• Tanja

Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo

Aktualisiert: 19. Sept. 2021

Was weiß ich eigentlich über Südkorea? Ich gebe ehrlich zu: Es ist nicht besonders viel. Und was weiß ich über das Leben von FLINTA* ¹ in Südkorea? Noch weniger... Aber immerhin weiß ich wie es ist als Mädchen aufzuwachsen, in einer (beliebigen) Gesellschaft als Frau zu leben. Und eigentlich reicht das schon, um sich mit Kim Jiyoung, der Protagonistin des gleichnamigen Romans, zu identifizieren und in ihre Geschichte hineingezogen zu werden.


Damit will ich mir nicht anmaßen zu behaupten ich würde eine andere Kultur, das Leben in einem so weit entfernten und wirtschaftlich weniger privilegierten Land als Deutschland auch nur ansatzweise nachvollziehen können. Ich will damit nur sagen, dass es Themen gibt, die Frauen weltweit verbinden und die hat Cho Nam-Joo wohl sehr gut getroffen. Denn Kim Jiyoung, geboren 1982 ist ein "Weltbestseller" mit Übersetzungen in mittlerweile 18 Sprachen und weltweit über 2 Millionen verkauften Exemplaren.


Zum Buch


Kim Jiyoung ist eine Frau Mitte 30, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Kleinkindalter am Stadtrand Seouls wohnt. So weit so unspektakulär. Doch etwas stimmt nicht mit Kim Jiyoung: Ganz plötzlich, mitten im Alltag, zeigt sich zum ersten Mal eine seltsame Verhaltensweise, vielleicht eine psychische Krankheit? Fest steht: Sie fällt aus dem Muster. All das erfahren wir als Leser*innen innerhalb der ersten zwei - drei Seiten. Was uns im Folgenden erwartet ist jedoch keine Suche nach einer Diagnose, nach Mitteln der Genesung oder Linderung. Wir begeben uns anhand der Erzählungen des Psychologen, den Kim Jiyoung aufsucht, in ihre Vergangenheit und folgen einer Spur, einer Ahnung. Ihr Leben wird in Kapitel unterteilt: 1982 - 1994, 1995 - 2000, 2000 - 2011, 2012 - 2015 und ein Nachwort, 2016, in dem sich erstmals der Erzähler zu erkennen gibt. In seinem "Gutachten" verlässt er (wenn auch nicht formal) die Sphäre des Erzählens und nimmt die Sichtweise der Lesenden ein. Er beschreibt nicht nur die Therapiesitzungen (die uns verborgen bleiben), sondern genau das, was wir durch das Buch erfahren und wie wir das Lesen empfunden haben:


"[Frau Kim] beklagt sich bei mir weder über das Leid und die Ungerechtigkeit, die sie in ihrer gegenwärtigen Situation empfindet, noch ist da ein Kindheitstrauma, zu dem sie immer wieder zurückkehrt. Sie ergreift nicht leicht von sich aus die Initiative, aber wenn sie ins Reden kommt, holt sie tief in ihrem Herzen vergrabene Geschichten hervor und erzählt sie in nüchterner, unaufgeregter Weise." (S. 200)

Und er tut noch etwas anderes: Er (man könnte an dieser Stelle auch sagen "sie", denn eigentlich spricht hier die Autorin durch den Erzähler) überträgt ein Einzelschicksal, eine persönliche Geschichte in ein strukturelles Problem. Er gibt zu, eine wichtige Komponente fast übersehen zu haben, weil er ein Mann sei und diesen Punkt nur bemerkt zu haben, weil er ihn auch von seiner eigenen Frau kenne. Und zuletzt, als er aus seinen Gedanken auftaucht, zurück an seinem Arbeitsplatz und bemerkt wie spät es geworden ist, tritt noch eine weitere Frau auf, eine Mitarbeiterin, die die Praxis aufgrund ihrer Mutterschaft verlassen wird und gerade ihre letzten Sachen packt. So schließt sich der Kreis. Ein Einzelschicksal wird gespiegelt, multipliziert, gezeigt, dass es sich um ein gesellschaftliches Muster handelt. Zuletzt schließt sich das Nachwort der Autorin Cho Nam-Joo an, die den Erzähler nun bei Seite lässt, doch noch selbst das Wort ergreift und zugibt, dass der Roman zwar nicht direkt ihre eigene Geschichte erzählt, aber eben doch autobiografische Züge hat und die Protagonistin darüber hinaus auch ihren Freundinnen und Bekannten ähnelt - weil sie alle das Gleiche erlebt haben.


Kim Jiyoung, geboren 1982 ist ohne Frage ein feministischer Roman.



Die Themen


Nun hab ich schon viele Worte verloren und doch noch nicht wirklich gesagt worum es inhaltlich geht. Die einzelnen Kapitel erzählen - wie auch der Titel des Buches schon andeutet - von verschiedenen Lebensabschnitten und handeln Themen ab, die in bestimmten Alters- und Entwicklungsstufen unterschiedlich schwer wiegen. Es geht um das Aufwachsen mit einer Schwester und einem Bruder und den Ungerechtigkeiten, die die Mädchen im Vergleich zu dem Jungen erleben. Man erfährt von Familienmodellen, dem traditionellen Gedanken der Hausfrau und Mutter (die in finanziell schwierigen Zeiten trotzdem arbeiten muss) und dem männlichen Brotverdiener, von stereotypen Rollen und je nach Geschlecht erwünschten und unerwünschten, möglichen und unmöglichen Lebensentwürfen und Charaktereigenschaften. Bildung und Karriere werden thematisiert - auch mit Blick auf die vorherigen Generationen, in denen sich übrigens äußerst interessante Figuren befinden, wie die zwar pflegebedürftige, aber strenge und durchsetzungsfähige Großmutter und Kim Jiyoungs Mutter, die ich ganz klar als starke Frau, vielleicht sogar als heimliches Familienoberhaupt bezeichnen würde, auch wenn sie es noch nicht geschafft hatte den Gegebenheiten ihrer Zeit zu entfliehen.


Wir streifen durch eine Jugend mit der Heimlichtuerei der ersten Menstruation, durch ungewollte und gewollte Verehrer. Wir fahren mit Kim Jiyoung spät am Abend im Bus nach Hause, in den sich auch ein Junge gesetzt hat, der schon an der Bushaltestelle mit ihr Kontakt aufnehmen wollte, ihr folgt, an der gleichen Station aussteigt wie sie selbst, ihr vorwirft sie hätte ihm Interesse vermittelt und könne ihn jetzt nicht einfach hier stehenlassen. Wir spüren die Angst dahinter und wir empfinden den Ekel und die Scham, als herauskommt, dass jemand an ihrem Arbeitsplatz Kameras auf der Damentoilette installiert hat und und deren Aufnahmen ins Netzt gestellt wurden. Wir werden wütend, wenn hervorragende Schülerinnen und Studentinnen keine Empfehlungen und schlechtere Karrierechancen erhalten als ihre männlichen Altersgenossen und wenn der Gender Pay Gap wie nebenbei in einem Gespräch mit Arbeitskolleg*innen offenbart wird. Viel Raum nimmt das Thema Mutterschaft ein, das für eine Frau Anfang dreißig nicht nur obligatorisch zu sein scheint, sondern eben auch ganz und gar Aufgabe der Mutter ist, die dafür ihr Berufsleben an den Nagel hängen soll.


Und doch - auch das muss erwähnt werden - finden sich immer wieder positiv besetze Frauenfiguren in diesem Buch. Sie sind nicht nur die Opfer eines ungerechten Systems, sie sind nicht nur diejenigen, die sich den Traditionen unterwerfen und ihrer Wege gehen. Sie sind auch diejenigen, die Banden knüpfen. Die alte Frau im Bus, die Kim Jiyoung ihr Handy leiht, an der Haltestelle aus dem Bus kommt um unter einem Vorwand das Alleinsein mit dem Verfolger zu durchbrechen, die Kim Jiyoung vor deren Vater in Schutz nimmt, als er dem Mädchen vorwirft es wäre ihre eigene Schuld, wenn sie so spät am Abend noch alleine unterwegs sei. Es gibt die Arbeitskollegin oder Freundin, die vorbeikommt und mentale Unterstützung bietet, einen kurzen Ausbruch aus dem Mutterdasein. Eine Chefin, die den scheinbar unmöglichen beruflichen Aufstieg geschafft hat und für möglichst faire Arbeitsbedingungen zu sorgen versucht. Die ältere Schwester, die (heraus-)fordernd gegen ihre Benachteiligung aufbegehrt. Die Mutter, die sich für ihre Töchter wünscht, was ihr verwehrt blieb. Sie alle sind keine Superheldinnen, schweben nicht über den Dingen und durchbrechen nicht ihre Lebensrealität. Aber sie sind da, können Retterinnen, Verbündete oder Vorbilder werden.



Wer sollte dieses Buch lesen?


Mit ziemlich genau 200 Seiten ist Kim Jiyoung, geboren 1982 einer der kürzesten Romane, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Daher schon mal eine Empfehlung an alle, die Lust auf eine Erzählung haben, in eine andere Geschichte abtauchen wollen, aktuell aber nicht viel Zeit oder keine Lust auf einen richtig dicken Wälzer haben. Der Handlung fehlt nichts, die Kürze führt hier nicht zu Oberflächlichkeiten, platten Charakteren oder fehlenden Verknüpfungen. Es ist einfach nur eine nicht all zu lange, aber in sich vollkommen schlüssige Handlung mit Vorder- und Hintergründigem, einer präsenten Protagonistin und vielen Nebenschauplätzen.


Wer emotionale, blumige Schreibstile mag, ist mit Cho Nam-Joos Werken vermutlich nicht so gut beraten. Auch Action-Fans, die Weltbewegendes, Spannendes, Großes in einem Buch suchen, sollten vielleicht lieber zu etwas Anderem greifen. Aber für diejenigen, die nüchterne Beschreibungen und Erzählungen von Alltäglichem mögen, die eine ganz normale Person kennenlernen und ihre Geschichte hören möchten, denen sei Kim Jiyoung, geboren 1982 wärmstens empfohlen. Zudem natürlich allen, die ein Interesse an Geschlechterstereotypen, Machtgefällen und Ungerechtigkeiten haben. Eigentlich also allen lesenden Feminist*innen.


Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo wurde in Südkorea schon 2016 veröffentlicht und 2019 verfilmt. Die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee ist im Februar 2021 im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.


¹ FLINTA+ steht führ Frauen, Lesben (die natürlich auch Frauen sind, aber durch eigene Diskriminierungserfahrungen und eine eigene Bewegung extra hervorgehoben werden sollten), Intersexuelle, Nicht-Binäre, trans Personen und asexuelle sowie aromantische Menschen. Das + steht für weitere marginalisierte Gruppen, die hier nicht genannt werden, wie u.a. gender-fluide Personen.



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