• Tanja

Living Dolls von Natasha Walter

"Wenn sich eine 18-Jährige statt einer Weltreise eine Brustvergrößerung wünscht, scheint etwas falsch gelaufen zu sein mit der Emanzipation", findet Natasha Walter, als sie 2010 ihr Buch "Living Dolls" veröffentlicht. Der deutsche Untertitel, übersetzt von Gabriele Herbst, verspricht eine Antwort auf die Frage "Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen". Tatsächlich erschien uns der englische Untertitel "The Return of Sexism" deutlich passender, denn von Schönheitsidealen, Ästhetik oder Körperbildern, ist in "Living Dolls" eher selten die Rede. Stattdessen handelt es sich um eine Art Bestandsaufnahme des Feminismus, die in 10 Kapiteln aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet wird. Dabei teilt sich das Buch in zwei Einheiten, die wir sehr unterschiedlich wahrgenommen haben.


"Frauen sind von Natur aus so"


Für unsere Zusammenfassung möchte ich mit dem zweiten Teil des Buches beginnen, der den Titel "Der neue Determinismus" trägt. Dieser Fachbegriff bedeutet nichts anderes, als dass die angeblichen Unterschiede zwischen Mann und Frau bzw. deren stereotype Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften als naturgegeben verstanden werden. Erklärungen für Zuschreibungen werden in Genetik, Neurologie oder Evolution gesucht - und scheinbar gefunden. Viele Studien scheinen zu belegen, dass Mädchen bspw. eher auf Rosa und Pink als auf Blau reagieren, Frauen ein größeres Talent im Bereich der Empathie, Sprache oder Häuslichkeit hätten und Jungs / Männer schlicht besser in logischem Denken oder der Mathematik seien. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse können für Feministinnen ganz schön niederschmetternd und nur schwer zu widerlegen sein.


Umso erfreulicher ist es daher, dass Natasha Walter einen sehr genauen und kritischen Blick auf diese Studien wirft und in vielen Fällen deren unzureichende Gütekriterien herausstellt - also aufzeigt, dass sie nicht genügend Aussagekraft besitzen. In manchen Fällen wurden nur sehr wenige Proband*innen und damit eine viel zu kleine Stichmenge untersucht, bei anderen Studien wurden nicht alle Nebeneffekte berücksichtigt und gerade bei älteren Untersuchungen wird der Faktor der Sozialisierung gerne mal außer Acht gelassen. Würden wir beispielsweise gemeinsam ein Projekt durchführen, bei dem wir Mädchen im Grundschulalter zu ihren Vorlieben befragen, könnten wir die Ergebnisse längst nicht auf biologische Gegebenheiten zurückführen. Denn die Erziehung der Kinder durch die Familie, der Einfluss von Freund*innen und Bekannten sowie die Eindrücke aus bspw. dem Kindergarten- und Schulalltag, aber auch der Werbung und aus Geschäften hat diese Kinder bereits über mehrere Jahre geformt.


Walters Herangehensweise zeigt besonders den Einfluss der Medien bei dieser Debatte. Es scheint als hätten sich Journalist*innen und Buchautor*innen darauf versteift nur diejenigen Studien wiederzugeben, die die stereotypen Zuschreibungen bezüglich des Geschlechts zu beweisen behaupten - und das auf biologischer und demnach "natürlicher" Ebene. Umso erfrischender sind Walters Gegenargumente und ihre Recherchearbeit zu Studien, in denen Gegenteiliges herausgefunden wurde. Man möchte sich all die Quellenverweise notieren, um sie bei unliebsamen Debatten à la "Frauen sind nun mal so - das ist wissenschaftlich bewiesen" im richtigen Moment hervorholen und anbringen zu können. Auch wenn wir beim Lesen das Gefühl hatten, dass viele Aspekt häufiger wiederholt wurden, als es nötig gewesen wäre, so ist der zweite Teil des Buches für alle Debattant*innen oder Skeptiker*innen sehr zu empfehlen.


Sexualisierung und Ausbeute


Eben diesen kritischen Blick hätten wir uns auch im ersten Teil des Buches gewünscht. Stattdessen störten uns in "Der neue Sexismus" vor allem subjektive Darstellungen und einseitige "Beweise" in Form von Zitaten und Gesprächsausschnitten. Generell ist das Thema dieser ersten Einheit ein sehr wichtiges: Walters geht auf die Sexualisierung von Frauen ein, die ihrer Ansicht nach zwar zu großen Teilen "von außen" vorgenommen wird, viele Mädchen und Frauen aber dazu bringt, die ihnen zugeschriebene Rolle anzunehmen. Sie wählt dafür Beispiele wie Kleidung (mit eindeutigen Botschaften oder Schnitten, bereits für Kinder), Strippen (als Sport oder zur Freude des Partners) Prostitution und Pornografie. Ihr zufolge würden solche Akte, die aus heutiger Sicht wenig Feministisches in sich tragen, auch noch als frei ausgelebte Sexualität und gar Emanzipation vermarktet und gerechtfertigt. Generell ist die Positionierung Walters zu diesen Themen sehr deutlich: Sie lehnt sie entschieden ab.


Bei unserem Buchclub-Treffen haben wir besonders über den Aspekt der Freiwilligkeit gesprochen, der in "Living Dolls" als schwaches Argument eines ausbeuterischen Systems dargestellt wird. Dass Frauen ohne Zwang und aus eigenem Antrieb beschließen sich zu prostituieren, ist aus Walters Sicht unmöglich. Uns fiel es stattdessen schwer dazu Stellung zu beziehen. Einerseits sind wir uns sicher, dass die Gesellschaft, in der wir leben - eine männlich dominierte - uns alle prägt und wir leider schon sehr früh von Objektifizierung und Sexualisierung beeinflusst werden. Ist vor einem solchen Hintergrund eine eigene, freie Meinung und Entscheidungsfindung möglich? Diese Frage klar mit "ja" zu beantworten erschien uns zu optimistisch. Andererseits: Was würde es bedeuten, wenn wir mit "nein" antworten? Mit dieser Ansicht würden wir uns allen unsere Zurechnungsfähigkeit, unsere Selbstständigkeit und den (im positiven Sinne des Wortes) Eigensinn absprechen. Ist das unser Frauenbild? Definitiv nicht.


Unweigerlich gelangten wir zur Frage, ob Feminist*innen es dulden müssen, wenn andere Frauen entgegen der feministischen Ideale handeln oder denen gar zu schaden scheinen. Ein aktuelles Beispiel ist bspw. Nacktheit in der Musikszene. Viele Sängerinnen tragen sehr knappe, erotische Outfits bei ihren Auftritten oder zeigen sich (fast) nackt in Musikvideos. Sicherlich liefern sie damit einiges an Zündstoff für einen sexualisierenden Blick auf Frauen. Doch sollten sie sich tatsächlich selbst - ohne Druck durch Produzent*innen, Plattenlabels oder Marketingfirmen - dazu entschlossen haben ihren Körper zu zeigen, wäre es dann nicht ihr Recht dies zu tun?


Dass man über diesen Aspekt wunderbar diskutieren kann, hat uns nicht dazu gebracht den ersten Teil des Buches schlecht zu bewerten. Eher hat uns die undifferenzierte Sichtweise (bspw. zur Pornografie) gestört, die sehr radikal keinerlei Gegenargumente berücksichtigt. Walters beschreibt unter anderem das Beispiel einer Frau, die herausfand, dass ihr Mann Pornos ansah. Daraufhin durchsuchte sie regelmäßig Handy und Computer des Mannes, fühlte sich beim Sex mit ihm minderwertig, suchte eine Eheberatung auf und ließ sich schließlich von ihm scheiden. Dieses Beispiel sagt für uns rein gar nichts über einen wie auch immer gearteten Umgang mit Pornografie aus. Stattdessen wird sie verteufelt, der Mann für seine Vorlieben abgestraft und verurteilt und eine Arbeit an und mit dem Thema kategorisch ausgeschlossen.


Sicher herrscht in der Mainstream-Pornografie ein mehr als nur problematisches Frauenbild. (Junge) Menschen erhalten anhand der Filme eine falsche Vorstellung von Sexualität und einem respektvollen, lustvollen Umgang miteinander. Auch gewaltvolle Darstellungen kursieren als Teil der Rape-Culture ohne Trigger-Warnungen oder Anmerkungen neben allen anderen Porno-Clips im Internet. Auf dieser Basis davon auszugehen, dass Pornografie das Ende einer Ehe herbeiführen muss, wenn ein*e Partner*in nicht bereit ist darauf zu verzichten, halten wir jedoch für zu kurz gedacht. Mit einer schwierigen Thematik nicht umzugehen, zu versuchen das Unvermeidbare einfach auszumerzen, wird nicht zielführend sein. Stattdessen wäre es wichtiger auf Alternativen hinzuweisen, zum Beispiel auf feministische Pornografie, Aufklärungsarbeit (vor allem bei jüngeren Konsument*innen) und eine bessere Reglementierung von frei verfügbaren Filmen bzw. strengere Kontrollen und auch Strafen im Bereich der Gewaltdarstellung.


Unsere Eindrücke


Zusätzlich zu den bereits angesprochenen Aspekten haben wir das Erscheinungsdatum des Buches besprochen: Sind die beschriebenen Szenarien und Annahmen über gesellschaftliche Gruppen auch nach zehn Jahren noch aktuell? Viele Anekdoten und Schlussfolgerungen erschienen uns fremd. Würden Nachtclubs und Diskotheken heute noch Strip-Contests unter ihren Besucherinnen durchführen? Sind Hosen mit Statements wie "Juicy" oder "Sexy" auf dem Hintern nicht längst aus allen Geschäften verschwunden? Ist es jungen Frauen tatsächlich wichtiger erotisch aufzutreten als bspw. einen eigenen Charakter zu entwickeln oder ihren Bildungshorizont zu erweitern?


Wir alle hatten den Eindruck, dass die Zeiten sich ein wenig geändert haben. Zwar gibt es noch viel zu tun, vieles anzuprangern und viele aufzuwecken, doch der Feminismus scheint gerade unter jungen Frauen wieder mehr Zuspruch zu erfahren - sich fast schon in Richtung "Mainstream" zu bewegen. Ob wir als Beteiligte allerdings in der Lage sind diese Entwicklungen objektiv zu beurteilen, darf aufgrund der eigenen sozialen Blasen im Freundeskreis und den Sozialen Medien durchaus angezweifelt werden.

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