• Tanja

Exkurs Film: Fluffy Tales von Alison Kuhn

Kurzer Film - kurzer Blogpost. Gerade einmal 15 Minuten dauert der Kurzfilm "Fluffy Tales" von Alison Kuhn und hat trotzdem so viel Aussagekraft. Alison Kuhn, die Schauspielerin, Filmemacherin und Autorin aus Saarbrücken, war mir schon bekannt, denn sie war auch im letzten Jahr Teilnehmerin beim Filmfest Max Ophüls Preis. Damals war ihr Dokumentarfilm "The Case You" nominiert, in dem sie übergriffiges Verhalten und sexualisierte Gewalt am Theater behandelte - und zwar anhand ihrer eigenen Erfahrungen, die sie zu einer ganz bestimmten Produktion mit weiteren jungen Schauspielerinnen teilte. Es überrascht also nicht, dass sie sich auch dieses Mal wieder für ein feministisches Thema entschieden hat.


Worum geht's?


Als Zuschauer*innen platzen wir mitten in ein Werbeshooting für Hundefutter. Eine junge Frau posiert mit einer Fellnase, der Fotograf gibt Anweisungen, auch die Kundin ist anwesend und bestimmt mit. Schon ganz zu Beginn könnte man sich fragen warum das Model keine Hose trägt, sondern nur eine lange Bluse, die gerade so ihren Hintern verdeckt. Doch mal ehrlich: Fragen wir uns so etwas wirklich im Rahmen der Werbe- und Modelwelt, nach unzähligen Staffeln Germanys next Topmodel mit Nacktshootings wider Willen und absurden Laufsteg-Situationen mit möglichst wenig Kleidung? Ich habe es nicht getan. Es fällt mir erst jetzt im Rückblick auf.


Als der Hund keine Lust mehr hat den Anweisungen zu folgen und zu bellen beginnt, wird er kurzerhand ausgetauscht. Model Ella soll nun den Hund spielen - auf allen Vieren und ohne das einzige Kleidungsstück, das sie bisher trug - denn wer hat denn schon mal einen Hund mit einer Bluse gesehen? Nackt soll sie sich nun in die Rolle einfinden, vergessen, dass sie eigentlich ein Model ist und den Hund so authentisch wie möglich geben. Erst als der Fotograf sie auffordert doch auch etwas von dem Hundefutter zu fressen, beschließt Ella, dass es genug ist. Sie erhebt sich aus ihrer - wortwörtlich - untergeordneten Position, wo sie vom Boden aus zum Fotografen aufblickte. Die Kundin, die sich etwas im Hintergrund hält, aber keineswegs unterstützend eingriff sondern, im Gegenteil, diejenige war, die den Vorschlag des Nacktseins einbrachte, scheint fassungslos, als Ella beginnt den Fotografen anzuknurren. Sie verbleibt in der Rolle des Hundes, übertrifft ihren anfänglichen Shooting-Partner aber in seinem Ungehorsam. Wild macht sie sich das Setting zu eigen und lässt ihre Rebellion darin gipfeln, dass sie das Sofa besteigt, das sie anfangs bitte nicht berühren sollte, und - wie ein Tier - darauf pinkelt.


What did I just watch?


Als der Film nach 15 Minuten endete, war ich erst mal sprachlos. Was hatte ich da gerade gesehen? Sicher, eine Kritik an "Macht, Grenzüberschreitung und dem Frauenbild in der Werbung", wie Alison Kuhn selbst im Regiekommentar erklärt. Doch die Umsetzung verwirrte mich. Warum blieb das Model denn in der ihr zugeordneten Rolle des Hundes, wenn sie doch offensichtlich beschlossen hatte aufzubegehren? "Ich sehe den Film als satirisches Drama. Er ist natürlich überzeichnet, gerade wenn man sich das Ende anschaut", erklärte Alison Kuhn in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung. Ernüchternd realistisch ist hingegen das Ende des Films. Unbeeindruckt von ihrer Vorstellung lässt der Fotograf das Model austauschen. Eine Ella sehr ähnlich sehende weitere junge Frau betritt den Raum. Auch sie erhält den Auftrag sich auszuziehen und mit dem Kopf im Napf vom Hundefutter zu fressen - und sie tut es widerstandslos.


Ein Film über Hierarchien und Strukturen, über untätige Mittäter*innen oder Kompliz*innen, über ein System, das nur gebrochen werden kann, wenn alle rebellieren und das weiter bestehen wird, so lange nur einzelne es durchschauen und austreten. Denn dann werden sie als "schwierig" gelten, während andere dafür sorgen, dass sich die Rädchen einfach weiterdrehen. Dieses Thema in nur 15 Minuten so eindrücklich zu behandeln, trotzdem einen Spannungsaufbau zu kreieren, die Zuschauer*innen merken zu lassen, wie sich die Situation zuspitzt und die Erniedrigung ihren Höhepunkt erreicht, ist äußerst beeindruckend. Chapeau, Alison Kuhn. Weiter so.


Zum Film


Fluffy Tales

Kurzfilm | 15 Minuten | FSK 12

Premiere: Deutschland 2021

Regie: Alison Kuhn

Buch: Alison Kuhn

Cast: Alexandra Sagurna, Hyun Wanner

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