• Luca

Frau Shibatas geniale Idee von Emi Yagi

Ich werde meine Eindrücke heute sehr nah am Text festmachen und möchte deshalb eine Spoilerwarnung aussprechen.


Es beginnt alles mit ein paar Kaffeetassen, die nicht aus dem Konferenzraum ihres Büros geräumt werden. Ihre Kollegen (absichtlich nicht gegendert, da sie die einzige Frau im Betrieb ist) sind wohl alle der Meinung, dass das Hinterherräumen hinter ihrem Dreck ganz selbstverständlich Frau Shibatas Aufgabenbereich ist. Dieses Muster gibt es nun schon länger in dem Betrieb, der sich auf die Herstellung von Papierrollen konzentriert. Zusammen mit dem Wachsen ihres Arbeitspensums wurden ihr schleichend immer mehr Care-Aufgaben aufgehalst. Unbezahlt, versteht sich. So entfernt sie als einzige die Essensreste von den Kollegen aus dem Kühlschrank, putzt die Microwelle oder ihr wird Gelee (ein Geschenk eines Kunden für alle Mitarbeiter:innen) auf dem Schreibtisch platziert, damit sie es dann mit einem Löffelchen versehen an den Platz eines jeden Mitarbeiters stellen soll.


Und dann sind da diese Tassen, die sorglos im Konferenzzimmer stehen gelassen wurden.

Frau Shibata reicht es. Sie geht zu einem Kollegen hin, welcher tatsächlich an dem Meeting teilgenommen hat und sagt ihm, dass sie den Geruch der Zigaretten, die in den Tassen ausgedrückt wurden nicht ertragen könne, weil sie schwanger sei. Und siehe da, nicht nur räumt der Kollege natürlich alles sofort weg, sondern mit Frau Shibatas Scheinschwangerschaft öffnen sich noch ganz andere Möglichkeiten, wie sie bald feststellen wird.


So also das Konzept des Romans von Emi Yagi. Die Japanerin hat bereits bevor ihr Debüt überhaupt erschienen war, einen Preis dafür bekommen. Den Dazai Osamu Prize. Einen Literaturpreis für japanische Nachwuchsschriftsteller:innen, welcher für außergewöhnliche und noch nicht veröffentlichte Kurzgeschichten vergeben wird und mit einer Millionen Yen (umgerechnet ungefähr 7700 Euro) dotiert ist.


Ich mochte die Gliederung der Kapitel in die vermeintlichen Schwangerschaftswochen extrem gern. So habe ich vor jedem neuen Abschnitt kurz nachgerechnet in welchem Monat sie nun sein muss und wie sich das auf ihr Äußeres auswirken muss, damit alles echt wirkt.

Der Roman an sich spielt im heutigen Tokyo. Frau Shibata ist eine alleinstehende und wohnende Frau Anfang dreißig. Der Fakt, dass sie weder verheiratet ist noch in einer festen Beziehung lebt, kommt ihr gerade recht. Da es als unüblich oder sogar unschicklich gilt, als ledige Frau schwanger zu werden, wird sie nicht viel danach gefragt, wer der Vater ist und wie die ganze „Situation“ entstanden ist. Nachdem die Hauptfigur die Schwangerschaftsbombe hat platzen lassen, geht sie zu ihrem Vorgesetzten um ihn auch darüber in Kenntnis zu setzen. Sie nennt eine Schwangerschaftswoche und rechnet, als sie Zuhause ist, aus, was das für einen Geburtstermin nach sich zieht.

In den Wochen darauf erkennt sie viele positive Nebeneffekte für sich und ihr Alltagsleben. Sie macht zum ersten Mal, seit sie bei der Firma angefangen hat, pünktlich Feierabend. Nicht-schwanger ein No-Go, weil alle Angestellten extrem viele Überstunden machen. Mit ihrer Ausrede nun aber kein Problem mehr. Da sie nun mehr Freizeit hat, fängt sie an frisch zu kochen, anstatt sich schnell irgendwo einen Fertigimbiss zu kaufen. In Kombination mit dem Schlaf, den sie nun bekommt, fängt ihre Haut an zu strahlen, was die anderen als den gesunden Teint einer Schwangeren interpretieren. Kolleginnen aus anderen Abteilungen bringen ihr Ausdrucke mit Schwangerschaftsdehnübungen mit, die wunderbar gegen ihren steifen Nacken helfen.


Ein Leseeindruck, der mich das gesamte Buch über begleitet hat, war die Überlegung, durch welchen Fehler sie auffliegen könnte. Das hat dazu geführt, dass ich mich sehr tief in die gelesenen Situationen reinbegeben habe, um alle potenziellen Gefahren zu entdecken. Fast wie in einem Thriller also, wenn man versucht Hinweise zu entdecken und deshalb unter Hochspannung die Seiten scannt. Die ganze Zeit über hängt auch die Frage in der Luft, wie sich die Lüge auflösen wird, ob sie sich überhaupt auflösen wird. Ich habe mich auch viel mit dem Gedanken beschäftigt, was denn passieren wird, sobald das angebliche Kind auf die Welt gekommen ist. Wie will sie ihre Lüge so weit erstrecken? So sind mir auch jetzt, drei Wochen nachdem ich das Buch beendet habe, viele Kapitel noch extrem bildreich vor Augen. Für mich also eine klare Stärke des Romans.


Empfand ich Frau Shibata zu Beginn des Buches als eine fuchsige und amüsante Hauptfigur, die sich gegen die sexistische Rollenverteilung mit unkonventionellen Waffen wehrt, so wurde dieses Bild ab dem ersten Drittel etwas verzerrt. Sie beginnt ihre Nicht-Schwangerschaft nämlich etwas zu Ernst zu nehmen. Das fängt an mit dem Anbringen eines Schwangerschaftsanhängers an ihrer Tasche, geht über die Installation einer Schwangerschaftsapp, die sie mit ihren Bewegungs- und Essangewohnheiten füttert, bis hin zu der Eröffnung eines Sparkontos für die Versorgung ihres Kindes. Spätestens aber, als sie sich zu einem Schwangerschafts-Aerobic-Kurs anmeldet, empfand ich ein Unwohlsein beim Lesen. Da es für mich dort nicht mehr um die anfängliche „Rache am Patriarchat“ ging, sondern Mit-Betroffene bewusst und vor allem unnötig hinter das Licht geführt wurden. So war diese Anmeldung ein großer Wendepunkt des Buches für mich.


Sie geht nämlich auch damit einher, dass sie sich mit anderen Schwangeren anfreundet und mehr Zeit mit ihnen verbringt. Zu dieser Zeit erkennt man in der Hauptfigur eine große Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, da ihr Alltag, nachdem sie nicht mehr zur Lohnarbeit muss, von Einsamkeit dominiert wird. Ein Thema welches gerade in japanischen Romanen immer wieder verarbeitet wird. In diesem konkreten Beispiel jedoch kam für mich die Frage danach auf, ob diese Lüge nicht eigentlich einen Wunsch nach einer Gemeinschaft, einer Familie ausdrückt?


Wie oben bereits erwähnt habe ich ständig nach Anzeichen gesucht, wie das Ganze nun auffliegen könnte. Schon zu Beginn war ich ganz konzentriert darauf. Dies führte dazu, dass ich das Buch an zwei aufeinander folgenden Tagen fertiggelesen habe, weil die „Auflösung“ so zentral für mich war. Und dann war es soweit. Das Ende des Buches näherte sich und ich war danach sprachlos. Aber auf die gute Weise!

Fühlte ich mich den gesamten Roman über wie Frau Shibatas Komplizin, war es hier mit den Partners in Crime vorüber. In den letzten Kapiteln gibt es erneut so einen Moment, der die Lüge zum Platzen bringen könnte. Erneut wurde ich also etwas nervös beim Lesen, bis ich am Ende dieses Augenblicks mit einem riesigen Fragezeichen dasaß. Danach fühlte ich mich hintergangen, verraten von Frau Shibata. Eine Leseerfahrung, die ich so auch noch nicht gemacht habe, muss ich zugeben. Ich akzeptierte, dass sie mich genau so hinters Licht geführt hatte, wie all die Charaktere in dem Roman und las weiter um dann einfach ein zweites Mal ohne Ahnung dazustehen.

Dass die Autorin es geschafft hat diese Emotionen (vor allem in dieser Intensität) in mir auszulösen, finde ich wahrhaftig beeindruckend. Vor allem wenn man bedenkt, dass es mit knapp 200 Seiten ein kurzes Buch ist und damit nicht viel Zeit blieb, die Leser:innen an die Figur zu binden.

Heute, also drei Wochen später muss ich Grinsen und meinen Kopf in disbelieve schütteln, wenn ich über das Buch nachdenke. Ich ziehe meinen Hut vor der Autorin und vor allem vor Frau Shibata, die es geschafft hat, dass ihre geniale Idee, für immer ihr persönliches Geheimnis bleiben wird. Ein Buch von dem ich mir wünschen werde, dass ich es erneut zum ersten Mal lesen könnte.

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