• Tanja

körper_sprechen von Alex Marzano-Lesnevich

Ich habe noch nie ein Zine¹ gelesen - bis gestern. Bei Insta haben wir vor einigen Wochen eine Anfrage vom w_orten & mehr Verlag bekommen, ob wir Interesse an zwei ihrer Publikationen hätten. Ich habe für körper_sprechen zugesagt, da sich die Beschreibung so gut las, ohne genau darauf zu achten, dass das kleine Heftchen nur knapp 40 Seiten in einem kleinen Format hat. Die Überraschung war groß als die Sendung mit dem Rezensionsexemplar bei mir ankam.


Als ich mich gestern in das sehr persönliche "genderqueere Suchen" von Alex Marzano-Lesnevich hineinbegeben habe, ist mir mal wieder aufgefallen wie viel man mit ganz wenigen Worten ausdrücken kann. Es muss nun mal nicht immer ein Roman oder eine Autobiographie sein, um die eigenen Erfahrungen und Gedanken mit Menschen zu teilen. Und die von Alex sind ohne Frage eine Bereicherung und sprechen sicher vielen anderen Personen aus der Seele.



Worum geht's?


Als Kind fällt Alex - damals weiblich gelesen - schon recht früh auf, dass they sich in their Selbstbild von anderen Kindern unterscheidet. Erst der Zufall eines Schultheaterstücks, bei dem Alex aufgrund zu weniger weiblicher Figuren in die Rolle eines Jungen versetzt wurde, bringt dem Kind erste Ahnungen davon, dass das Suchen nach sich selbst etwas mit Geschlecht zu tun haben könnte. Doch von da an soll es noch viele Jahre dauern, bis die Gedanken ausgesprochen und vor allem auch geordnet werden können. Alex ist non-binary. Doch diese Begriffe und Kategorien kannte Alex (und kannte auch die Gesellschaft in den 80ern) noch nicht.


Ich möchte genauso wenig als Mann wahrgenommen werden wie als Frau. Ich möchte als nichts von beidem wahrgenommen werden. Weil ich nichts davon bin. Ich möchte gesehen werden. (Alex auf S. 35)

Wir begleiten Alex also auf der Suche nach their wahren Identität, queren dabei Kategorien wie lesbisch, Butch, trans* und erfahren mit ganz einfachen Worten und sehr nahbar wie schwer es auch in queeren Kreisen sein kann, das Konstrukt der Binarität zu überwinden.


Wer sollte dieses Zine lesen?


Ich bin mir sicher, dass die Erfahrungen von Alex vielen queeren Menschen bekannt vorkommen und es gut tut zu sehen, dass man damit nicht alleine ist. Linus Giese, der das Zine ins Deutsche übersetzt hat, sagt bspw. darüber:


Der Text erzählt davon, wie schmerzhaft und schwierig es ist, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die nur zwei Räume kennt. Er eröffnet Platz für Menschen, die bisher noch keine Räume hatten.

Was ich allerdings auch denke: Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, sagen oft sie können sich nicht vorstellen oder nicht verstehen wie es sich anfühlt trans* zu sein. Viele fürchten sich oder verweigern sich auch vor den vielen verschiedenen Bezeichnungen für Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten, die sie nicht kennen, nicht verstehen - weil sie sich nicht damit auseinandersetzen. Die Erfahrungen von Alex zeigen: Auch queere Menschen werden nicht mit einem natürlichen Verständnis für diese Thematik geboren. Auch sie müssen sich herantasten, abgrenzen, ausprobieren, einiges für sich ausschließen, dazulernen, suchen und in manchen Fällen am Ende auch finden.


Vielleicht kann dieses Zine also auch außerhalb der Community für mehr Verständnis und Annäherung sorgen. Ich würde es mir jedenfalls wünschen.


*Rezensionsexemplar von w_orten & mehr

¹ Ist dieses Essay in Form eines kleines Heftchens wirklich ein Zine? Gemeinhin werden Zines meist von Laien in einer sehr kleinen Auflage herausgegeben. Es gibt allerdings auch "Prozines", die professionell herausgegeben werden und bei denen die Autor*innen ein Honorar erhalten etc. Ihr dürft gerne diskutieren, ob es sich für euch bei dem Heftchen um ein Zine handelt - oder nicht.

28 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen