• Natalie

Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist

Aktualisiert: 19. März

Liv Strömquists Comics, allen voran „Der Ursprung der Welt“, sind uns vermutlich allen schon mal untergekommen, sind es inzwischen doch eigentlich die feministischen Comics schlechthin. Trotzdem hatte es bisher keins unserer Buchclubmitgliederinnen gelesen. Warum? Das fragen wir uns inzwischen auch! Denn eines kann ich schon vorweg nehmen: Wie waren alle begeistert!


Liv Strömquist schafft es auf noch nicht einmal 150 Seiten so viele Informationen zu packen, dass (und damit lehne ich mich jetzt mal weit aus dem Fenster) wirklich jede*r noch etwas lernen kann.

In unterschiedlichen Kapiteln werden Themen wie Menstruation, Orgasmen, die Darstellung der Vulva, geschichtliche Kurzabhandlungen über Mythen, Wortfindungsstörungen und die Darstellung der Geschlechter angesprochen – allem voran mein persönliches Lieblingskapitel: Ein Ranking der Männer, die sich zu sehr dafür interessieren, was man als "das weibliche Geschlechtsorgan" bezeichnet. Hier geht es um die abstrusesten und unvorstellbarsten gewalttätigen Theorien und Praktiken, welchen sich Frauen im Laufe der Geschichte unterziehen mussten, um Männern das, was man als „das weibliche Geschlechtsorgan“ kennt, näher zu bringen und verständlicher zu machen. (Mit mäßigem Erfolg - Überraschung!)



Es wird schnell klar: Beim Lesen dieses Comics bekommt man einen Rundumschlag an feministischen Themen aus Sicht der Biologie, Medizin, Kulturgeschichte und Philosophie auf dem Silbertablett serviert. Und als wäre das nicht schon genug: Die Darstellung dieser wichtigen und ernsten Themen wird durch so viel Humor und Witz aufgelockert, dass es einfach nur Spaß macht über die Seiten zu fliegen und man zwischenzeitlich immer wieder laut auflachen muss.

Dies ist also eine klare Leseempfehlung an... naja, eigentlich an alle!




Um einen kleinen Einblick zu geben, folgen nun ein paar Facts aus dem Buch:


*Triggerwarnung: Gewalt, Rassismus / Kolonialismus*


Wusstet du, dass…


… John Harvey Kellog die Idee hatte, dass Klitorisstimulation zu Krebs, Epilepsie und Wahnsinn führt und man Frauen deshalb am besten davon abhalten sollte, sich selbst anzufassen, in dem die Klitoris mit Säure behandelt wurde?


… man zu Zeiten der Hexenverbrennungen die Geschlechtsorgane von Frauen untersuchte, um dort Teufelsmale zu finden?


… dass eine südafrikanische Khoisan-Frau, Saartjie Baartmann, nicht nur nackt ausgestellt wurde, sondern auch nach ihrem Tod ihr Gehirn und ihre Vulva in Alkohol konserviert wurden, um anhand ihrer großen inneren Schamlippen zu beweisen, dass Schwarze Menschen einen animalischen Sextrieb hätten? Erst im Jahr 2022 wurden die Überreste von Saartjie Baartmann zur Beisetzung in ihre Heimat zurück gegeben.


… es unzählige Hinweise in verschiedensten Kulturen gibt, dass das Entblößen der Vulva früher eine Art der Anerkennung, der Stärke oder sogar ein Art Segen war?


… der medizinische Vorgang des Aderlass (früher ein gängiges Heilverfahren, bei dem den Patient*innen Blut abgelassen wurde) ziemlich wahrscheinlich eine Imitation der Menstruation ist, da diese als heilig und heilend galt?


… dass man vor der Zeit der Aufklärung davon ausging, dass die Körper aller Menschen auf Gleichheit beruhten?


*Ende der Triggerthemen*


So, und jetzt verraten wir dir noch einen letzten Fact, der mit "Der Ursprung der Welt" zu tun hat, zu dem du im Buch selbst aber nichts finden wirst. Es geht um das Cover! Bei unserem Buchclub-Treffen kam bei uns die Frage auf: Warum ist auf diesem Cover am rechten Rand eine Waffe (siehe oben)? Also haben wir beim Avant Verlag nachgefragt und richtig interessante Infos bekommen! Genauso wie der Name des Buchs eine Anspielung auf ein Kunstwerk ist, so ist auch das Cover angelehnt an eine künstlerische Performance:


Die Österreicherin Valie Export (mit bürgerlichem Namen Waltraud Lehner) war in den 1960er Jahren Mitglied der "Wiener Instituts für direkte Kunst", das sich gezielt mit Happenings und der amerikanischen Fluxus-Kunst beschäftigte. Valie Export sorgte dabei immer wieder mit radikalen Körper-Aktionen für Aufmerksamkeit. Eine der vermutlich bekanntesten Performances ist die "Aktionshose: Genitalpanik". Dabei schnitt sie im Genitalbereich ein Dreieck aus ihrer Hose aus, sodass man ihre Vulva sehen konnte, und setzte sich breitbeinig auf eine Bank vor einem Haus. Eine Fotografie, die in ihrer Komposition auf Liv Strömquists Cover definitiv wiederentdeckt werden kann. Doch jetzt zur Waffe: Valie Export saß nicht nur neben der Waffe, wie es auf Liv Strömquists Cover der Fall ist, sondern sie hielt sie in der Hand. Übrigens nicht nur für Fotos: In dieser Aktionshose streifte sie auch durch das Publikum eines Münchner Pornokinos - ebenfalls ausgestattet mit dem Maschinengewehr.


Was sie mit dieser Aktion aussagen wollte? Sie thematisierte einerseits die Objektivierung von Frauen durch den "Male Gaze", wollte diese Zurschaustellung aber durch einen neuen Kontext brechen. Daher die Waffe, die für sie als Inbegriff aggressiver Männlichkeit galt. In ihrer Hand wird sie hingegen zum Sinnbild für Selbstbestimmung und auch zur Selbstverteidigung.


Alle die mehr erfahren möchten, gespannt sind Neues zu lernen oder sich einfach unterhalten lassen wollen können entweder unsere Instagramposts zu diesem Buch lesen, oder sich selbst der Lektüre widmen - oder beides tun. Viel Spaß!

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