• Natalie

Hitze von Raven Leilani

Triggerwarnung: Rassismus, Sexismus, Klassismus, sexuelle und psychische Gewalt, Drogenkonsum, Explizite Beschreibung von Leichen



Edie ist 23 Jahre alt, Schwarz, lebt in einem dreckigen und heruntergekommenen WG-Zimmer in Brooklyn und hält sich nach dem abgebrochenen Studium mit einem Assistenzjob über Wasser. Nach etlichen Affären mit meist weißen, für sie unattraktiven Männern, lernt Edie Eric kennen. Eric ist doppelt so alt wie Edie, weiß, verheiratet und Vater einer Adoptivtochter. Zusammen mit seiner Familie lebt er in einem großen Haus, verdient sehr gut und sucht durch die offene Ehe mit Affären nach Spaß.

Die eher klischeehafte Geschichte nimmt eine Wendung, als Eric nach einem Streit mit seiner Frau die Regeln über Bord wirft und Edie mit zu sich nach Hause nimmt. Edie lernt nicht nur die Ehefrau von Eric kennen, sondern auch die Schwarze Adoptivtochter, die in ihrem kompletten Umfeld nicht eine weitere Schwarze Person kennt – außer die neue Affäre ihres Vaters.

Nachdem Edie ihren Job und ihre Wohnung verliert, zieht die junge Frau in das Haus der Familie und die bis dahin schon verworrenen Beziehungen der unterschiedlichen Figuren nehmen ihren Lauf.



Klar ist, dass die Autorin die Leser*innen herausfordert. Während des Lesens wünscht man sich, dass diese unangenehmen Situationen schnell vorüber gehen, überlegt, ob man nicht ein paar Seiten überspringen sollte, um diese unausgesprochenen Dinge im Raum einfach zu übergehen. Und doch bleibt man dran, liest jeden Satz und versucht es auszuhalten – vielleicht aus Solidarität mit Edie oder aufgrund des Schreibstils der Autorin, der zwar roh, teils vulgär aber auch mitreißend ist.

Raven Leilani hat ein Werk geschaffen, welches mit Grenzen und deren Überschreitungen spielt. Ist die erste Grenze überschritten, als Eric und Edie sich über die festgelegten Regeln hinwegsetzten? Ist es erst eine Grenzüberschreitung, als Edie in das Haus der Familie einbricht? Als sie zur Hochzeitsfeier bleibt oder erst als sie die Adoptivtochter kennenlernt? Ist es eine Grenzüberschreitung, wenn Eric Edie, wenn auch mit deren Zustimmung, ins Gesicht schlägt? Geht es zu weit, dass Edie das Haus der Familie aufräumt und die Eltern über den Rassismus aufklärt, der ihrer Tochter widerfährt? Ist es eine Grenzüberschreitung, dass Edie Eric und seine Frau beim Sex beobachtet? Wird für die Adoptivtochter eine Grenze überschritten, wenn mit der Affäre ihres Vaters und den beiden Elternteilen Familienausflüge zu machen? Ist es für die Ehefrau ertragbar, mehr Zeit mit Edie als mit ihrem Ehemann zu verbringen? Diese Fragen könnten endlos so weiter gestellt werden. Um weitere Spoiler zu vermeiden, belasse ich es dabei.

Vielleicht war das Lesen für mich stellenweise deshalb so unangenehm, da für mich persönlich viel zu viele Grenzen überschritten wurden und ich das Gefühl hatte, dass auch Edies Grenzen überschritten werden, sie aber trotzdem einfach weiter macht und es akzeptiert. Die junge Protagonistin ist taff, dominant und willensstark, gleichzeitig lässt sie Alltagsrassismus und Sexismus einfach über sich ergehen, nimmt es an, wenn Männer sie zum Sex benutzen und gibt einschneidenden Erlebnissen kaum eine Bedeutung. Mich persönlich hat das aufgewühlt, getroffen*, teilweise sogar Aggressionen geweckt, obwohl ich Edie trotzdem weiter verfolgen wollte und in jeder Situation gehofft habe, dass sich für sie endlich alles zum Guten wendet.


Der große Schatten, der über jedem Satz und auf jeder Seite hängt, ist, dass Edie eine junge, arme und Schwarze Frau ist, die keinerlei familiären oder freundschaftlichen Rückhalt hat und ihr Gegenüber ein älterer, weißer und reicher Mann mit Familie ist. Auch wenn Eric immer wieder versucht, die Gegensätze zwischen beiden herunter zu spielen und sich nie wirklich rassistisch oder sexistisch äußert, stehen diese Themen zwischen ihnen. Die Frage, die ich für mich auch bis zum Ende hin nicht beantworten konnte ist: Wie viel Diskriminierung hält eine Beziehung aus?

Zusammenfassend merkt man schon an den Triggerwarnungen am Anfang meines Beitrags, dass dieser Roman nicht einfach zu lesen ist. Als Leser*in wird man ohne euphemistische Umschreibungen direkt mit vielen schweren Themen konfrontiert und findet keinen Ausweg. Wer sich diese Themen jedoch zutraut, wird ein spannendes Buch lesen, welches sowohl sprachlich als auch inhaltlich einen Sog erschafft, dem man nur schwer entkommt.



*Hier möchte ich erwähnen, dass ich als weiße Person nicht nachempfinden kann, wie es ist, Rassismus am eigenen Leib zu erfahren. Ich möchte deshalb den Umgang damit (auch wenn es sich "nur" um eine fiktive Buchfigur handelt) nicht abwerten oder verurteilen.

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