• Tanja

Diversität im Kinderbuch

Lass uns heute mal mit einer kleinen Zeitreise in unser neues Thema starten: Dreh die Uhr doch mal beliebig viele Jahre zurück, direkt in dein früheres Kinderzimmer. Wenn du uns auf diese Reise mitnehmen würdest, welche Bücher würden wir in deinem Regal finden und welches waren deine Lieblingsgeschichten? Vielleicht ein dickes Märchenbuch voller wunderschöner Prinzessinnen und mutiger Ritter? Oder doch die Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf, Jim Knopf, die kleine Hexe und Conni? Oder gehörst du sogar schon zur Generation Prinzessin Lillifee und Feuerwehrmann Sam?


Auch wenn wir dir deine Kindheitserinnerungen nicht schlechtreden wollen, müssen wir uns heute einer unschönen Einsicht stellen: Die meisten Kinderbücher sind mit Blick auf Geschlechter, Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen Lebensumständen, Aussehen und Fähigkeiten nicht gerade divers, im schlimmsten Falle sogar ganz klar rassistisch, sexistisch, klassistisch und ohne Frage ableistisch. Gar nicht wahr oder alles halb so wild? Von wegen! In diesem Blogpost werden wir dir Zahlen, Fakten und Studien vorlegen, um unsere gerade in den Raum gestellten Thesen zu belegen.


First of all: Warum ist Repräsentation so wichtig?


Wir beginnen mit der grundsätzlichen Frage nach dem Warum. Ist es tatsächlich wichtig wie ein Kind in einem Bilderbuch aussieht, damit sich die lesenden / zuhörenden / mitschauenden Kinder damit identifizieren können? Ja, ist es! Was wir sehen und hören gestaltet unser Verständnis von Realität und Normalität - seien es Werbung, Literatur, Filme oder Hörspiele. Vor allem in ihrer Summe und der damit einhergehenden Wiederholung bestimmter Konstellationen lernen wir - und Kinder im Besonderen - was normal zu sein scheint. Unser Horizont wird geformt.


Für den Bereich gendersensibler Sprache gibt es bspw. eine Studie der Freien Universität Berlin, die ebenfalls das Thema der Repräsentation behandelt¹: Bei 591 Grundschüler*innen wurde beobachtet, welche Auswirkungen das Nennen geschlechtergerechter Berufsbezeichnungen hat. So trauten sich deutlich mehr Kinder zu einen Beruf des Ingenieurwesens zu erlernen, wenn ihnen die darin arbeitenden Personen als "Ingenieure und Ingenieurinnen" vorgestellt wurden, statt nur als "Ingenieure". Mädchen brauchen also weibliche Vorbilder in jeglichen Bereichen ihres Lebens. Genauso wichtig sind bspw. Schwarze Vorbilder für Schwarze Kinder - und auch für weiße, um ihr Verständnis von Normalität neu zu formen. Wäre eine solche Ermutigung unserer Kinder, dieser Zugewinn an Freiheit und Möglichkeiten, nicht die Mühe wert, vielfältige Darstellungen - sowohl sprachlich als auch visuell - anzustreben?


Was ist das Problem bei vielen herkömmlichen Kinderbüchern?


Um Kindern tatsächlich vorurteilsfreie Bücher und Geschichten anbieten zu können, müssen wir häufig ganz genau hinschauen: Grundsätzlich ist bspw. an Geschichten mit schüchternen, leisen Mädchen nichts auszusetzen - denn es gibt ja durchaus schüchterne Mädchen, die sich in der Erzählung wiederfinden können. Das Problem ist jedoch der Mainstream: Sammeln sich viele Bücher an, in denen weibliche Figuren schüchtern oder gar ängstlich, hilfsbedürftig, leise, höflich und niedlich sind, kann bei Kindern schnell der Eindruck entstehen, dies sei die Normalität - so seien Mädchen eben.


Genau diese Schablone lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen: Müssen Jungs immer mutige Raufbolde sein? Kann eine Familie nur als Idealbild von Vater, Mutter und zwei Kindern im Einfamilienhaus dargestellt werden? Müssen alle Figuren schlank, ohne Behinderung und weiß sein? Die Antwort ist einfach: nein! Viele Geschichten für Kinder könnten vollkommen divers erzählt werden, da sie in vielen Fällen von Freundschaft, Ehrlichkeit und lustigen Abenteuern handeln. Es wäre ein Leichtes People of Colour darzustellen, die Geschlechter der Hauptfiguren auszutauschen oder überhaupt nicht in den Vordergrund zu stellen.


Leider sind diese einfachen und doch so wirkungsvollen Änderungen an konventionellen Kinderbuch-Vorlagen noch längst nicht flächendeckend auf dem Buchmarkt angekommen. Ganz im Gegenteil: Es scheint, als seien in den letzten Jahren noch mehr Empfehlungen "für Jungs" oder "für Mädchen" in den Kinderbuchabteilungen aufgetaucht. Als seien Rosa und Blau überhaupt nicht mehr wegzudenken. Als dürften Mädchen auf keinen Fall etwas über Feuerwehr, Abenteuer und die weite Welt erfahren und Jungen niemals Interesse an Pferden, Feen und Prinzessinnen zeigen.


Eine besonders negative Rolle nehmen explizit rassistische und sexistische Geschichten / Stellen in Erzählungen ein, wie bspw. Pippi Langstrumpf im Takatukaland, wo ihr Vater König der N**** sei. Auch in anderen Kinderbüchern - und erschreckenderweise nicht nur in älteren Exemplaren - kommt das N-Wort noch immer zum Einsatz. Doch selbst wenn solche groben Diskriminierungen ausgemerzt werden, fehlt es trotz allem an Geschichten über Schwarze Menschen und People of Colour.


Was zu beweisen wäre...


In Großbritannien machten 2018 gleich zwei Studien von sich reden, die Repräsentation und Vielfalt in Kinderbüchern untersuchten:


Die erste, für den Observer durchgeführte Studie², untersuchte die 100 beliebtesten Kinderbücher des Jahres 2017 (darunter auch deutlich ältere Bücher) mit Fokus auf Geschlechterrollen. Dabei zeigte sich, dass die Hauptfiguren doppelt so oft männlich waren als weiblich. Ein Fünftel der untersuchten Bücher enthielt überhaupt keine weiblichen Figuren. Mit Blick auf die Sprechrollen zeigte sich wieder eine ungleiche Verteilung: doppelt so viele männliche Figuren als weibliche. Frauen und Mädchen sind also grundsätzlich seltener zu sehen, ihre Perspektiven werden zurückgedrängt und durch den - wortwörtlichen - Verlust ihrer Stimme in Rollen, denen nicht mal Text zugewiesen wird, werden sie zudem zu schmückendem Beiwerk.


Überraschenderweise waren unter allen Figuren, denen ein Geschlecht zugeordnet wurde, nur 40% Menschen. Das heißt: Auch vermeintlich neutrale Figuren wie Tiere werden "sexualisiert" bzw. mit stereotypen Charaktereigenschaften anhand des Geschlechts versehen: männliche Figuren wurden als stark, wild und / oder gefährlich dargestellt, weibliche Figuren klein und verletzlich. Außerdem waren Bösewichte und Schurken in den meisten Fällen männlich.


Die zweite Studie³, die wir in diesem Kontext erwähnen möchten, untersuchte ethnische Repräsentation in 9115 Kinderbüchern, die 2017 veröffentlicht wurden. Nur 4% dieser Bücher enthielten Schwarze Charaktere, asiatische Figuren oder Rollen "ethnischer Minderheiten" (Wortlaut der Studie). In 20% davon ging es um soziale Gerechtigkeit. Dieser Aspekt ist ein sehr wichtiges Thema und durch alltäglichen Rassismus ein wichtiger Teil der Lebensrealität von People of Colour. Trotzallem wäre es wünschenswert, dass gerade in Kinderbüchern Hautfarbe und/oder Herkunft nicht so oft problematisiert werden, sondern einfach als Selbstverständlichkeit in das Buch einfließen. So wird das sogenannte "Othering", also das Darstellen von Schwarzen Menschen und People of Colour als "das Andere" vermieden: Ein Schwarzes Kind geht in die Schule. Ein asiatisches Kind macht einen Ausflug. Children of Colour erleben ein Abenteuer. Diese Selbstverständlichkeit wünscht man sich für die Kinder, die sich mit den Hauptcharakteren identifizieren werden. Wünscht man sich diese nicht-weiße Figur nun auch noch in der Hauptrolle, so wird man in nur 1% der untersuchten Bücher fündig.


Hoffnungsschimmer am Diversitäts-Horizont


Wir hoffen, dass wir dich mit diesem Blogpost nicht verunsichert oder desillusioniert haben. Es kann schwierig sein, geeignete Kinderbücher auszusuchen, die dann auch noch den Geschmack des eigenen / des beschenkten Kindes treffen. Aber um eben dieser Kinder Willen sollten wir uns die Mühe machen, vielfältige Kinderbücher auszusuchen. Im November haben wir in unserem Buchclub zwei diverse Kinderbücher gelesen, die wir guten Gewissens empfehlen können.


Den Blogpost zu den beiden Büchern des Zuckersüß Verlags sowie Tipps zu Instagram-Accounts, die diverse und politisch korrekte Kinderbücher vorstellen, findest du ebenfalls auf dem feministischeslesen-Blog, in der Kategorie "Rezensionen".



Quellen:


¹ Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76-92. Über die Studienergebnisse: https://idw-online.de/de/news632492

² Über die Studienergebnisse: https://www.theguardian.com/books/2018/jan/21/childrens-books-sexism-monster-in-your-kids-book-is-male

³ Zur Studie: https://clpe.org.uk/library-and-resources/research/reflecting-realities-survey-ethnic-representation-within-uk-children


Auswahl weiterführender Literatur zum Thema:


Meredith Haaf: Blos nicht wie ein Mädchen sein. Was Pippi Langstrumpf und Annika mit der Abwertung von Weiblichkeit zu tun haben. In: Süddeutsche Zeitung online am 14.01.2019. https://www.sueddeutsche.de/kultur/kinderbuecher-geschlechterrollen-1.4284417


Bachelorarbeit von Tanja Bleck: Leseförderung und Geschlecht. Eine Analyse von Geschlecht(errollen) und Geschlechtsidentitäten in Bilderbüchern zur Leseförderung Öffentlicher Bibliotheken. März 2016. https://reposit.haw-hamburg.de/bitstream/20.500.12738/7555/1/Bleck_Tanja_160314.pdf


Olga Felker: Diversität in Kinderbüchern. Von Schwarzen Prinzessinnen und männlichen Meerjungfrauen. In: Spiegel Online am 06.09.2020. https://www.spiegel.de/familie/diversitaet-in-kinderbuechern-schwarze-prinzessinnen-und-maennliche-meerjungfrauen-a-dc349201-c14d-4ffd-a182-9436832b967d#


Podcast: Ich so du so - Diversität in Kinderbüchern. In: hr info am 25.11.2020. https://www.hr-inforadio.de/podcast/kulturlust/ich-so-du-so---diversitaet-in-kinderbuechern,podcast-episode-78890.html

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