• Luca

Dschinns von Fatma Aydemir

Aktualisiert: 23. Sept.

Worum geht’s?


Hüseyin, so heißt nicht nur das erste Kapitel in Fatma Aydemirs Roman, sondern auch der Vater der Familie, die wir in „Dschinns“ kennenlernen. Er befindet sich zu Beginn des Buches in Istanbul, in einer frisch renovierten Wohnung - seiner Wohnung. Schaut sich die Zimmer und die Einrichtung ein, die er sorgsam ausgesucht hat, denn bald soll sein jüngster Sohn Ümit und seine Frau Emine nachkommen. Seit er nach Deutschland kam, um Arbeit zu finden, hat er auf den Moment gewartet. Hat Geld zur Seite gelegt und jetzt, wo er in Frührente ist, nach all den Jahren, hat er sich seinen Traum erfüllt. Doch dann spürt er ein ziehen in seiner Brust und es kommt, wie es kommen muss, er stirbt an einem Herzinfarkt in seinem eigenen Flur.

Hüseyins Tod, oder eher seine Beerdigung ist Anlass für seine ganze Familie nach Istanbul zu reisen. Neben den oben bereits genannten Familienmitgliedern, betrifft das außerdem die älteste Tochter Sevda mit ihren zwei Kindern, Hassan ihr kleiner Bruder und die jüngste Tochter Perihan. Jeder dieser Personen wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem man nicht nur einen Eindruck von ihrer Gefühls- und Gedankenwelt bekommt, sondern sie auch Stück für Stück die Familiendynamik zur Schau stellen. So werden Konflikte, Sehnsüchte, alte Wunden und ein Geheimnis aus den Tiefen der Familie geborgen.


Fatma hat beeindruckendes geschafft mit ihrem Roman, der auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2022 zu Recht zu finden ist. In jedem der sechs Kapitel schafft sie Figuren mit eigener Stimme und Haltung, die von den, sich durchaus extrem unterscheidenden Erfahrungshorizonten geprägt sind. Das Buch wir dementsprechend auch von den facettenreichen Charakteren getragen. Aus diesem Grund werde ich bei meiner Rezension auch einen Fokus auf eben jene legen.


Die Familie Yılmaz


Angefangen bei Ümit, der als Teenager mit den Folgen der ersten Liebe hadert und der zudem das einzige Kind der Familie ist, welches in Deutschland geboren wurde. Anders als seine älteren Geschwister ist er mit der Fremdheit konfrontiert, die er in der Anwesenheit der erweiterten Familie, der ungewohnten Rituale und dem unbekannten Land spürt.


Sevdas Geschichte ist von anderen Einflüssen gefärbt. Als ältestes Kind, mit schwieriger Beziehung zu ihrer Mutter wurde sie nicht mit der restlichen Familie nach Deutschland geholt, sondern verbrachte ihre Kindheit und Anfänge ihrer Jugend zusammen mit ihren Großeltern in einem Bergdorf in der Türkei. Als sie letztendlich doch nach Deutschland kam, musste sie sich gegen Emine behaupten, um noch zur Schule gehen zu dürfen, um überhaupt einen Anschluss an das Leben in der erfundenen niedersächsischen Stadt zu finden. Diese Erfahrungen prägen auch ihre Figur als Erwachsene. Zudem ist die Beerdigung das erste Mal, dass sie ihre Familie seit Jahren sieht. Sevdas Kapitel ist aus meiner Sicht eines der reichhaltigsten. Es steckt sehr viel gesellschaftskritisches Potenzial darin. Sie wird zu einer Stellvertreterfigur für eine ganze Generation an Frauen.


Das Gefühl der Perspektivlosigkeit durch rassistische Zuschreibungen, wird unter anderem in Hassans Kapitel herausgearbeitet und äußert sich in der Form einer Polizeikontrolle in die er gerät, als er mit dem Auto unterwegs nach Istanbul ist. Die Geschwindigkeit, die er dabei drauf hat verschmilzt mit Aydemirs Schreibstil. Als lesende Person rast man regelrecht durch seine Gedanken, aufgeputscht vom Red Bull erfährt man von seinen halblegalen Geschäften und seiner Beziehung. Dabei ist gerade in diesem Kapitel die Sprache der Figur das Herausstellungsmerkmal.


Eines meiner Lieblingskapitel war wohl das von Perihan. Sie ist das erste Kind der Familie, das Abitur macht und dann studieren geht. So stehen ihr im Gegensatz zu ihrer restlichen Familie ganz andere Möglichkeiten offen. Neben diesen neuen Möglichkeiten, die sich ergeben, tun sich allerdings auch neue Problematiken auf, die sie nicht mit ihrer Familie teilen kann. So ist Perihan ein Charakter, der hin und her gerissen ist. So gerne würde sie mit ihrer Mutter über die feministischen Grundlagentexte sprechen, die sie liest wie Manifeste. Doch in der Lebensrealität ihrer Mutter haben diese „fixen Ideen“ keinen Platz.


Emine muss sich nämlich um die Familie kümmern. Und das muss sie immer schon. Alleine. In der Türkei ihrer Stimme bereits einmal beraubt, hat sie Schwierigkeiten sich in der engen, kleinen Wohnung in Rheinstadt zurecht zu finden. Die Sprachlosigkeit und der Anspruch an sie, sich an alle Gegebenheiten anpassen zu müssen ist es, die Emines Kapitel und Leben prägend.


Besonderheiten neben den Figuren aka Warum ist Dschinns auf der Shortlist gelandet


Der Roman spielt in den 1990er Jahren. Aydemir hat ihn in diesen Zeitraum versetzt, da es die Zeit ist, in der sie auch aufgewachsen ist. Zudem ist es so möglich Charaktere zu zeichnen, deren Realität (in)direkt an den Gastarbeiterstatus gekettet sind. Hüseyin wird zur Randfigur in den Leben seiner Kinder, die vereinzelt einstreuen wie er erschöpft vor dem Fernseher sitzt, wie sein tagtägliches Schuften dafür sorgt, dass er kein aktiver Teil der Familie mehr ist, wie ihr Vater langsam verschwindet. Diese Beobachtungen machen dabei sehr subtil auf ein lange unaufgearbeitetes Stück deutscher Geschichte aufmerksam.

Auch das Ende von Hüseyin ist eine ausdruckstarke Metapher für eine ganze Generation von Menschen, die von einem besseren Leben träumten aber von der kalten Realität in Deutschland eingeholt wurden.


Die Art, wie nebensächlich Fatma Themenkomplexe in ihrem Roman verwebt, die in der deutschen Dominanzgesellschaft sonst gerne totgeschwiegen werden, ist ein wahres Talent. So recherchierte sie auch zu den rassistisch motivierten Brandanschlägen in den 90er Jahren und schafft es die Angst der Betroffenen authentisch aufs Papier zu bringen. Auch wenn die zeitliche Einordnung auf dieser Ebene ihre Berechtigung findet, ist sie doch nur bruchstückhaft in den Roman eingearbeitet. Die Handlung an sich kommt eher zeitlos daher.


Wie hier zu lesen ist, gibt es wirklich extrem viel Denkstoff, der geboten wird in „Dschinns“. Aber nicht nur inhaltlich glänzt der Roman, auch sprachlich brilliert er. Wer die Möglichkeit hat, mal einen Blick in das Buch zu werfen, muss nur die erste Seite aufschlagen um einen Vorgeschmack zu erhalten. Die Sprache ist trotz (oder gerade wegen?) der Härte mancher Situationen wunderschön. Besonders eindrücklich ist für mich auch die Technik, die verwendet wird. Während alle Kinder als Ich-Erzähler*innen auftreten, wird bei den Eltern ein spannender Kniff vorgenommen. Ihre Erfahrungen werden nämlich von außen beobachtet und sie selbst als „du“ angesprochen. Doch nicht nur das sticht hervor, auch die Sprache, die wie bereits erwähnt, durchgehend beeindruckend nah an den Figuren ist, wird hier fast lyrisch. Ich hab auf jeden Fall ein bisschen geweint.


Zum Schluss möchte ich noch eine Lanze brechen für den Spannungsbogen und die Rahmengestaltung dieser Erzählung. „Dschinns“ ist eins von diesen Büchern, bei denen man zum Schluss nochmal alles Revue passieren lassen muss um die Storyline zu verstehen, die unter allem bereits erzählten liegt. Und dann hat man das Bedürfnis einfach nochmal von vorne anzufangen.




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