• Luca

Drei Kameradinnen von Shida Bazyar

Als die Longlist des deutschen Buchpreises 2021 erschien, bin ich erst mal zu meinem Bücherregal geschlappt um zu sehen, welche Titel sich bereits in meinem Besitz befinden. Eines dieser Bücher war „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar. Auch wenn sie es leider nicht in die engere Auswahl geschafft hat, möchte ich diesen Roman trotzdem mit euch teilen.


Die in Hermeskeil geborene Autorin sollte für einige kein unbekannter Name mehr sein, denn Shidas Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ wurde 2016 bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet. Darunter der Bloggerpreis für Literatur und der Ulla-Hahn-Autorenpreis. Zuvor studierte sie Literarisches Schreiben an der Universität in Hildesheim.


Dem Roman vorhergehend ist ein Zeitungsausschnitt, der nahelegt, dass eine der Hauptfiguren für einen Brand in einem Wohnhaus verantwortlich ist. Bereits hier werden rassistische Klischees reproduziert. Dieser Ausschnitt führt jedenfalls dazu, dass man in die Geschichte mit dem Wissen einsteigt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Ähnlich wie bei einem Kriminalfall wird jedoch nicht gleich aufgedeckt, was wirklich geschehen ist. Man folgt den drei Protagonistinnen in der Woche, die dem Brand vorausging, steuert so also langsam auf die Wahrheit zu. Das dachte ich zumindest.


Da es sich bei den „drei Kameradinnen“ Kasih, Hani und Saya um Frauen handelt, die als migrantisch gelesen werden, spielen alltagsrassistische Situation eine Rolle im Roman. Gerade auch durch den Charakter von Saya, die sich schwer von den Ungerechtigkeiten abwenden kann. Das geht so weit, dass sie in der Flut von geleakten Nazi-Chaträumen zu ertrinken droht. Diese Nachrichten gehen mit einem beginnenden Prozess einher, die mich als Lesende stark an die Berichterstattung zum NSU-Prozess erinnert hat. Dieser überschattet das Zusammentreffen der drei Freundinnen, die sich eigentlich für einen freudigeren Anlass getroffen haben. Die Hochzeit einer Bekannten aus ihrer Jugend steht nämlich an.


Auch wenn ich Kasih als Erzählerin identifiziert habe, da sie die Geschichte der Woche vor der Hochzeit im Rückblick zu erzählen scheint, verschwimmt die Erzählperspektive. Man bekommt auch die Gedankenebene der anderen beiden mit, wobei ich es schwer finde zu differenzieren, ob dies ihre wirklichen Gedanken sind, oder nur Vermutungen die Kasih über sie anstellt & als Wahrheit verkauft, wie sie das öfter im Verlauf des Buches macht. Nicht selten passiert es nämlich beim Lesen, dass man den Erzählmustern der Geschichte blind folgt, wie man es gewöhnt ist, nur um dann von der ein oder anderen Lüge, Beschönigung oder Auslassung der Hauptperson aus der Stringenz der Erzählung herausgerissen zu werden. Da werden manchmal ganze Teile der Geschichte als Fiktion aufgedeckt, wobei sie dadurch nicht ein bisschen an Ernsthaftigkeit verlieren. Außerdem sind sie so eine Anspielung auf unsere Berichterstattung, bei der schon lange nicht mehr entscheidend zu sein scheint, ob das beschriebene der Wahrheit entspricht, sondern vielmehr wichtig ist, dass es letztendlich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Ein spannender Kniff, der das Buch im Vergleich mit anderen Geschichten ganz klar herausstechen lässt.


Generell hat mir das Buch gut gefallen. Der Schreibstil war extrem angenehm, was ich nicht unbedingt erwartet hatte, da ich bei Büchern, die für den Buchpreis nominiert werden, immer damit rechne, dass es anstrengend wird. Das war also gar nicht der Fall, zumindest nicht wegen des Schreibstils. Anstrengend ist der Roman durchaus stellenweise, aber eher wegen der fordernden Thematik, die eben frustrierend sein muss. Die Stärken des Romans lagen für mich aber nicht unbedingt in den „großen“ Ereignissen, sondern in den alltäglichen Erzählungen. Die Probleme, mit denen sich Kasih, die gerade aus einer längeren Beziehung kommt, und Hani, die in ihrem Job zu wenig Würdigung ihrer Arbeit bekommt, herumschlagen müssen. Auch die kurzen Erzählungen aus ihrer Kindheit und Jugend, sind Passagen, an die ich mich erinnern werde, weil sie nicht nur einfache Erinnerungen sind, sondern gleichzeitig immer noch eine Geschichte oder Moral zwischen den Zeilen transportieren.


Abschließend lässt sich sagen, dass ich froh bin, dieses Buch als erstes der Longlist gewählt zu haben, da ich in ihm einen runden Roman gefunden habe, der mich dennoch gefordert hat. Ein sprachlich schönes Buch, welches dennoch die (für meinen Geschmack) nötige politische Note enthält und so nicht einfach nur ein angenehmer Zeitvertreib war, sondern auch nachhaltig zum Nachdenken anregt. Glasklare Leseempfehlung also & ich freue mich jetzt schon gleich wieder zum Bücherregal zu schlendern um zu sehen, was da noch Großartiges darauf wartet von mir gelesen zu werden.

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