• Tanja

Blaue Frau von Antje Rávik Strubel

Aktualisiert: 8. Nov. 2021

Noch bevor die Shortlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben wurde, war ich bei einer Lesung in Pirmasens (wo meine Schwester und Buchclubmitglied Natalie arbeitet). Drei regionale Autoren hatten dabei ihre beiden Favoriten aus der Longlist ausgewählt und stellten kurze Passagen daraus vor. Die Blaue Frau war eines dieser Bücher und der Autor schwärmte mit einem solchen Nachdruck davon, dass schon die kurze Passage (und die kurze Zusammenfassung der Handlung) ausreichte, um mich neugierig zu machen.


Als ich ein paar Wochen später - die Shortlist war zu dem Zeitpunkt schon bekannt - bei der Buchhandlung meines Vertrauens in Saarbrücken Bücher abholte, war die Blaue Frau wieder präsent: In Kassennähe leuchtete ein gesamter Büchertisch in den Farben des Covers und der Buchhändler erklärte stolz, dass Antje Rávik Strubel für ihn die Favoritin sei und man für März bereits eine Lesung mit ihr organisiert habe.


Als der Buchpreis 2021 verliehen wurde, hatte ich die ersten 150 Seiten bereits gelesen. Doch der Sog dieses Romans, dem zum besten deutschsprachigen dieses Jahres gekürten, entwickelt sich erst Seite für Seite. Und so kommt es, dass man genau dann am tiefsten in der Geschichte drinsteckt, wenn das Buch endet.


Triggerwarnung für das Buch und die nächsten Absätze: Vergewaltigung, Victim Blaming, Misshandlung, Alkoholkonsum


Worum geht's?

Adina ist der letzte Teenager in einem tschechischen Dorf, in dem außer dem touristischen Treiben rund um die Skipisten wenig los zu sein scheint. Aus diesem Grund zieht es die Protagonistin nach Berlin. Dort lernt sie nicht nur die deutsche Hauptstadt, sondern auch die Fotografin Rickie kennen, die ihr nach einigen Wochen einer fragwürdigen Beziehung zueinander (nicht im romantischen Sinne) einen Job in der Uckermark besorgt. Dort, im nordischen Niemandsland, soll ein Kulturzentrum und Ferienresort mit dem Schwerpunkt Ost-West entstehen. Doch schon nach wenigen Tagen stellt sich heraus: Um die Förderung des Projekts steht es schlecht, die Praktikant*innen vor Ort arbeiten unterbezahlt, teils bleibt der Lohn mehrere Monate aus. Als dann ein finanzkräftiger Sponsor mit Russland-Fetisch auftaucht, soll alles getan werden, um ihn für die Sache zu gewinnen. Adina, zu dieser Zeit Nina genannt, da niemand daran interessiert war sich ihren richtigen Namen zu merken, wird gezielt als jugendliche Verlockung eingesetzt und letztlich vom Mäzen vergewaltigt und am nächsten Tag, als sie sich weigert zu schweigen, misshandelt.


Die Tat selbst wird erst etwa in der Mitte des Buches (abstrahiert) beschrieben. Was geschehen sein muss, wird den Lesenden jedoch schon auf den ersten Seiten klar. Wir treffen Adina in Helsinki, alleine in einer für kurze Zeit angemieteten Wohnung, wo sie versucht ihre Situation in Worte zu fassen und sich an eine Hilfsorganisation für Frauen in Not zu wenden. Erst über Rückblicke setzt sich die Geschichte zusammen: ihre Kindheit, das Ankommen in Berlin, das Geschehen im Kulturzentrum und - anfangs sehr präsent - ihre Zeit mit Leonides, einem Abgeordneten des Europaparlaments, in den sie sich verliebt und der sie Sala nennt. Doch etwas muss die beiden auseinandergebracht haben, denn zu Beginn des Buches steht die Sehnsucht im Fokus, das Alleinsein, das Vermissen.


Und dann ist da noch die Blaue Frau. Sie erscheint zwischen den Kapiteln und "wenn [sie] auftaucht, muss die Erzählung innehalten." Ihre Position ist gleichermaßen innerhalb und außerhalb der Handlung, mit wem sie ihre abstrakten, schwer nachvollziehbaren kurzen Dialoge führt, bleibt unklar. Fast möchte man meinen, Antje Rávik Strubel hat sich selbst als Autorin mit in das Buch hineingeschrieben, als Gesprächspartnerin der Blauen Frau, mit der sie über das Schreiben, worüber es zu schreiben lohnt und nicht zuletzt über Adina spricht.


Ein feministischer Roman?

Definitiv. Nicht nur die Handlung, die Vergewaltigung, der Umgang damit in kulturellen Kreisen und die damit einhergehenden Auswirkungen auf das Leben einer jungen Frau, machen dieses Buch zu einer feministischen Lektüre. Viele der Charaktere um Adina herum sind queer oder pflegen alternative Beziehungsformen, auch wenn diese Begriffe nie genannt werden. Als Jugendliche beobachtet sie zwei Touristinnen, denen sie den Weg zum Hotel zeigt, als diese sich in ihrem Zimmer küssen. In Berlin trifft sie gleich nach ihrer Ankunft auf Rickie, die ich als nicht-binär gelesen habe. Leonides ist zwar ein heterosexueller cis Mann, doch er führt scheinbar eine offene Ehe mit einer Frau in seiner Heimat Estland. Es gibt allerdings immer wieder Warnsignale, die an der Einvernehmlichkeit dieses Beziehungsmodells zweifeln lassen, was sowohl seine Frau, als auch seine Freundin(nen) betrifft. Eine der wichtigsten Nebenfiguren tritt erst in der zweiten Hälfte des Buches in den Fokus: Kristina, eine mit Leonides bekannte Aktivistin und ebenfalls Abgeordnete des Europaparlaments, wird zu einer Verbündeten. Sie kann als bi- oder pansexuell gelesen werden. Und, nicht zu vergessen: Auch die Autorin selbst ist lesbisch.


Aber nicht nur Gender-Themen werden, wie beiläufig, in der Handlung verwoben. Es findet sich auch Politisches zu klassistischen Themen, verkörpert unter anderem durch Leonides als wohlhabendem Universitätsprofessor und Abgeordneten und Adina, die sich mit Nebenjobs über Wasser hält und deren Mutter in Tschechien verhasste Nachtschichten im Hotel der Skigäste schiebt, um sich und ihre Tochter über Wasser zu halten. Ganz präsent spiegelt sich dieses Ungleichgewicht aber auch auf staatlicher Ebene, über den Hochmut Westeuropas gegenüber ost(-mittel-)europäischen Ländern. In den Gesprächen zwischen Leonides und Sala ist der Roman höchst politisch. Und er bleibt es auch gegen Ende, wenn es darum geht, ob die Vergewaltigung zur Anzeige gebracht werden soll. Dann geht es weniger um das Verhältnis von Staaten zueinander, um ihre inter- und transnationale Geschichte, sondern um Werte- und Rechtssysteme, allen voran dem deutschen, in dem ein Diebstahl schwerer zu wiegen und weniger zu bezweifeln zu sein scheint als eine Vergewaltigung.


Ich freue mich über die Entscheidung der Jury, Antje Rávik Strubels Blaue Frau mit dem Deutschen Buchpreis 2021 auszuzeichnen. Ein wirklich empfehlenswerter Roman mit viel Gefühl für emotionale Spannungen, die Suche nach dem Selbst, zwischenmenschliche Hürden, die Differenz zwischen Oberfläche und Tiefgründigkeit, Schein und Sein, für Politik und Poesie.

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