• Natalie

Das Pi der Piratin von Simone Schönett

„Reden vom Unredbaren, das Unredliche redbar machen“¹ (S. 21) Das ist das angestrebte Ziel, welches sich die Schriftstellerin Simone Schönett in ihrer Prosa auf nicht mehr als 104 Seiten gesetzt hat.

Simone Schönett spricht über die Lust der Frauen, über erogene Zonen und Genitalien, über weibliche Empfindungen und über Grenzen, die uns als Frauen sprachlich auferlegt werden. Denn wie soll man über etwas reden, etwas empfinden, für das es keine Worte gibt? In einer Sprachwelt die geprägt und gefärbt von Männern ist, ist kein Platz für weibliche Begierde. Hier setzt die Schriftstellerin an und macht sich auf die Suche nach neuen Ausdrücken, oder gar einer ganz neuen Sprache der Lust. Denn, so ist Simone Schönett überzeugt, etwas worüber man nicht sprechen kann, etwas, was man nicht zum Ausdruck bringen kann, das kann auch nicht existieren. „Die sexuelle Revolution der Frau hatte ja noch nie stattgefunden, doch sie würde stattfinden können, wenn sie zur Sprache fände, davon war ich überzeugt.“¹ (S. 44) Seit jeher ist die weibliche Lust entweder nicht existent, verhöhnt oder von Männern ausgenutzt. Eine Frau hat keine Begierden, außer wenn Mann danach verlangt. Eine Frau spricht nicht vulgär oder offen, sie schweigt. Im Gegensatz zum Mann ist auch die körperliche Lust der Frau nicht von außen sichtbar. Die Wörter, die den weiblichen Körper beschreiben sind aus einem männlichen Sprachgebrauch herausgefischt, ungenau, unzulänglich und oftmals sogar falsch genutzt. Wie über sexuelle Handlungen mit Frauen gesprochen wird, ist fast immer dadurch geprägt, dass die Frau der passive Part ist, mit dem etwas gemacht wird, nie ist die Frau die Machende. Dies und noch viel mehr ist die Ursache, weshalb viele Frauen nach einer weiblichen Sprache der Lust verlangen.

„Existierten Sex wie Sprache nie ohne Hierarchie?“¹ (S. 36)

Die Art, mit der die Autorin sich auf die Suche nach dieser Sprache macht, ist jedoch keineswegs ein fester Weg, auf dem kontrolliert ein Fuß vor den anderen gesetzt wird. Stattdessen begleitet die*der Leser*in die Schriftstellerin durch ihre eigene Gedankenwelt, ist Zuschauer*in und wird gleichzeitig angeregt, mitzuhelfen beim Antworten finden auf die unzähligen gestellten Fragen. Auch nach eigener Aussage der Autorin ist dieses Werk kein fertiges Produkt, sondern ein intuitives Work in Progress Stück, etwas, das nicht ganz Lyrik, nicht ganz Prosa ist.² Als Leser*in wandert man durch unzählige bildliche Sprachwelten, während versucht wird, der weiblichen Lust sprachlich ein neues Zuhause zu bieten.


„Ich wollte meine weibliche Sprache der Lust finden, wurde mir aber nur des männlichen Pendants gewahr; ich hätte deren Begriffe des Begehrens auf das Wesentliche abklopfen können, doch auf meiner Seite wäre weiterhin kein Vokabular zu finden gewesen.“¹ (S. 36)

Von Anfang bis Ende ist nicht ganz klar, ob diese neuen Ausdrücke eher romantisiert werden sollten oder lieber roh und unverfroren sein sollten. Ist es hilfreich, im blumigen Vokabular zu suchen oder sollte man Wörter aus dem Tierreich übernehmen? Man schwankt zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ und ist nicht wirklich in der Lage, einen passenden Mittelweg zu finden. Lieber Worte nutzten, die es schon gibt, gar patriarchale Worte den Frauen zu eigen machen oder doch ganz neue Laute erfinden? Simone Schönett möchte die Sprache revolutionieren, so wie ganze Regionen neu zu kartographieren wären – doch der Weg dahin, will sich nicht auftun.


„Aber es ging nicht nur um eine Neuanschaffung, auch um das, was bereits im Spiel war und worauf zurückgegriffen werden konnte. Ich wollte mehr als flüchtige Buchstaben, die das Plansoll erfüllten oder zur Neige gingen“¹ (S. 92) Simone Schönett nutzt bei dieser Reise und den Gedankenbeschreibungen teils harte, gewaltige Ausdrücke, bedient sich aber auch der leisen, sanften und romantischen Sprache. Teils strotzt der Text vor motivierter Revolution, immer wieder findet jedoch auch ein leiser Ton der Verzweiflung seinen Weg in das Geschriebene. Klar ist jedoch, dass diese 104 Seiten nicht schnell wegzulesen sind, dieses Werk nicht wirklich etwas fürs zwischendurch mal eben Reinschauen ist. Jeder Satz und jedes Worte scheinen bestens durchdacht und durch eine bewusste Entscheidung an dieser Stelle des Textes gelandet zu sein.


Selbst scheinbar unpassende Methapern oder ungewöhnliche Wortverbindungen sind genau so gewollt und zeigen das Verzweifeln, welches sich auf dieser Suche immer wieder breit macht. Das Ringen um Worte sowohl im Geschriebenen als auch bei der Schreibenden. Lässt man sich jedoch darauf ein, macht immer mal wieder eine kurze Pause, denkt über das Geschriebene nach, versucht selbst einen Ausweg aus der männlich gefärbten Sprache zu finden, so ist Das Pi der Piratin eindeutig ein Fundament, auf das sich vieles bauen lässt. Vielleicht sogar die weibliche Revolution der lustvollen Sprache.


„Ich hatte gedacht, nach dem Filtern durchs Festschreiben, der ersten Hürde, würde es leichter werden, das Begehrliche im Wort fassen; (…). Stattdessen schrieb ich einem Etwas hinterher, das sich nicht abpausen, nicht schraffieren, nicht verbalisieren ließ. Etwas, was ich nur einfangen konnte als Geschwirr von lauter Gedanken, die da auf- und abtauchten, in rauer See und ohne Schwimmwesten. (…) Es ging mir um weibliche Begierde, die sich in der gemeinsamen Sprache nicht wiederfand, um nichts weniger, aber doch um so viel mehr."¹ (S. 93)



Quellen:

¹ Schönett, Simone: Das Pi der Piratin.

² Interview zwischen Autorin und Verlag am 20.3.2020: https://www.editionatelier.at/blog/sprechen-ueber-literatursimone-schoenett/


Anmerkungen:


"Das Pi der Piratin" wurde unserem Buchclub-Mitglie als Rezensionsexemplar vom edition atelier Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Unsere Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.




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