• Tanja

Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher

"Meine Mutter passt in keinen Sarg. Sie ist zu dick, sagt sie. Nach ihrem Tod soll die Asche nicht in einer Urne aufbewahrt werden, sondern einfach über das offene Wasser zerstreut."


Mit diesen Worten beginnt Daniela Dröschers Roman "Lügen über meine Mutter". Und ich konnte nicht anders als diesen Blogpost mit den gleichen Worten zu beginnen, denn sie bringen direkt auf den Punkt worum es in dieser Geschichte geht - und verraten meiner Interpretation nach auch schon einiges über den Wunsch dieser Mutter nach Freiheit.


Doch eins nach dem anderen.


Die Handlung


Zwei Worte in diesem ersten Satz können eine*n ganzschön aufs Glatteis führen, wenn man das Buch noch nicht gelesen hat. Es ist der kleine Teil "sagt sie". Denn eigentlich ist es ihr Mann, der über 400 Seiten hinweg ständig an Gewicht und Aussehen seiner Frau herummäkelt und sie zum Abnehmen, sowie zum Wiegen unter seiner Aufsicht zwingt. All seine beruflichen und gesellschaftlichen Misserfolge schiebt er auf das (aus seiner Sicht) nicht repräsentative Aussehen seiner Frau, die keine vorzeigbare Begleitung sei.


Tatsächlich ist die Ich-Erzählerin dieses Buches aber nicht die Mutter und es ist auch nicht der Vater. Geschrieben wird die Geschichte von Ela, der ältesten Tochter in der Familie. Sie erzählt aus zwei Persepektiven: Ela, das Kind, das hin- und hergerissen ist zwischen den Eltern, die dick_fett-feindliche Sicht des Vaters teilweise annektiert, an anderen Stellen aber auch die Schönheit ihrer Mutter sieht und die Last, die ihr durch den Vater aufgebürdet wird. Es erzählt aber auch die erwachsene Ela, die mit ihrem heutigen Wissen die Geschehnisse einzuordnen versucht.


Sie spricht über das Patriarchat, über Körperformen und "Diäten" im historischen Kontext. Sie spricht über die Komplexe ihres Vaters, der aus einer Bauernfamilie aufgestiegen ist zu einem Dienstleistungsberufs und demnach ständig mit seinem Klassenbewusstsein zu kämpfen hat. Und sie analysiert die Situation ihrer Mutter, die diese toxische Beziehung zu Beginn nicht einfach verlassen konnte, da sie erst eins, dann zwei, dann drei Kinder und ihre an Alzheimer erkrankte Mutter zu betreuen hatte und das alleinstehend nicht mit ihrer Lohnarbeit zu vereinen gewesen wäre. Und sie hinterfragt die Situation ihrer Mutter, die später aus finanzieller Sicht durchaus hätte gehen können - und sogar eine Verbündete bei diesem Unterfangen gehabt hätte.


Und tatsächlich hinterfragt sie nicht nur, sondern sie fragt. Denn neben der heutigen, erwachsenen Ela hören wir auch die heutige Mutter, die zwar darauf bedacht ist viele Geheimnisse zu hüten, andererseits aber in diesen einordnenden Passagen zwischen den Kapiteln immer wieder auch selbst zu Wort kommt.


Ein Buch für einen feministischen Buchclub?


Neben dem offensichtlich dominierenden Thema des Buches, dem Body Shaming, der dick_fett-Feindlichkeit und dem ungefragten Bewerten (weiblicher) Körper von außen, schwingen in diesem Roman auch weitere Themen des intersektionalen Feminismus mit: Care Arbeit, Alltagsrassismus, Klassismus. Besonders die Einschübe zwischen den Kapiteln, die versuchen das Erlebte aus heutiger Sicht einzuordnen, bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für vielversprechende, feministische Debatten.


Da es im Buch keine Triggerwarnungen gibt, möchte ich an dieser Stelle noch einmal deutlich betonen: Wer mit seinem eigenen Körper struggelt, ist mit diesem Buch vermutlich nicht gut beraten. Immer wieder beugt sich die Mutter den Ansprüchen des Vaters, die er auf einen "fremden" Körper erhebt, der ihn so sehr zu beschämen scheint. Sich seine Kommentare immer und immer wieder, von Beginn bis Ende des Buches, durchlesen zu müssen, ist furchtbar ermüdend und macht zugleich enorm wütend. Auch sein Schatten in Person seine Mutter, in deren Haus die Familie zu Beginn wohnt, und die ihren sozial aufgestiegenen Sohn überhöht, ist schwer zu ertragen. Denn sie schlägt sich quasi unentwegt auf seine Seite, erniedrigt die Schwiegertochter ebenfalls und ist aufgrund der Wohnsituation ein dauerhafter, ungebetener Gast im Familienleben. In ihrer Position als Großmutter, die die Care Arbeit in Form der Kinderbetreuung mitübernehmen sollte, weiß sie sogar zu erpressen. Sie ist es auch, die mit ihrem breiten pfälzischen Dialekt (das ich übrigens genau wie abgedruckt bestens beherrsche und das mir beim Lesen das Gefühl gab, die Geschichte spiele sich direkt in meinem Heimatort ab) ist sie es auch, die für die Reproduktion von Alltagsrassismus im Buch sorgt.


Und? Shortlist-würdig?


Mit dem Inhalt trifft Daniela Dröscher einen Zahn der Zeit - und das auf eine besondere Weise. Leider viel zu langsam, aber doch fortschreitend lernt unsere Gesellschaft heute schrittweise dazu, dass Body Shaming und dick_fett-Feindlichkeit diskriminierend und nicht mehr zeitgemäß sind. Aktivist*innen, einzelne Werbekampagnen und die Fat Studies machen Body Shaming, aber auch toxische Body Positivity zu einem höchst aktuellen Thema. Gleichzeitig ist es aber ein Bereich, der vor 40 Jahren schon genauso brisant war, wenn auch noch stärker toleriert. Wie viele Frauen können wohl davon erzählen, dass Körperform und Gewicht auch in den 80ern schon Thema für sie waren? Und bei wie vielen wurde es wohl innerfamiliär oder gezielt aus Sicht des Ehemannes, vielleicht auch der Schwiegermutter kommentiert und tagtäglich diskutiert?


Was ich neben dem Inhalt aber unbedingt auch noch erwähnen möchte, ist die Sprache. Wie schon erwähnt, greift Dröscher auf kurze Passagen im Dialekt zurück. Doch das meine ich nicht - oder zumindest nur am Rande. Würde ich schreiben wie im Buch, hätte ich den vorherigen Abschnitt so beginnen müssen: "Mit dem Inhalt trifft Daniela Dröscher einen Zahn der Zeit". Denn an unzähligen Stellen werden wir mit Anführungszeichen oder Kursiv-Setzungen auf Redewendungen und Sprichwörter hingewiesen, die wir wie selbstverständlich benutzen und kaum darüber nachdenken, was sie tatsächlich bedeuten und woher sie kommen. Auch diese Art des Schreibens wird (genauso wie der Entstehungsprozess des Buches mit Erkenntnisinteressen und Skrupeln der Erzählerin) in einem der kurzen Absätze zwischen den Kapiteln kommentiert:


"Oft schien mir, dass meine Eltern sich an den Redewendungen, die sie so häufig gebrauchten, wie an einem Geländer festhielten. Meine Mutter bemühte sich, den Sinn der Worte genauer zu überprüfen. Nicht einfach nachzuplappern, was man eben so sagte. Als Schriftstellerin ist es ein Zeichen von minderem Stil, diese Ausdrücke zu verwenden. Es sei denn, man kennzeichnet sie als Sprache eines bestimmten Milieus. So sehr, wie ich diese Wendungen verinnerlicht habe, fühlt es sich teilweise gewaltvoll an, sie aus mir zu verbannen, denn sie sind ein Teil von mir." (S. 326)

Und so widmet sich die erzählende Figur (und vielleicht auch Dröscher selbst, die immerhin mit "Zeige deine Klasse" bereits eine Biografie mit überdeutlichem Klassismus-Bezug veröffentlicht hat) auch mit einem Blick in den Spiegel und auf Sprache der Klassenfrage.


Nun habe ich in der Überschrift dieses Absatzes eine Frage aufgeworfen, die ich gar nicht beantworten kann. Denn tatsächlich ist "Lügen über meine Mutter" das erste und damit bisher einzige Buch der diesjährigen Longlist, das ich gelesen habe. Mich hat es aufgewühlt und ich würde mir wünschen, dass es das auch bei Menschen schafft, die sich noch nicht so ausführlich mit dem Thema Body Shaming beschäftigt haben. Ich möchte, dass sie die Figur des Vaters als genauso nervtötend, toxisch und übergriffig empfinden wie ich es getan habe und dass sie daraus Lehren für sich selbst und ihre Kommentare über die Körper anderer Menschen ziehen. Es ist aber nicht so, dass ich dieses Buch unentwegt weiterempfehlen werde, weil ich es so toll fand.


Als wir im Buchclub untereinander ausgemacht haben wer welches Longlist-Buch lesen möchte, habe ich mich für dieses Buch ausgesprochen. Daraufhin schreib mir Natalie: "Gut. Das hat mich sowieso nicht so umgehauen. Stelle es mir unendlich stressig vor, wenn die Mutter die ganze Zeit runtergemacht wird." Und damit hatte sie vollkommen recht.


Wenn ich einen Tipp abgeben müsste: Ich glaube nicht, dass "Lügen über meine Mutter" es in die engere Auswahl schafft. Reines Bauchgefühl.


Edit: Da wurde Tanja eines Besseren belehrt! "Lügen über meine Mutter" hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, wie am 20.9.2022 bekanntgegeben wurde. Herzlichen Glückwunsch!

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