• Sabine

Hure oder Heilige. Frau sein in Italien von Barbara Bachmann & Franziska Gilli

Diese schizophrene Einteilung der Frau, die einerseits immer zur Befriedigung sexueller Triebe bereit sein soll und auf der anderen Seite als prüdes Wesen, als heilige Mutter auftritt, zieht sich bis in unsere heutige Zeit.

Wie es ist eine Frau in Italien zu sein, stellen die Reporterin, Barbara Bachmann, und die Fotografin, Franziska Gilli, in „ Hure oder Heilige. Frau sein in Italien“ dar. Eine interessante Themenwahl, zumal das katholisch geprägte Land für die große Verehrung ihrer „mamma“ bekannt ist und einem gleichzeitig die italienischen Kavaliere und Charmeure in den Sinn kommen, die Frauen nachpfeifen. Welche Erfahrungen machen Frauen heute in diesem Land? Wie steht es um feministische Bemühungen und wie ambivalent ist das Frauenbild heute noch?




Eine Reportage aufgeteilt in Todsünden und Antithesen

Jedes Kapitel nimmt die Leser*innen mit in sehr persönliche Einblicke verschiedener Themenbereiche. Die Texte und Fotografien ergänzen einander perfekt, wobei die Bilder so eindringlich oder privat sind, dass man beim ersten Blättern meist hängen bleibt und über die Texte mehr erfahren möchte.

Sie erzählen zum Beispiel von Francesca, die mehrfach in eine Magersucht gerät, dann aber lernt, ihre vermeintlich breiten Hüften zu akzeptieren. Nicht etwa, weil sie ihrem Körper noch mehr Schaden ersparen möchte, sondern weil sie erkennt, dass das heutige Körperbild Frauen mit breiten Hüften als attraktiv stilisiert.

Es geht um ein Paar, das versucht trotz Corona-Lockdown und Home-Schooling seine Aufgaben gleichberechtigt zu verteilen und dabei regelmäßig an ihre Grenzen stößt.

Und dann ist da noch ein Kapitel, das eindringlich über gewaltsame Erfahrungen von gebärenden Frauen erzählt. Es ist nur schwer zu ertragen, von den Erlebnissen der Frauen zu lesen, die nicht nur nicht über ihren Geburtshergang entscheiden dürfen, sondern sich dabei auch immer wieder anhören müssen, sie würden nur jammern und ihr Kind gar nicht wirklich gebären wollen. Eine Hebamme beschreibt den Zustand in öffentlichen Krankenhäusern so:

„ Der Chauvinismus in Italien wirkt sich auch auf die Geburten aus. Bei uns sind noch viele konservative Gynäkologen beschäftigt. Sie glauben, dass sie die Kinder holen […] es herrscht immer noch die Tendenz, den weiblichen Körper kontrollieren zu wollen, anstatt Frauen in ihrer Kraft zu stärken.“ (S. 89)

Und dann sind da noch viele Porträts von Frauen und Männern, die ihren Lebensweg in Italien nachzeichnen, erzählen was sie über Feminismus denken und wie sie sich die Zukunft des Landes vorstellen. Ergänzt wird das alles von Zwischenseiten, die gespickt sind mit Zitaten von Berühmtheiten, fragwürdigen Forscher*innen, Werbebildern und letztlich Bildern von Demonstrationen.


Das Fazit: Reinschauen. Faszinieren lassen. Patriarchat zertreten.


Um den Spirit des Buches einzufangen, bräuchte es wahrscheinlich noch mehr Blogeinträge. Von jedem Kapitel geht ein gewisser Sog aus - man kommt mit vielen Themen in Verbindung, liest eine persönliche Geschichte dazu und hat wortwörtlich verschiedene Bilder vor Augen. Eindringliche Bilder, die wie die Reportagen selbst nachhallen. Wichtig hierbei festzuhalten: Das Werk versucht durch viele Einflüsse und verschiedene Ansichten von Personen ein Stück Realität festzuhalten. Es ist keineswegs eine feministische "Kampfschrift" oder Ähnliches. Der Anspruch ist eine wahrheitsgemäße, detaillierte Abbildung der Realität zu schaffen. Deshalb verwundert es auch kaum, dass im vorletzten Kapitel "Neid und Lob" zuweilen auch Sätze zu finden sind, wie:

"Aber im Grunde ist eine Frau wie ein Pferd. Es kommt immer auf denjenigen an, der sie reitet." (S.172)

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Männern in unterschiedlichen Altersgruppen und Lebensphasen, die ihr persönliches Frauenbild kundtun sollen. Vom Rettungsschwimmer, über den Priester bis hin zum Porno-Darsteller, werden Männer beispielsweise gefragt, ob sie Frauen beneiden, was Männlichkeit in ihren Augen bedeutet oder was sie denken, wenn sie das Wort Feminismus hören. Darunter sind Aussagen, bei denen man den sich Äußernden gerne kurz wachrütteln und in einem persönlichen Gespräch darlegen würde, wie falsch, schädlich und rückläufig manche Ansichten sind. Gleichzeitig erfüllen sie einen wichtigen Zweck: Sie machen wütend. Wenn man bis zu dieser Stelle gelesen hat, hat man bereits sieben Frauenmorde in einer Woche bezeugen können und so verdammt viele Äußerungen dazu gelesen, wie eine Frau sein sollte, was sie tun darf, wie mütterlich, sexy, freizügig oder prüde sie sich geben soll, dass die vorletzten Äußerungen nur wie eine feurige Zündschnur wirken, nachdem man bereits großzügig Benzin vergossen hat... Und das ist gut so. Um diese Wut in eine aktivistische Richtung zu lenken und den Lesenden doch ein wenig Katharsis zu geben, endet dieser fantastische Band mit Bildern von demonstrierenden Feministinnen, die gegen Gewalt an Frauen protestieren, ebenso wie gegen die Schließung von einem Frauenhaus (was in Italien scheinbar ein großes Problem darstellt).


Ich würde den Band unbedingt weiterempfehlen, da er so viele Facetten birgt und einen durch die emotionale Bebilderung nicht mehr loslässt.



Weiterführende Anstöße aus dem Reportagen-Band


Veline: Den Begriff der Veline lohnt es sich auf jeden Fall zu recherchieren, da es ein typisch italienisches Phänomen ist und die Ambivalenz des Frauenbildes gut widerspiegelt. Es handelt sich dabei um kaum bekleidete Frauen, die zu Beginn einer Fernseh-Sendung lasziv tanzen und als "hübsches Augenmerk" neben den (meist männlichen) Moderatoren agieren, ohne dabei jemals zu Wort zu kommen.

Dass es sich hierbei um eine reine Objektifizierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers handelt, ist so einleuchtend, dass man es kaum noch aussprechen muss.

Lohnenswert ist eine Auseinandersetzung mit dieser Erscheinung natürlich trotzdem. Hier ein paar Anregungen zur ersten Recherche:


Weitere Anmerkungen:


"Hure oder Heilige" wurde unserem Buchclub-Mitglied als Rezensionsexemplar vom edition Raetia Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Unsere Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

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