• Luca

Die Elenden von Anna Mayr

Kleine Einleitung bevor es ins Eingemachte geht


Zu unserem Themenmonat Klassismus, habe ich ein Buch aus meinem Regal gezerrt, welches ich bereits vor zwei Jahren gelesen hatte. "Die Elenden" von Anna Mayr - so erinnere ich mich - hat bei mir einiges an Denkanstößen ausgelöst und das nicht nur, weil es das erste Buch war, welches ich zu Themen wie Arbeitslosigkeit und Stigma von Armut gelesen hatte. Es war für mich ein einziger großer Aha Moment gewesen. Allerdings sind zwei Jahre eine lange Zeit und so beschloss ich, dass es überhaupt nicht schaden konnte das Buch einfach nochmal zu lesen. Denn ich hatte ja auch vorher schon die Erfahrung gemacht, dass ich aus Sachbüchern, die ich mehrmals las immer wieder neue Impulse mitnahm. Spoiler: So auch bei diesem re-read!

Aber erstmal noch ein paar Fakten zum Buch: „Die Elenden“ erschien 2020 bei Hanser. Für 20 Euro bekommt man das Hardcover, das knapp 200 Seiten umfasst, es gibt es aber auch als Hör- und E-Book (mit Spotify Abo sogar kostenlos!). Bei meiner Recherche auf der Seite des Verlags habe ich zudem festgestellt, dass Anna nächstes Jahr im März ein neues Buch rausbringt, dessen Titel mindestens genauso vielversprechend klingt wie der Vorgänger.


Und nun zum Inhalt


Anna Mayr schreibt in ihrem Buch über Themen, welche sie selbst als Kind von zwei arbeitslosen Eltern betroffen haben, formuliert aber über jenen Erfahrungshorizont hinaus klare kritische Positionen zum Status von Arbeitslosen und die daraus resultierende Armut. Dabei konzentriert sie sich auf Reglungen und Wirkungsweisen die in Deutschland greifen, Hartz 4 zum Beispiel. Da das Arbeitslosengeld II am 01.01.2023 vom Bürgergeld abgelöst werden soll, habe ich mir anhand der berechtigten Kritik der Autorin, angeschaut welche Änderungen vorgenommen werden sollen. Diese werde ich immer mal wieder in die Rezension einfließen lassen, um euch und mich auf dem neusten Stand zu halten. Aber dazu später mehr.


Anna Mayr spricht, wenn sie über ihre Jugend redet, von sich selbst als Arbeitslose. Kinder von Hartz 4 Empfänger*innen bekommen nämlich, genau wie ihre Eltern, einen monatlichen Satz der vom Alter des Kindes abhängig ist. Neben diesem, steht es jedem deutschen Kind zu Kindergeld zu beziehen. Doch bei arbeitslosen Kindern wird das Kindergeld mit dem ALG II Satz verrechnet. Ein kleines Rechenbeispiel, was Anna im Buch anführt dazu lautet folgender Maßen:

Einem einjährigen Kind von Arbeitslosen stehen zum Beispiel 250 Euro Hartz VI monatlich zu. Jedem einjährigen Kind stehen 204 Euro Kindergeld zu. Das heißt, dass ein einjähriges Kind 46 Euro Hartz IV bekommt (…) S.115

Wenn dieses einjährige Kind älter wird und sich Geld dazu verdienen will um mit seinen Freunden ins Kino, ins Theater oder Essen zu gehen, dann wird auch das erschwert. Denn ab einem Wert von 100 Euro werden auch hier alle Einnahmen wieder mit dem Regelsatz verrechnet. Selbst wenn diese jugendliche Person also zwei Mal in der Woche in einer Eisdiele bedient, und im Monat eigentlich Arbeit verrichtet hat im Wert von 280 Euro bekommt sie dennoch nur die 100. Dass diese Rechnung es extrem schwierig macht, für Kinder ein „normales“ Sozialleben zu führen, ist glaube ich logisch. Außerdem lernen sie so schon früh, dass ihre Mühen weniger wert sind, als die von allen anderen. Mit der Einführung des Bürgergeldes wird dieser Freibetrag nun angehoben. So sollen zukünftig bis zu 520 Euro in den Geldbeuteln der Jugendlichen, Auszubildenden und Studierenden landen.


Aber nicht nur die finanzielle Unterstützung der Jugendlichen thematisiert Mayr, sondern auch die in ihrer Schullaufbahn. So kritisiert sie, dass Kindern erst dann Nachhilfeunterricht zugestanden wird, wenn sie bereits versetzungsgefährdet sind und bringt ein Programm der Frühforderung an, welchem die Mittel gekürzt wurden, nachdem die Teilnehmenden nicht schnell genug die erwarteten Erfolge zeigten. Auch auf den soziale Arbeit Sektor geht Anna ein und zeigt dort auf, wie die Methoden die Sozialarbeitende anwenden eher an den Standards der Dominanzgesellschaft angepasst sind, als an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen, die die Hilfe in Anspruch nehmen (müssen).

Die Autorin arbeitet extrem gut heraus wie Kinder so zu Leidtragenden des Systems werden. Auch Studien zur psychischen Belastung solcher Kinder führt sie an, die den Druck bestätigen. All dies tut sie mit anschaulichen Beispielen und mit unwissenschaftlicher Sprache, sodass die Schwierigkeiten für alle Lesenden wunderbar

herausgearbeitet werden. Das Buch ist dadurch unbedingt als Einsteige-Lektüre geeignet!


Neben solch konkreten Gegenständen, geht die Autorin aber auch auf das Stigma „Arbeitslosigkeit“ an sich ein, arbeitet heraus, wie sehr unsere Identität mit unserer Arbeit verwoben ist. Zudem macht sie deutlich wie sehr die Entwicklung einer Person mit der Tatsache zu tun hat, ob und wie sie konsumieren kann und wie sich durch das Einschränken von Konsumentscheidungen ein Defizit einstellen kann. Dazu kommt, dass Arbeitslose als homogene Gruppe wahrgenommen werden, deren Auftreten in Medien so einseitig produziert wird, dass sie mit vielen Klischees zu kämpfen haben.

Gegen eines dieser Klischees geht Mayr sehr entschieden vor. Es handelt sich um die Aussage, dass Arbeitslose zu einem signifikanten Teil rechts wählen würden und dadurch zu großen Teilen für den Rechtsruck im Land verantwortlich wären. Ihr hört schon, sehr viel Konjunktiv von meiner Seite. Die Autorin schreibt folgendes dazu:

Im Dezember 2018 waren von 5,8 Millionen „Leistungsberechtigten“, also Empfängern von Arbeitslosengeld, etwa 1,9 Millionen Kinder unter 18 Jahren, die überhaupt nicht wählen dürfen. Das Milieu der „Abgehängten“, das ergab eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, wählt zwar häufig rechts, ist aber sehr klein, nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung zählen dazu – und von diesen fünf Prozent geben sechzig Prozent an, überhaupt nicht zu wählen. Der Rechtsruck in Deutschland liegt also auf keinen Fall allein oder auch nur wesentlich an den Arbeitslosen, denn sie können schon rein zahlenmäßig keinen politischen Druck ausüben. Selbst wenn alle Hartz IV Empfänger im Land eine einzige Partei wählen würden, bliebe diese unter der Fünf-Prozent-Hürde. S.60

Diese belegten Aussagen sind es, die das Buch für mich extrem kostbar machen. Die Autorin führt zudem ein Quellenverzeichnis am Ende an, in dem man alle Statistiken und Vergleiche finden und nachprüfen kann.

Jene Stigmata in Kombination mit der Armut in der sich arbeitslose Menschen in Deutschland wiederfinden, sorgt für eine besorgniserregende Anzahl an psychisch kranken Hartz IV Empfänger*innen, die nur von der Zahl der Langzeitarbeitslosen übertroffen wird.


Ob das Bürgergeld mit seiner Erhöhung um knapp 50 Euro diese Beschwerden lindern kann, bleibt fragwürdig. Die Lage von neuen arbeitslos Gemeldeten verbessert sich in so weit, dass nun eine zweijährige Karenzzeit eingeführt werden soll. In diesem Zeitraum wird der Wohnraum noch nicht an den durchschnittlichen Quadratmeterpreisen der Wohngegend gemessen, sondern erstmal übernommen. Das heißt Betroffene müssen nicht sofort umziehen, können in ihren gewohnten vier Wänden verweilen.

Zudem wird der Vermögensfreibetrag in diesen zwei Jahren ebenfalls deutlich angehoben, sodass Menschen, die das Bürgergeld beziehen wollen, nicht erst große Teile ihres Ersparten aufbrauchen müssen. An sich erst mal gute Aussichten, allerdings sind von diesen Verbesserungen Langzeitarbeitslose ausgeschlossen.

Leseempfehlung?


Unbedingt! „Die Elenden“ ist kein Buch zu Klassismus generell, sondern eine sehr detaillierte Betrachtung der Lage der Arbeitslosen in Deutschland. Klassistische Themen finden zwar Platz in dem Buch, sind aber nicht das Hauptkriterium. Wer in der privilegierten Lage ist bis jetzt weder direkt noch indirekt von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen zu sein, sollte den eigenen Wissens- und Vorurteilsstand mit dieser Lektüre auf die Probe stellen. Ich habe auch beim zweiten Lesen so viele wichtige Denkanstöße mitgenommen und die Motivation entwickelt mich gleich noch über das Buch hinaus zu informieren. Wenn ihr das Gleiche tun wollt oder euch einen generellen Überblick zum Thema Klasse und Klassismus holen wollte, dann könnt ihr auch mal bei unseren Rezensionen zu „Klasse und Kampf“ oder „Zugang verwehrt“ vorbei schauen.



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