• Tanja

Cat Person von Kristen Roupenian

Die Widmung: "Für meine Mutter". Der Prolog: ein Gedicht


He sez

There is someting jerking

in your ribcage

that is not a heart

It is cow-intestine white

& fibrous & gilled


Lara Glenum, Pulchritude


Er sagt [Annahme des Buchclubs]

Da zuckt etwas

in deinem Brustkorb,

das kein Herz ist.

Es ist weiß wie Kuh-Gedärme

& fasrig & hat Kiemen


Lara Glenum, Schönheit


Was für ein Einstieg! Die wenigen Zeilen, die die Kurzgeschichtensammlung Cat Person eröffnen, vermitteln genau den Eindruck, den das Buch bei uns hinterlassen hat: Verwirrung, Ekel, Angst - oder zumindest ein beklemmendes Gefühl des Unwohlseins. Cat Person war unser bisher skurrilstes Leseerlebnis und trotz - oder vielleicht gerade wegen - der vielen Fragezeichen haben uns die insgesamt zwölf Geschichten auch nach dem Lesen noch lange verfolgt.


Sneak Peak - Worum geht's?


Eine Zwölfjährige wird im Park von einem Fremden angesprochen, der ihr ein Mixtape mit Musik von Charles Manson andreht. Pünktlich um Mitternacht möchte er es zurückhaben und pocht auf ein Treffen.


Eine wunderschöne Prinzessin kann sich trotz unzähliger Heiratsanwärter nicht entscheiden. Eines Nachts verliebt sie sich in einen unbekannten Besucher - der aber nur ein Abbild ihrer selbst ist.


Ellie liebt es seit Kindestagen Menschen zu beißen. Als Erwachsene unterdrückt sie dieses Gefühl natürlich, bis ein neuer Arbeitskollege auftaucht und ihre Rationalität zu wanken beginnt.


Margot und Robert schreiben sich oft, finden sich sympathisch und treffen sich auf ein Date, das in Roberts Wohnung endet. Kaum hat Margot sein Schlafzimmer betreten, ist ihr überhaupt nicht mehr nach Sex. Doch wie kommt sie aus dieser Nummer nun wieder raus?


In allen Geschichten thematisiert Roupenian zwischenmenschliche Beziehungen, oft sexuelle / romantische, so gut wie immer kaputte, ungesunde oder zumindest schwierige. Es geht um Macht, Psyche und Verletzlichkeit. Dabei sind die Geschichten so unterschiedlich wie nur möglich, jedoch alle in einen Schleier des Unbehagens gehüllt.


Ganz wichtig: Triggerwarnung!


Wir müssen definitiv eine Triggerwarnung wegen psychischer und physischer Gewalt für Cat Person aussprechen. Falls du die betreffenden Geschichten auslassen, den Rest jedoch lesen möchtest, solltest du auf die folgenden Stories verzichten:


  • Böser Junge

  • Vernarbt

  • Todeswunsch


Der kleinste gemeinsame Nenner


Bei unserem Buchclub-Treffen sind wir die Geschichten nacheinander durchgegangen, haben unsere Gedanken dazu ausgetauscht, unsere Favoriten genannt - die überhaupt nicht übereinstimmten - und vor allem eines getan: nach Gemeinsamkeiten gesucht. Was eint die zwölf Geschichten? Der Titel der Sammlung gibt schonmal keinen Aufschluss darüber, denn "Cat Person" ist nur der Titel einer der zwölf Geschichten, der laut The Guardian "meistdiskutierten Short Story aller Zeiten", der übernommen wurde.


Recherchiert man ein wenig, so stößt man in früheren Rezensionen (die Sammlung ist 2019 auf Deutsch erschienen) und gar im Klappentext selbst auf Begriffe wie "Millenials" und "junge Mittelschichtsamerikaner". Doch für uns ist diese Gemeinsamkeit wohl eher Zufall. Denn würde man diese Geschichten mit ihren (un)menschlichen Abgründen, den Kuriositäten und perfiden Spielchen als ein Portrait der Millenials bezeichnen, so würde man dieser Generation generell unrecht tun - auch wenn die Protagonist*innen durchaus im gleichen Alter sein könnten.


Stattdessen fanden wir den kleinsten gemeinsamen Nenner nicht im Inhalt, sondern in der Wirkung auf die Lesenden - auf uns. In nahezu jeder Geschichte wurde mit unserer Erwartungshaltung gebrochen. Die wohl verstörendste Story steht ganz zu Beginn: eine Handlung voll psychischem und physischem Missbrauch mit einem schrecklichen Ende. Wer würde so etwas gleich auf den ersten 14 Seiten erwarten? Doch die Wirkung dieses Geniestreichs im Arrangement zeigt sich gleich bei der zweiten Geschichte. Man wartet auf, zittert vor und fürchtet den Fehltritt der noch jungen Protagonistin - der letztlich aber nicht getan wird. Besonders unerwartet kommen die Geschichten mit fantastischen Elementen, die teilweise ganz im Märchenreich angesiedelt sind, an anderer Stelle aber in der uns bekannten Realität spielen und nur einzelne unrealistische Facetten enthalten. Viele Fragen bleiben offen, zwischen Einbildung (der Protagonist*innen) und Wirklichkeit (innerhalb des Erzählten) zu unterscheiden wird unmöglich.


Darüber hinaus wecken die Kurzgeschichten trotz der eher nüchternen Sprache starke Emotionen bei den Lesenden. Bei uns waren Angst und Ekel besonders oft vertreten.


Wo bleibt der Feminismus?


Viele der Geschichten lassen sich auf feministische Elemente hin untersuchen: In "Nachtläufer" bspw. wird ein junger Mann belästigt (wenn auch nicht sexuell) und niemand nimmt ihn ernst. In "Der Spiegel, der Eimer und der alte Knochen" muss sich eine Prinzessin trotz ihres offensichtlichen Unwillens ihrer Pflicht stellen und heiraten, dabei liebt sie niemanden so sehr wie sich selbst. Warum denken wir bei der ersten Geschichte automatisch an ein heterosexuelles Paar, obwohl das Geschlecht der beiden nie genannt wird? Ist es Misogynie wenn in "Ein netter Typ" beschrieben wird, dass "Ted [...] beim Sex nur einen hochkriegen und hart bleiben [kann], wenn er sich vorstellte, dass sein Schwanz ein Messer war und die Frau, mit der er gerade schlief, sich daran aufschlitzte" (S. 127) oder handelt es sich eher um eine brutale Metapher für den Wunsch sehnsüchtig geliebt zu werden - statt nur der nette Typ zu sein, auf den Frauen zurückgreifen wenn sie genug von den allseits beliebten Arschlöchern haben? Wie würde sich "Der Junge im Pool" beim Lesen anfühlen, wenn der zum sich Ausziehen und Schwimmen gehen gedrängte Gast beim Junggesell(inn)enabschied eine Frau wäre?


Neben all diesen durchaus interessanten Fragen sticht eine Geschichte doch klar hervor: Cat Person, schon 2017 im New Yorker veröffentlicht, wurde vor allem im Rahmen der damals noch ganz frischen #metoo-Bewegung diskutiert. Sie beschreibt eine Grauzone zwischen sexuellem Missbrauch und einvernehmlichem Sex. Denn Margot hat in keinem Moment ausdrücklich "nein" gesagt oder sich gewehrt, sondern sich dazu entschieden es "durchzuziehen", da ein Abbruch des von ihr angezettelten One Night Stands sie "mies und launenhaft hätte aussehen lassen" (S.113). Gleichzeitig wollte sie aber eigentlich viel lieber nach Hause und empfand Roberts Praktiken als absolut unangebracht - von lächerlich bis erniedrigend. Von Zustimmung, Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und ehrlicher Kommunikation, was eigentlich die Basis von sexueller Interaktion sein sollte, kann hier nicht die Rede sein. Ganz zu schweigen vom Ende dieser Begegnung...


Doch wir wollen nun auch nicht alles vorab verraten. Unser abschließender Tipp: Cat Person besser nicht während des Essens oder kurz vorm Schlafengehen lesen - und im Idealfall ein Buddy Read organisieren, um sich über die vielen Schockmomente austauschen zu können.

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