• Natalie

Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

Aktualisiert: 7. Mai

Triggerwarnung: Suizid, (sexualisierte) Gewalt, Essstörungen


Wie schreibt man einen Blogpost zu einem Buch, welches eine*n Mitten ins Herz getroffen hat und so viele Gedanken und Gefühle ausspricht, die so nahe an den eigenen sind?

Hier ist mein Versuch.


Ich habe mich schon vor dem Lesen unglaublich auf diesen Roman gefreut, denn ich liebe die Bücher von Mareike Fallwickl - wenn dann noch eines mit feministischem Hintergrund erscheint, kann das eigentlich nur gut werden. Die Art und Weise wie mich die Geschichte letztlich gepackt hat war dann aber doch irgendwie anders.

Aber ich fange vorne an:


Eine Familie sitzt am Tisch und isst. Der Vater der Familie fragt nach mehr Salz. Die Mutter, Helene, steht auf, öffnet die Balkontür und stürzt sich in den Tod.

So schockierend und so laut beginnt die Geschichte um Lola, Helens Tochter und Sarah, die beste Freundin von Helene.

Zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die nun mit dem Suizid ihrer engsten Vertrauten leben müssen, ohne eine Erklärung zu bekommen, ohne Anweisungen oder Hilfestellung, wie man so etwas verkraften soll.

Nach dem großen Knall zu Beginn muss ich zugeben, dass mich die ersten Kapitel danach nicht ganz packen konnten, ab dem zweiten Drittel dann aber ein Sog entstand, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte.




Nach anfänglichen Berührungsängsten besucht Sarah die Familie ihrer besten Freundin seit Kindertagen und merkt, wie unglaublich groß die Lücke ist, die die dreifache Mutter hinterlassen hat und packt da an, wo es für sie am naheliegendsten ist: Sarah beginnt den Haushalt der Familie zu regeln. Nach wenigen Tagen gibt sie den Babysitter für die beiden jüngeren Brüder und bekocht die Familie. Schneller als ihr bewusst wird, übernimmt Sarah jegliche Care-Arbeit, die Helene bereitwillig in ihrem Alltag bewältigte und schwankt zwischen Abneigung und Verständnis dem Leben ihrer Freundin gegenüber. Ihren Partner und ihr Haus sieht sie nur noch sporadisch, als sie sogar bei der Familie einzieht.


Lola verbringt kaum mehr Zeit zu Hause, rutscht in eine Essstörung und sucht Halt bei ihrer besten Freundin. Gemeinsam widerfährt ihnen abends im Park das, was jungen Frauen abends im Park in unserer Gesellschaft nunmal passiert. Dieser Hilflosigkeit und der Verzweiflung ausgesetzt, beginnen die beiden Mädchen kurz darauf in einem Boxclub zu trainieren und schließen neue Freundschaften. Freundschaften die von Stärke, Kraft, Widerstand und Wut gezeichnet sind. Lola wird radikaler und wehrt sich gegen alles, was die patriarchale Welt ihr antut. Sie schlägt zurück.



Mareike Fallwickl ist mit diesem Roman meiner Meinung nach ein gesellschaftlicher Rundumschlag gelungen. Es geht um Care-Arbeit, um die Belastung von Frauen in Pandemiezeiten, es geht um Ansprüche und Erwartungen innerhalb von Partnerschaften und innerhalb unserer Gesellschaft.

Es geht um Freundschaft und Elternschaft, um Beziehungen und um Sex.

Es geht um Generationenkonflike bei politischen Themen, um Körper und um Schwesternschaft. Aber es geht auch um Schmerz, Trauer, Gewalt und Selbstjustiz.

Kaum ein Thema wird ausgelassen und trotzdem ist jedes auf seine Weise perfekt in die fiktive Geschichte eingewoben, als hätte das Leben sie geschrieben.


Zu einem Herzensbuch wurde es für mich, da ich mich teilweise in Sarah, vor allem aben in Lola so gut hineinversetzen konnte. Ihre Ansichten, Gedanken und Emotionen sind meinen an so vielen Stellen nah. Die Frage, was richtig ist, welche Schritte berechtigt sind und ab wann Grenzen überschritten werden, haben Lola und ich uns gemeinsam gestellt. Ihre Wut ist meine und ich konnte lernen, dass meine Wut richtig ist und niemand mir diese verbieten kann.


Vielleicht lässt sich mein Leseeindruck hiermit am besten beschreiben: Kaum hatte ich den letzten Satz gelesen und die Seite noch nicht ganz zugeschlagen habe ich überlegt, wem ich das Buch als erstes ausleihen könnte: den anderen Buchclubmitgliedern, einer meiner Freundinnen, meiner Mutter oder meiner Schwiegermutter? Vielleicht aber doch eher meiner Vater, Schwiegervater oder gar meinem Partner?

Fakt ist, dass ich möchte, dass jeder solche Geschichten liest. Denn hier wird auf eine ganz eigene Art und Weise das Thema Feminismus aufgegriffen, dass es auch der letzten Person klar werden muss: Frauen haben auch heute ihre Gründe, wütend zu werden. Ihre Wut ist berechtigt und wichtig.


"Die Wut, die bleibt" ist eindeutig ein Buch, das bleibt - und für mich ein absolutes Lesehighlight.


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