesehen habe ich es auf der Frankfurter Buchmesse 2019: Miroloi, das blaue Buch mit dem Wellenmuster. Ich habe es mir damals zwar abfotografiert und ein Jahr später auf die Leseliste unseres Buchclubs gesetzt, aber gekauft habe ich es doch nicht. Vor ein paar Wochen hat mir eine Freundin dann empfohlen es zu lesen und mir den Roman auch direkt geliehen. (Danke Caro!) Fünf Tage nachdem ich die erste Seite aufgeschlagen hatte, stand ich selbst in der Buchhandlung und hab es mir gekauft, da ich diesen Schatz auf Dauer in meinem Bücherregal wissen und ihn selbst verleihen können will. Der Buchhändler war begeistert und wollte mir von Miroloi vorschwärmen, einem der packendsten Romane, den er gelesen habe. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt ja bereits.


Worum geht's?


Karen Köhler schafft in ihrem über 450-seitigen Roman ein Paralleluniversum. Nein, kein Science-Fiction, aber doch eine Welt, in die man sich erst Stück für Stück hineinlesen muss. Wir befinden uns auf einer Insel im Mittelmeer, in einem Dorf, das "das Schönste Dorf" heißt. Und obwohl dieser Ort mit seinen weißen Häusern, blauen Fensterläden, seinen Olivenhainen und Weinbergen tatsächlich sehr idyllisch klingt, so ist es das Leben dort nicht für alle. Denn auf dieser Insel, die nicht verlassen werden darf, herrscht das Patriarchat: Frauen sind für das Kinderkriegen zuständig (nach dreien werden sie sterilisiert), für die Ernte, die Arbeit auf dem Feld, das Kochen, Nähen, Stricken, Weben, Sticken, Flicken, Waschen, Putzen, Fegen. Lesen und Schreiben lernen dürfen sie nicht. Hosen tragen ist ebenfalls verboten und als ein neuer Betvater, das religiöse Oberhaupt des Schönsten Dorfes, eingesetzt wird, werden die Kleiderordnungen noch strenger. Umgekehrt dürfen die Männer nicht kochen oder singen - zu weibisch.


Und was generell niemand darf: von "drüben" träumen. Auf der Nachbarinsel oder dem Festland steht die Zeit nämlich nicht still, wie hier im fast autarken Schönsten Dorf. Kleine Hinweise zeigen: Die Geschichte spielt nahezu in der Gegenwart, vielleicht vor ein paar Jahrzehnten. Aber längst nicht so weit in der Vergangenheit, wie es die Umstände auf der Insel erwarten lassen. Doch kommt der Händler alle paar Wochen mit dem Schiff, entscheidet der (natürlich rein männliche) Ältestenrat welche "Drübensachen" bleiben dürfen. Kohlen, Nähriemen, Brillen und Zahnprotesen: ja. Ein Fernseher, Handcreme, Batterien oder Tampons: nein. Und wer versucht aus dem Dorf zu fliehen oder gar die Insel zu verlassen, die*den erwartet eine Strafe.


TW: Gewalt


Unsere Protagonistin, ein Mädchen von sechzehn Jahren, hat früher auch einmal versucht wegzulaufen. Aber sie wurde gefasst - wie alle - und musste dafür zwei Tage am Pfahl stehen. Im Anschluss hat man ihr ein Bein zertrümmert. Doch das Hinken ist nicht die einzige Last, die die Jugendliche zu tragen hat. Als Säugling wurde sie auf den Stufen zum Bethaus abgelegt. Wer ihre Eltern sind, weiß niemand. Doch das Dorf ist sich sicher: Sie muss eine Hexe sein. Oder die Tochter eines Esels. Vielleicht eine von "drüben". Und so fristet sie, die ohne Herkunft auch keinen Namen tragen darf, ein einsames Leben im Hause des strengen, in seiner überlegenen Position aber auch liebevollen Betvaters. Doch was passiert, wenn sie den für sie vorgesehen Kosmos verlässt? Was, wenn sie eine Freundin findet, sich in einen Betschüler verliebt, das Lesen lernt und das System hinterfragt?


TW Ende


Ein besonderer Roman



Karen Köhler versteht es in ihrem ersten Roman eine Welt zu schaffen, die uns einerseits fremd ist, deren Regeln wir andererseits aber kennen - aus Erzählungen, Geschichten und Berichten von früher. Auch wenn wir uns in die Fremde anfangs erst mal einlesen müssen, so schaffen es die detaillierten Beschreibungen des Alltags im Schönsten Dorf schnell das Bild eines archaischen, eines sehr ursprünglichen Ortes zu zeichnen: strikte Gesetze, raue Umgangsformen, versteckte Menschlichkeit, eine starke Nähe zur Natur und die Abhängigkeit von ihr. Das Leben mit den Jahreszeiten, die viele Arbeit, die wenigen Vergnügungen der Dorfbewohner*innen. Und zugleich lernen wir ein paar der Charaktere genauer kennen: ihre Schale und ihren Kern. Der Schein und die Wahrheit.


Außergewöhnlich ist auch die Sprache des Buches. "Nach den Raketen [Kurzgeschichtenband, mit dem Köhler debütierte] habe ich erstmal nur Theaterstücke geschrieben. Ich mag Dialoge, man kann schneller schreiben und auf aktuelle Themen schneller reagieren."¹, so die Autorin. Und tatsächlich sind es neben den Monologen bzw. Gedanken der Protagonistin auch die Dialoge, die uns viel über die Menschen verraten. Zum Beispiel über den Müller, der versucht sich aus dem Dorfgeschehen so gut wie möglich rauszuhalten. Die Gespräche zwischen dem Betvater und dem Mädchen, das er MeinMädchen nennt, die geheim bleiben müssen, um nicht bestraft zu werden. Die Unterhaltungen mit Sophia, einer der wenigen Verbündeten, die ihr von den körperlichen Freuden und Qualen berichtet. Die verletzenden Rufe der Kinder, die sie "Eselshure" nennen und ihr im Dorf nachlaufen, die verheerenden Anschuldigungen der Dorfbewohner*innen, wenn eine Ernte schlecht ausfällt oder ein Unglück geschieht: "Sie ist Schuld!". Genauso aber die seltenen warmen Worte von Mariah, die der Protagonistin zu einer Mutter, Lehrerin und Verbündeten wird.


Trotz des Umfangs des Romans lässt er sich schnell lesen. Die sehr kurzen Kapitel (Strophen, wie Köhler sie übertitelt) ermöglichen auch ein Zwischendurch-Lesen und unzählige Gedanken à la "Na, eine Strophe geht noch", wenn man das Buch eigentlich schon weglegen wollte. Ich war ganz gefangen im Sog der Erzählung und in dieser fremden Welt, die einerseits fasziniert und andererseits abschreckt. Ein wirklich fesselnder Roman - und ein feministischer noch dazu. Denn (wie der Klappentext bereits verrät und ich dir daher auch nicht vorenthalten will) die Außenseiterin sträubt sich gegen die alten Regeln und lehnt sich auf gegen die Strukturen ihrer Gesellschaft und für die Freiheit.


TW für die Lektüre: physische und psychische Gewalt, Tod, Alkohol, misogyne und ableistische Beleidigungen, Abtreibung, Fehlgeburt / Totgeburt / Kindstod


¹ Hanser Literaturverlage mit "5 Fragen an..." https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/miroloi/978-3-446-26171-6/





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