• Tanja

Dinge, an die wir nicht glauben von Bryan Washington

Stell dir vor, deine Beziehungsperson, mit der*dem es schon länger nicht mehr so läuft, wie du es dir wünschen würdest, hat ihre*seine Mutter zu euch eingeladen. Und zwar nicht die Mutter von nebenan, sondern die Mutter, die auf einem anderen Kontinent lebt und ihr erwachsenes Kind nur sehr selten sieht. Doch kaum ist die Mutter angekommen, verreist dein*e Partner*in selbst, um den kranken Vater zu besuchen, zu dem sie*er eigentlich seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Und in diesem Chaos bleibst du in der gemeinsamen Wohnung zurück, in der du nun auf unbestimmte Zeit mit der dir unbekannten, charakterlich wirklich nicht gerade einfachen, Mutter deiner*deines Partner*in alleine bist.


Das ist die Ausgangssituation von Benson, der in einer Beziehung mit Mike lebt. Zu dieser ohnehin schon wirren Konstellation kommen dann noch kulturelle Unterschiede (denn Mike und seine Mutter sind Japaner*innen, Benson ist Schwarz), neue Bekanntschaften während der Abwesenheit des Partners und die Probleme in Bensons eigener Familie.



So chaotisch die Handlung, so nüchtern die Darstellung. Denn obwohl beide Charaktere durchaus tiefgründig sind und mit den drei Teilen des Buchs (Benson - Mike - Benson) in ihre jeweilige Welt und damit verbunden in ihre Innensichten eingetaucht wird, fiel es mir persönlich schwer eine Bindung zu den beiden aufzubauen. In ihrer Beziehung steht viel Unausgesprochenes im Raum. Und wenn eine Aussprache beginnt, endet sie in Streit, teils auch körperlichen Auseinandersetzungen und Sex. Ehrliche Gespräche und ein konstruktives Arbeiten an der Beziehung bleiben aus. Und wenn sie sich gegenseitig fragen, was der andere eigentlich will, dann ist die Antwort meist "gar nichts" und sie geben sich mit dem zufrieden, was sie gerade haben. Das Zerbrechen der Beziehung schwebt während der ganzen 375 Seiten über der Handlung. Und ich kann nicht mal sagen, ob ich mir für die beiden gewünscht habe es nochmal hinzukommen oder ob ich darauf hoffte, dass jeder seiner eigenen Wege gehen würde.


Aus feministischer Sicht interessant?


"Dinge, an die wir nicht glauben" bringt viele Themen mit, die aus einer intersektionalen feministischen Perspektive heraus vielversprechend klingen: Ein schwules Paar, dessen Beziehung definitiv nicht dem Disney-Klischee entspricht (und zwar nicht nur aufgrund der Sexualität). Dass Benson zudem HIV positiv ist, läuft in der Erzählung nahezu selbstverständlich am Rande mit.


Beide haben eigene Erfahrungen mit Rassismus und Othering gemacht. Mike ist außerdem in Japan geboren und später mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Dass er zwischen zwei Kulturen lebt wird deutlich, wenn seine zu Besuch angereiste Mutter Mitsuko für Benson täglich japanisch kocht und dabei erst mal die ganze Küche umsortiert, während Mike - gerade bei seinem Vater in Osaka - unabhängig davon lernt, dass das wohl alle Japaner*innen so machen würden. Solche kleinen Hinweise (eine Decke in der Wohnung in Houston, die Mikes Urgroßmutter in Kanazawa von Hand hergestellt hat; die Herausforderung des Autofahrens in Osaka; ein nicht geouteter schwuler junger Mann, der als potentieller Erbe des Familienunternehmens in Japan nicht einfach so offen mit seiner Sexualität umgehen kann wie Mike in den USA; Mike, der gebürtige Japaner, der in Osaka anhand seiner Aussprache als "nicht von hier" eingestuft wird) sind für aufmerksame Leser*innen sparsam verteilt im gesamten Buch zu finden.


Ebenfalls angesprochen wird der Aspekt der Klasse. Während Mike in seiner Kindheit und Jugend in ärmeren Verhältnissen lebte, gehört Benson der Mittelschicht an - was ihm in Auseinandersetzungen von seinem Partner immer wieder vorgeworfen wird. Und auch die Familien-Thematik birgt durchaus Gesprächsstoff - vor allem weil die Eltern nicht nur in ihren jeweiligen Ehen gescheitert sind, sondern auch weil sie mit der Sexualität ihrer Söhne (manche mehr, manche weniger) Schwierigkeiten haben.


Zudem ist nicht nur Benson, sondern auch der Autor des Buches, Bryan Washington, ein Schwarzer, schwuler Mann. Es handelt sich also um eine Own Voice Erzählung eines LGBTQIA+ Autors, die wir einfach schon aus dem Grund lesen sollten, damit der literarische Kanon diverser wird.


Aber?


Leider wurde ich mit dem Buch nicht wirklich warm. Vielleicht waren mir die Persönlichkeiten der beiden Protagonisten zu fremd. Möglicherweise liegt es daran, dass ich lieber blumige Beschreibungen und redselige Figuren mag, als knappe Sätze, schwer einzuschätzende Charaktere und Situationen mit offenem Ausgang. Zudem sollte ich auch meine eigenen Erwartungen im Spiegel dieser ganzen interessanten Themen einordnen: Es handelt sich immer noch um einen Roman, der eine Geschichte erzählt - nicht um ein Sachbuch, das Sexualität, Race und Class thematisiert und aus dem man vorwiegend mit neuen Erkenntnissen herausgehen soll.


In einem Aspekt wurde ich dann allerdings doch sehr zum Nachdenken anregt und dabei geht es geht um diskriminierungssensible Sprache. Im Buch werden sowohl Schimpfworte für Schwule, als auch für Schwarze Menschen ausgeschrieben. Grundsätzlich lehne ich solche Reproduktionen von Diskriminierungen ab. Doch dann kam bei mir die Frage auf, ob ich mir darüber überhaupt eine Meinung bilden bzw. diese Sprache kritisieren darf, wenn der Autor ja selbst sowohl schwul als auch Schwarz ist. Während das N-Wort stellenweise (aber nicht immer) als Selbstbezeichnung unter Geschwistern vorkam, war die Beleidigung gegenüber Schwulen auch als solche kontextualisiert. Ich bin bei dieser Überlegung noch zu keinem eindeutigen Schluss gekommen. Ich kann nur für mich sprechen, dass es sehr unangenehm war diese Worte ausgeschrieben vor mir zu sehen und sie mir gedanklich vorzulesen.


An dieser Stelle auch der Hinweis auf weitere Triggerthemen im Buch: Alkohol, häusliche Gewalt, Homophobie, Krebs


Fazit


Obwohl mein eigener Leseeindruck eher durchwachsen ist, möchte ich diesen Blogpost mit dem Hinweis auf eine andere Rezension beenden, die Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht hat. Denn ihr Blick auf "Dinge, an die wir nicht glauben" scheint positiver zu sein als meiner und doch kann ich jedes ihrer Worte nur unterstreichen. Vielleicht habe ich die guten Stellen im und Gedanken hinter dem Buch aufgrund meines subjektiven Lesegeschmacks zu wenig wertgeschätzt. Immerhin ist Washingtons Romandebüt in den USA ein Bestseller und soll sogar als Serie verfilmt werden. Also schau gerne auch dort mal vorbei, wenn du in Erwägung ziehst, diesen Roman zu lesen.


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