• Tanja

Becoming von Michelle Obama

"I know you're really here to see Michelle", verkündete Barack Obama beim Women's Summit 2016, kurz bevor er sich selbst als Feminist bezeichnete. Gleiches galt für mich, als ich mir - etwas verspätet, aber immerhin passend im zeitlichen Rahmen der US-Wahlen 2020 - Michelle Obamas 2018 erschienene Autobiografie "Becoming", auf deutsch gelesen von Katrin Fröhlich, anhörte. Mit über 500 Seiten bzw. 1122 Minuten keine kurze Geschichte, die unter dem Titel "Becoming", also "Werden", durch Michelle Obamas Leben führt.


Dieses Werden ist in drei Teile untergegliedert.


Becoming Me - Kindheit und Jugend


Wie ein Stückchen heile Welt beschreibt Obama ihre Kindheit in der South Side Chicagos, in eher bescheidenen Verhältnissen, jedoch in einer liebenden und fürsorglichen Familie. Trotz äußerer Umstände wie fehlenden finanziellen Mitteln für gute Bildung an der Primary School, fehlenden angeborenen Privilegien und ständiger Selbstzweifel, ob man nicht doch fehl am Platz ist, ob man selbst eigentlich gut genug sei, schafft es Michelle Robinson nach Princeton und Harvard, studiert Jura und arbeitet schon in jungen Jahren in einer angesehenen Hochglanz-Kanzlei. Was für viele nach "American Dream" klingen mag, ist für die ehrgeizige Karrierefrau, die diese Ziele durch Fleiß erreichte, nicht so erfüllend wie erhofft. Eine Schwarze Frau, die nach einem höchst beachtlichen Werdegang in ihren ersten 25 Lebensjahren plötzlich ihre - wohlgemerkt selbst erarbeiteten - Privilegien erkennt und kein Glück in ihnen findet. Andere Tätigkeiten müssen her, ein Mehrwert, ein Sinn.


Becoming Us - Partnerschaft und Familie


Noch während ihrer juristischen Tätigkeit lernt sie Barack Obama kennen, der als Sommerpraktikant in die Kanzlei ihres Arbeitgebers kommt und von ihr betreut wird. Aus der anfänglich beruflichen, dann freundschaftlichen Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden gegensätzlichen Persönlichkeiten eine Partnerschaft - liebevoll, realistisch, gleichberechtigt. Dass gerade dieser letzte Aspekt jedoch ins Wanken gerät, sobald Kinder ins Spiel kommen, wird nicht beschönigt. Besonders ergreifend die Stelle an der Michelle Obama Zuhause sitzt, sich selbst im Rahmen der Hormonbehandlung nach einer Fehlgeburt regelmäßig Spritzen verabreicht, die den Erfolg einer künstlichen Befruchtung steigern sollen, während ihr Ehemann Meilen entfernt seiner neu entdeckten politischen Arbeit nachgeht. In einem späteren Interview mit dem Stern begründet sie diese Ehrlichkeit und private Enthüllung mit ihrem Wunsch nach Authentizität: "Wenn Leute mich als Ikone sehen, dann sollen sie alles von mir sehen." Gerade Frauen müssten ehrlich zueinander sein, ihre Geschichten und die ihrer Körper erzählen, Tabus brechen, um zu Solidarität zu finden. Gerade beim Thema Fehlgeburten herrscht weitläufig Unwissen über die Häufigkeit dieser schwerwiegenden Verluste, die meist in Schweigen gehüllt werden.


Als die Töchter Sasha und Malia, die im Vorwort als "die beiden allergrößten Schätze und Grund zu Leben" bezeichnet werden, das Familienglück endlich bereichern, betrifft dies erneut vor allem den Alltag ihrer Mutter. Zwar macht sie auch im beruflichen Umfeld ihre Rechte geltend und erscheint bspw. bereits zum Vorstellungsgespräch mit Kleinkind, um die Flexibilität des Arbeitgebers zu testen. Zwar kann sie sich auf ein ehrliches Netzwerk sich unterstützender Mütter und auf den Beistand ihrer eigenen Mutter zurückgreifen. Doch letztlich ist sie es, die für die Kinderbetreuung zuständig ist, während ihr Mann in einem politischen Paralleluniversum lebt. In diesem sei Vaterschaft, bzw. überhaupt ein Privatleben unerwünscht. Wer zu Beginn eines neues Jahrtausends (unter Berücksichtigung der damaligen Ängste bezüglich möglicher Katastrophen zum Milleniumswechsel) seine Frau mit an hohem Fieber erkranktem Kleinkind nicht alleine in einem Hotel zurücklässt, um wegen einer Abstimmung kurzfristig zum Ort des Geschehens zu fliegen, wird aufgrund dieser Entscheidung von politischen Gegner*innen scharf angegriffen. Auch sei es zeitlich an vielen Tagen unmöglich gewesen Arbeit und Familie zu vereinen, die Kinder noch zu sehen bevor diese zu Bett gingen. Ihre eigenen Regeln aufzustellen und beizubehalten und ihr Leben und das der Kinder nicht komplett nach dem Job ihres Mannes auszurichten (den sie ohnehin nie befürwortet hatte) lernt Michelle Obama durch eine Paartherapie. Eine weitere Enthüllung, die das Bild der perfekten Familie normalisiert.


Becoming More - Zeit der Präsidentschaft


Auch - oder besonders - im Weißten Haus gibt es kein Ausbrechen aus den vorgesehenen Rollen. Nur im Kosmos der weiblichen Sphäre gelingt es der First Lady eigene Ziele zu verfolgen: Aufklärung über die Zusammenhänge von Gesundheit und Nahrung - vor allem für Kinder, das Anlegen eines Gemüsegartens auf dem gepflegten Grün des Weißen Hauses, eine Verbesserung der Bildungschancen für Kinder aus wirtschaftlich schwächeren Familien. Obgleich all diese Projekte lobenswert sind, die binäre Aufteilung bleibt: der Präsident der Vereinigten Staaten begleitet vom Mann mit dem Koffer für die Atomwaffencodes und seine Frau, die sich für Kinder und Soziales engagiert, wenn sie nicht gerade das Geschirr für die nächste Veranstaltung aussuchen muss.


Obwohl die politische Wirkmächtigkeit der First Lady eigentlich nicht vorgesehen ist, so steht sie doch wie kaum eine andere Person im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Welche Kleidung trägt sie? Welchen Faux-pas erlaubt sie sich beim Besuch der Queen? Welche unvorteilhafte Formulierung unterläuft ihr bei ihren Reden und wird gleich gegen den Wahlkampf ihres Mannes verwendet? Ein Coaching für das Leben und Handeln unter dem gesellschaftlichen Mikroskop gibt es nicht. Zudem: Rassistische Stereotype wie das der "wütenden schwarzen Frau" begleiten sie auf Schritt und Tritt. Diskriminierende Vorurteile werden jedoch nicht nur auf den nicht zu verachtenden Nebenschauplätzen, in Zeitungen oder im Fernsehen sichtbar, sondern auch direkt auf der politischen Bühne. Dazu zählte die von Donald Trump angeheizte, Jahre andauernde Kampagne rund um die Behauptung, Barack Obama sei nicht in den USA geboren und könne demnach eigentlich gar nicht Präsident sein. "Das werde ich ihm nie vergeben", kommentiert Obama, die das Ausmaß solcher Mittel drastisch als Bedrohung der Sicherheit ihrer Familie erlebte - nicht nur als politischen Schachzug.


Ausgerechnet dieser rassistischen, sexistischen, und demokratiegefährdenden Person mussten die Obamas letztlich das Weiße Haus überlassen, das Land und seine Bürger*innen übergeben. Eine Spur von Resignation am Ende zweier Amtszeiten, die sich aus Sicht der*des Lesenden deutlich einfacher ertragen lässt, nachdem nun bekannt ist, dass Trump seinen Posten in wenigen Tagen endlich räumen muss.


Was lässt sich aus der Lektüre der Biografie mitnehmen?


Die vielen Stimmen, die auf eine Kandidatur Michelle Obamas hofften, dürften langsam verstummen. Unmissverständlich wird an mehreren Stellen der Biografie immer wieder erwähnt, dass dieser Fall nicht eintreten wird, sie noch immer kein Fan der Politik ist und sie für ein manipulatives Feld der Machtdemonstration und des gegenseitigen Boykotts hält.


Was ich persönlich aus der Lektüre des Buches mitnehme, ist tatsächlich die Bedeutung des Titels - das Werden. Immer wieder finden sich im Laufe ihres Lebens Momente, in denen Michelle Obama innehält und eine Bestandsaufnahme ihrer Situation anfertigt, nach ihren Zielen fragt und beides miteinander verknüpft: Ist der Weg, auf dem ich mich befinde, der richtige? Muss ich Weichen neu stellen, um etwas Bestimmtes zu erreichen? Verwirkliche ich gerade meine eigenen Träume, oder hechle ich den Idealvorstellungen anderer hinterher? Fragen, die wir uns nicht nur in jungen Jahren stellen sollten, sondern etappenweise ein Leben lang.


Die Biografie endet zeitgleich mit dem Abschluss der Präsidentschaft 2017. Zu diesem Zeitpunkt, vor ziemlich genau vier Jahren, begann für die Obamas ein neues, ruhigeres, privateres und zugleich freieres Kapitel. Was in den nächsten Jahren "wird", bleibt abzuwarten.


Zum Hörbuch:


Becoming

  • von Michelle Obama

  • ins Deutsche übersetzt von Elke Link, Andrea O'Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner-Shane und Henriette Zeltner

  • gelesen von Katrin Fröhlich

  • erschienen 13.11.2018

  • EAN: 9783844529661



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